Ausstellung im Gropius Bau: Marina Abramović erforscht Erotik denn Lebenskraft

Fotografie "Woman massaging breasts" von Marina Abramovic

Stand: 20.04.2026 • 16:31 Uhr

Erotik setzt künstlerische Kräfte frei, ihre Unterdrückung hingegen Aggression: Um das in Berlin zu zeigen, nutzt die Künstlerin Marina Abramović Erfahrungen aus ihrer Heimat im ehemaligen Jugoslawien.

Von Vera Drude, RBB

Am Anfang der Ausstellung steht eine unscheinbare Frauenfigurine, etwa zehn Zentimeter groß, ohne Kopf oder Arme, aber dafür mit einem voluminösen Hintern. „Fast wie ein Kardashian-Hintern“, kommentiert Jenny Schlenzka, die Direktorin des Gropius Bau.

Mehr als 8.000 Jahre ist diese Darstellung einer Fruchtbarkeitsgöttin alt und wurde vor wenigen Jahren in Mazedonien gefunden. Sie ist der perfekte Auftakt, um über Erotik und den Balkan zu sprechen: „Marina Abramović redet immer darüber, dass diese erotischen Kräfte etwas Uraltes sind, und genau das zeigt diese Figur“, erklärt Schlenzka.

Der Balkan als wiederkehrendes Thema

Sie kennt Marina Abramović seit mehr als 20 Jahren. In der neuen Ausstellung verbindet die Künstlerin neue Arbeiten mit den frühen, denn der Balkan war immer schon Abramović‘ Thema. Die Künstlerin wurde in Belgrad geboren, doch bezeichnet sich bis heute als Jugoslawin.

Blick in die Marina-Abramović-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Internationale Aufmerksamkeit bekam sie 1997 mit ihrer Arbeit „Balkan Baroque“ bei der Biennale in Venedig, für die sie mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Als Reaktion auf die Balkan-Kriege der 1990er-Jahre schrubbte Abramović vier Tage lang blutige Rinderknochen mit einer Drahtbürste. Ihre neuen Arbeiten haben mehr Leichtigkeit und lassen ihren Witz durchblitzen.

Heitere und lebensbejahende Arbeiten

Das Fruchtbarkeitsritual, bei dem sich Frauen in Balkantracht ihre nackten Brüste massieren, kann so auch unterhaltsam gesehen werden, wie Jenny Schlenzka bemerkt: „Wir können in der Ausstellung zeigen, wie sie von einem ganz ernsten, kritischen, fast düsteren Verhältnis zu ihrem Körper und zu ihrer Herkunft kommt. Heute ist ihr Umgang damit ganz anders: Viel heiterer und lebensbejahend schaut sie auf die Rituale, Körper und Sexualität.“

Fotografie „Women massaging breasts“ von Marina Abramović.

Zusammen mit der Künstlerin haben die Kuratorin Agnes Gryczkowska und Jenny Schlenzka die Ausstellung geplant und konzipiert. Dafür waren die beiden drei Tage im Haus von Abramović im Hudson Valley nördlich von New York City zu Besuch. Genau wie die Teilnehmer von Abramović‘ regelmäßigen Workshops begannen sie ihre Tage mit der Künstlerin schwimmend im Fluss, kochten und lachten gemeinsam viel.

Abramović lebt die Extreme

„Sie ist die stärkste Frau, die man sich vorstellen kann, und andererseits ist sie wahnsinnig zerbrechlich“, sagt Schlenzka. Auch in ihrer Kunst lebt Abramović diese Extreme: angefangen bei Performances wie „Rhythm 5“ aus dem Jahr 1974, bei dem die Künstlerin in einem brennenden Stern liegend ohnmächtig wurde, bis hin zu ihrer bis heute bekanntesten Performance „The Artist Is Present“.

Die Künstlerin Marina Abramović: Spannungsraum zwischen Stärke und Verletzlichkeit.

In der gleichnamigen Ausstellung im Museum of Modern Art in New York im Jahr 2010 saß die Künstlerin an 75 Tagen während der Öffnungszeiten ohne Unterbrechung auf einem Stuhl. Ihr gegenüber konnten Besucher Platz nehmen und so in Kontakt mit der Künstlerin treten. Entstanden sind tief berührende Szenen.

Kindheit im kommunistischen Jugoslawien

Abramović sagt, ihre Kindheit und Jugend habe sie zu der Person gemacht, die diese Kunst erschaffen kann. Ihre Eltern hatten als Partisanen im Zweiten Weltkrieg gekämpft, ihre Mutter war unter Tito eine hohe Funktionärin. Die ersten Jahre ihres Lebens wuchs Abramović bei ihrer sehr gläubigen Großmutter auf, bei der sie auch die alten Rituale des Balkans kennenlernte.

Eindrücke der Ausstellung „Balkan Erotic Epic“.

Hier bekam sie Liebe, die ihr laut ihrer Erzählung bei der strengen Mutter verwehrt blieb. Bei ihr galt der kommunistische Drill. Diese gegensätzlichen Einflüsse sind in der Ausstellung „Balkan Erotic Epic“ spürbar. Erotik ist für Marina Abramović nicht Fortpflanzung, Sex oder Pornografie, sondern eine spirituelle, verbindende Kraft.

Erotik als allgegenwärtige Lebenskraft

Die Inspiration für die neuen Performances zum Thema Erotik zieht sie aus Riten, überlieferten Sagen und Bräuchen vom Balkan – doch bei der Darstellung nimmt sie sich ihre künstlerische Freiheit. Frauen kneten ihre nackten Brüste für eine gute Ernte oder heben die Röcke und zeigen ihre Vulven, um den Himmel zu bitten, den Dauerregen einzustellen.

Marina Abramović, Kafana aus der Serie „Balkan Erotic Epic“.

Für Abramović steckt die erotische Kraft in allem, in den Menschen genauso wie in der Natur, beschreibt Schlenzka. Werde diese Energie nicht „in Ritualen oder sexuellen Erfahrungen“ ausgelebt, könne sie umschlagen: „Aus ihr wird Aggression und Zerstörung – und wir sind an einem weltpolitischen Punkt, wo das sehr wichtig erscheint“, sagt Schlenzka. So kritisiert die Ausstellung beispielsweise den Tito-Kult und den später entstehenden Nationalismus, der auf dem Balkan zu Genozid und Krieg führte.

Erwachte Erotik im Alter

Marina Abramović lebt heute ihre Erotik, sagt sie. Das war nicht immer so: Erst im Alter von 24 hatte sie zum erste Mal Sex und konnte ihn erst viele Jahre später genießen. Erst in ihren 70ern sei ihre persönliche Erotik wirklich erwacht. Heute hat sie einen 20 Jahre jüngeren Freund und reiht sich damit ein neben anderen Performerinnen mit jüngeren Partnern wie Madonna oder Cher.

Die Performance „Nude with Skeleton – Akt mit Skelett“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

„In unserer Kultur denkt man ja immer, ältere Menschen haben keine sexuellen Erlebnisse. Marina erzählt, dass es für sie genau das Gegenteil ist. Das hört sich natürlich gut an“, meint Schlenzka lächelnd. „Da freut man sich drauf, oder?“

Source: tagesschau.de