Antifaschistische Kunst: Was ist quasi mit „Antifa“ gemeint?

Es war ein weiteres bizarres wie destruktives Manöver – im Herbst des vergangenen Jahres ließ Trump erst „die Antifa“ in den USA und später die deutsche „Antifa-Ost“ auf die Terrorliste setzen. Selbstredend handelt es sich dabei in beiden Fällen um lose Bewegungen und nicht um Organisationen. Doch alsbald forderten auch hierzulande AfD-Politiker lauthals ein „Antifa-Verbot“. Vor diesem Hintergrund also muss man die in Kooperation mit dem Goethe-Institut entstandene Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Antifascism: Now“ sehen, die nun im städtischen Kunstraum „Lothringer 13 Halle“ in München eröffnet wurde.

Aber was ist überhaupt mit Antifa(schismus) gemeint? Dieser Frage widmet sich eine große, im Schaufenster platzierte Kontaktanzeige, welche die Besucher von der Straße aus sehen, ehe sie den Ausstellungsraum betreten. Auf Bosnisch und Englisch steht dort geschrieben: „Mann (37) aus Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, sucht nach einer Person, um über Antifaschismus zu sprechen.“ Darunter ist eine Telefonnummer angegeben. Es handelt sich um eine raffinierte Arbeit von Bojan Stojčić, der seine Kontaktanzeige zusätzlich auch in mehreren Zeitungen aufgab. Aus den Interaktionen mit den Menschen, die sich daraufhin bei ihm melden, möchte der Künstler eine eigene Zeitung erstellen und der Schau im Sommer hinzufügen, bevor sie endet.

Eine Installation des Rojava Center for Democratic Technologies
Eine Installation des Rojava Center for Democratic TechnologiesChristian Kain

In den vergangenen Jahren wurde viel darüber diskutiert, wie eng oder weit man den Faschismusbegriff fassen sollte und ob er geeignet ist, auf Putins Russland oder Trumps Amerika angewendet zu werden. Während Faschismus wieder als analytische Kategorie herangezogen werde, gerate sein Gegenteil, der Antifaschismus, zunehmend ins Visier der Stigmatisierung und Desinformation, schreibt der Philosoph Alberto Toscano in einem Essay zur Ausstellung.

Kalas Liebfried, der philosophisch ausgebildete künstlerische Leiter und Kurator der Schau, möchte den Antifaschismus eben nicht als „eng links codierten Begriff“ verstanden wissen, sondern als „lebendige, plurale und präventive Gegenkraft“ gegen autoritäre Entwicklungen der Gegenwart – Antifaschismus als „demokratischer Imperativ“. Sprich: Antifaschismus als offene demokratische Praxis im öffentlichen Raum, nicht als Selbstbeweihräucherung einer diskursiven Blase. Die Ausstellung in München, begleitet von einem dichten diskursiven Programm, stellt nur den Anfang eines großangelegten, mehrjährigen Vorhabens dar: Durch insgesamt fünfzehn Standorte – darunter Athen, Pristina, Belgrad, Lwiw, Tirana – soll „Antifascism: Now“ bis zum Jahr 2028 wandern, wobei das Ludwig Forum Aachen die finale Station bilden wird.

Gegen das russische Propagandanarrativ der „ukrainischen Nazis“

Der geographische Schwerpunkt der Werke liegt auf dem Südosten und Osten Europas, Liebfried selbst kommt aus Bulgarien. Es geht um die Kriege in Jugoslawien und die Zeit nach ihnen, um das Erstarken der Ultrarechten in Ostdeutschland und – ganz zentral – um den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Den buchstäblichen antifaschistischen Kampf heroisieren zwei Aquarelle aus der Serie „With Ribbons and Flags“ des vergangenen Sommer im Alter von 39 Jahren an der Front gefallenen Künstlers und anarchistischen Aktivisten David Chichkan. Er arbeitete von 2022 bis zum Sommer 2024 an ihr, ehe er sich freiwillig zum Militärdienst meldete. Im Stil politischer Plakate porträtierte Chichkan linke Soldaten, die auf der Seite der Ukraine gegen die russischen Invasoren kämpften. Den Himmel über ihnen versah er mit bunten Bändern, wobei Rot den Sozialismus, Violett den Feminismus, Schwarz den Anarchismus und Blaugelb die Ukraine symbolisieren. Er wollte mit seiner Kunst demonstrieren, dass auch Linke in der ukrainischen Armee kämpfen, und zugleich gegen das russische Propagandanarrativ der „ukrainischen Nazis“ anmalen.

Eine Installation von Marco Fusinato
Eine Installation von Marco FusinatoChristian Kain

Während der streitbare Chichkan für seine stets hochpolitischen Arbeiten, in denen er etwa die Dekommunisierung in der Ukraine im Sinne einer Verteufelung linker Ideen anprangerte, zu Lebzeiten viel Gegenwind erhielt – seine Ausstellungen wurden zensiert, abgesagt und sogar von Neonazis demoliert – ist er nach seinem Tod aus dem Kanon der zeitgenössischen ukrainischen Kunst nicht mehr wegzudenken.

Das wahre Gesicht des Imperialiusmus

Zu ihm gehört auch Nikita Kadan. Seine Skulptur „Fountain of People’s Friend-ship“ aus dem Jahr 2024 verfremdet ein bekanntes imperiales Monument. In seiner ursprünglichen Form handelt es sich beim „Brunnen der Völkerfreundschaft“ um einen über sieben Meter hohen neoklassizistischen Brunnen, der zwischen 1951 und 1955 als Teil der „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ in Moskau errichtet wurde, des wichtigsten sowjetischen Messegeländes.

Den bis heute erhaltenen und 2019 instand gesetzten Brunnen zieren sechzehn mit Blattgold überzogene Frauenfiguren, die auf Granitpodesten rund um das Bassin platziert sind und die Republiken der Sowjetunion symbolisieren. Kadan entledigt das Monument seines Prunks, entblößt dessen imperiale Symbolkraft, indem er es auf ein stark verkleinertes blaues Metallgerüst mit wenigen Metern Durchmesser reduziert. Die goldenen Frauendarstellungen ersetzt er durch zerbrochene Keramikfiguren, die er in Butscha nach der mörderischen Besatzung gefunden hat. So führt der Künstler das wahre Gesicht des russischen Imperialismus vor: Gewalt und Zerstörung.

In der nach einem russischen Kurzstreckendrohnentyp benannten immersiven Installation „Privet-82“ lassen Lexi Fleurs und Nikol Goldmann die Besucher im Gaming-Stuhl sitzend die Perspektive russischer Drohnenpiloten einnehmen, die ungeachtet des Kriegsrechts mit Vorliebe zivile Ziele ansteuern. Das wissen die beiden Künstlerinnen aus eigener Erfahrung: Als sie blaue Pressewesten tragend in Frontnähe unterwegs waren, wurden sie von solchen Kampfdrohnen verfolgt.

Rekonstruktion eines Mordes per Video

Viele der gezeigten Arbeiten weisen einen dokumentarischen oder medienbasierten Charakter auf, führen Unrecht nicht nur vor, sondern wehren sich dagegen. So auch ein Video der Recherchegruppe „Forensic Architecture“ um Eyal Weizman, die sich auf die Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen mittels 3D-Modellierung spezialisiert hat. Das Video rekonstruiert den Mord an Pavlos Fyssas, eines griechischen Rappers, der 2013 vom Neonazi und Mitglied der rechten Partei „Goldene Morgenröte“ Giorgos Roupakias ermordet wurde. Vor Gericht wurde die Partei bei einem großangelegten Prozess im Jahr 2020 nicht zuletzt dank dieses Beweisstücks als kriminelle Organisation eingestuft.

Wer sich von der stetig verdüsternden Realität gelähmt fühlt, dem sei ein Besuch der Ausstellung dringend empfohlen. Dass sie kurz nach ihrer Eröffnung vom Hetzportal „Nius“ und AfD-Politikern mit Hasstiraden überzogen wurde, spricht im Übrigen für sie. Ihr antifaschistischer Elan – im Sinne eines „demokratischen Imperativs“ – wirkt nicht nur überzeugend, sondern geradezu ansteckend.

Antifascism: Now. Lothringer 13 Halle, München; bis zum 31. Juli. Kein Katalog.

Source: faz.net