Herr Gill, welchen Rang nimmt der Krieg gegen Iran in der länger werdenden Liste globaler Krisen ein?
Wir analysieren die wirtschaftlichen Folgen dieses Konflikts anhand verschiedener Szenarien, die sich in Dauer und Schwere der Krise unterscheiden. Bei der Einschätzung der Schwere berücksichtigen wir unter anderem das Ausmaß der Zerstörung von Infrastruktur und Produktionsanlagen. Selbst wenn die Krise morgen endete, würde es einige Zeit dauern, bis Flüssiggas wieder in früherem Umfang geliefert werden könnte. Wir untersuchen dann, wie sich die Preise für Rohöl, Düngemittel und Gas entwickeln, wenn die Krise anderthalb Monate, bis zu drei Monate oder sechs Monate und länger andauert. Im schlimmsten Fall wächst die Weltwirtschaft nur noch um 1,7 Prozent statt um drei Prozent, während die weltweite Inflation auf 4,7 Prozent steigt. Hinzu kommen Zweitrundeneffekte: steigende Zinsen und höhere Nahrungsmittelpreise. Gerade Letztere bereiten uns große Sorgen. Höhere Zinsen engen den finanzpolitischen Spielraum ein. Die meisten Länder sind hoch verschuldet.
Wie erklären sich die höheren Nahrungsmittelpreise?
Wegen der Angebotsengpässe verteuert sich Dünger genau zu dem Zeitpunkt, zu dem er ausgebracht werden muss. Ein wenig Zeit bleibt noch. Aber die ersten Landwirte reagieren bereits, indem sie Weizen und Reis durch Pflanzen ersetzen, die weniger Stickstoff benötigen. Oder sie bauen weniger Getreide an oder setzen weniger Dünger ein. Jede dieser Optionen ist schlecht.
Erwarten Sie mehr Hunger in der Welt?
Ja. Es ist eine schwere Krise, schlimmer als die Ukrainekrise und auch schlimmer als frühere Ölkrisen.
Während der Covid-Krise und der durch den Angriff auf die Ukraine ausgelösten Energiekrise zeigte sich die Weltwirtschaft widerstandsfähiger, als Ökonomen, Institutionen und Journalisten erwartet hatten. Könnte es diesmal nicht ähnlich sein?
Zwar stimmt es, dass schlechte Nachrichten oft überbetont werden. Diesmal ist die Lage aber kritischer, weil die Regierungen wegen der hohen Schulden weniger Spielraum haben, Schwächen des privaten Sektors auszugleichen. Hinzu kommt: Die Weltwirtschaft wirkt nur deshalb robust, weil die großen Volkswirtschaften – die Vereinigten Staaten, China und Indien – den Sturm vergleichsweise gut überstanden haben. Für den Rest der Welt gilt das weit weniger. Selbst andere große Volkswirtschaften wie Deutschland und die EU, Mexiko, Brasilien und Südafrika haben die Krisen deutlich schlechter verkraftet. Die Wachstumsrate von 1,7 Prozent im Negativszenario fällt noch schlechter aus, wenn man die USA, China und Indien herausrechnet. Dann nähert sich das Wachstum einem Prozent. Fiele es darunter, hätten wir eine globale Rezession.
Vor zehn Jahren hatte die Welt gerade eine außerordentlich erfolgreiche Phase im Kampf gegen Hunger und Armut hinter sich. Seither ist der Fortschritt ins Stocken geraten. Warum?
Grob gesagt geht es ärmeren Ländern gut, wenn es reichen Ländern gut geht. Zwischen 1990 und 2015 lief es in den Industrieländern gut, und davon profitierten auch Schwellen- und Entwicklungsländer. Die Armut ging drastisch zurück, nicht nur in China und Indien. Als die Wirtschaft in den reichen Ländern ins Stocken geriet, traf das den Rest der Welt mit. Der zweite entscheidende Faktor ist aber, dass die Handelshemmnisse in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen haben.
Es ist also nicht nur Trump mit seiner Vorliebe für Zölle?
Nein. Die großen Volkswirtschaften verzerren den Handel seit fünfzehn Jahren in einem beispiellosen Ausmaß, nicht erst seit den vergangenen fünfzehn Monaten.
Sie sprechen also nicht nur über Zölle?
Nein, ich meine sämtliche Handelshemmnisse. Wachstum beruht auf einer stabilen Wirtschaft mit niedriger Inflation, auf privaten Investitionen und auf Handel. Die Stabilität hat abgenommen, die Inflation ist zuletzt gestiegen; Investitionen werden unattraktiver, wenn hohe Staatsschulden zu höheren Steuern führen. Und schließlich zeigen sich gerade die G-20-Staaten deutlich feindseliger gegenüber dem freien Handel als kleinere Länder. Sie haben Zölle nicht so stark gesenkt wie kleinere Volkswirtschaften. Gleichzeitig verhängten einige Import- und Exportverbote. Andere erließen spezifische Standards – teils aus guten Gründen, etwa dem Verbraucherschutz, teils aus schlechten, nämlich zum Schutz heimischer Produzenten. Auch die Europäer haben ihre Standards nach 2008 und 2009 massiv ausgeweitet. Und sie taten das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Einfuhren deutlich zunahmen. Das wirkt verdächtig wie Handelshemmnisse.
Standards sind aber nicht nur schlecht, wie Sie selbst einmal in einem Artikel für den „Economist“ geschrieben haben.
Ja, richtig eingesetzt sind Standards der stille Katalysator des Fortschritts. Die Standardisierung von Containern auf eine bestimmte Größe hat zum Beispiel mehr zum Welthandel beigetragen als die meisten Freihandelsabkommen. Das war allerdings ein freiwilliger Standard, den niemand vorgeschrieben hat. Staatlich verordnete Standards dagegen können andere Länder dazu verleiten, ihrerseits Standards einzuführen. Das Ergebnis ist eine Abwärtsspirale.
Warum haben seit 1990 nur etwas mehr als 30 der 110 Länder mit mittlerem Einkommen den Aufstieg in die Gruppe der reichen Staaten geschafft?
Ein Land pro Jahr, das ist zunächst nicht so schlecht. Das Problem ist, dass diese Aufsteiger sehr besondere Voraussetzungen hatten, die sich schwer kopieren lassen. Die osteuropäischen Länder profitierten von der Europäischen Union. Die zweite Gruppe verstand es, Öl- und Gasvorkommen sowie hohe Rohstoffpreise mit solider Politik zu verbinden. Der dritte Weg ist der altdeutsche: viel arbeiten und viel sparen. Diesem Muster folgten die ostasiatischen Tigerstaaten. Alle drei Modelle lassen sich nur schwer nachahmen. Allgemein gilt jedoch: Länder entkommen der Falle, wenn sie bereit sind, schöpferische Zerstörung zuzulassen.
Das müssen Sie erläutern.
Für Länder mit mittlerem Einkommen ist es außerordentlich schwierig, in die Gruppe der wohlhabenden Staaten aufzusteigen, weil sie dafür die Struktur ihrer Volkswirtschaft grundlegend verändern müssen. Erfolgreiche Länder wie Chile, Polen und Südkorea haben drei Dinge besonders gut gemacht: Sie ließen unproduktive Unternehmen unter Wettbewerbsdruck verschwinden, statt sie mit Staatshilfe zu schützen. Sie bauten Hemmnisse ab und brachten mehr Menschen – insbesondere Frauen – in den Arbeitsmarkt. Und sie nutzten Krisen, um alte Strukturen aufzubrechen. Gerade in Zeiten der Krise, als die Verteidiger des Status quo geschwächt waren, setzten sie Reformen durch.
Sie sind selbst in Indien geboren. Warum hat Indien nicht dieselben Wachstumsraten erreicht wie China?
Noch nicht, würde ich betonen – auf diesem „noch“ liegt das Gewicht. Ich sehe für Indien in den kommenden zwei Jahrzehnten ein enormes Entwicklungspotential.
Inwiefern?
Indien hat unter allen großen Volkswirtschaften die günstigste Demographie. Der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter wird im Verhältnis zu Kindern und Älteren so hoch sein wie nie. Zugleich ist die private Verschuldung niedriger als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. Der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt liegt in Indien heute bei 60 Prozent. In China sind es 40 Prozent. Indien ist nicht das nächste China: Das Wachstum dort ist viel ausgewogener; es wird nicht mit hohen Kosten für Arbeitsplätze in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften einhergehen.
Woran mangelt es Indien?
Wir kommen zurück auf die „middle income trap“, die Falle der mittleren Einkommen. China hat erkannt, dass es die Struktur seiner Wirtschaft verändern musste. Der Weg dorthin lautete: innere Reformen und Öffnung nach außen. Indien hat von beidem weniger getan. Ich sage indischen Politikern immer wieder: Zwei Jahrzehnte vergehen sehr schnell, und Indien wird nie wieder so gut aufgestellt sein wie in den nächsten zwanzig Jahren. Deshalb gefällt mir auch die Ankündigung des Premierministers: Indien soll zum 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit ein reiches Land sein. Das ist 2047, also in zwei Jahrzehnten. Indien sollte für zwei Jahrzehnte in den Missionsmodus schalten.
Setzen Sie also Ihre Ersparnisse auf Indien?
Dafür wertet die Rupie zu stark ab. Grundsätzlich bin ich für Indien aber sehr optimistisch. Wenn Deutschland sich fragt, mit welchem Teil der Welt es engere wirtschaftliche Beziehungen aufbauen sollte, dann sollte es Indien sehr ernst nehmen. Das Land verfügt über starke Fundamentaldaten.
Wie hoffnungsvoll oder besorgt sind Sie mit Blick auf die Ausbreitung Künstlicher Intelligenz?
Für viele Länder ist die Gefahr vermutlich geringer, als oft behauptet wird – sowohl innerhalb der Länder als auch im Verhältnis zu anderen Staaten. Zugleich bietet sie eine große Chance. KI kann den Staat effizienter machen: in Schulen, Krankenhäusern und Behörden. Sie kann den Alltag der Menschen erleichtern. Im besten Fall hilft sie Regierungen, in wenigen Jahrzehnten zu erreichen, wofür sonst Jahrhunderte nötig gewesen wären: gute Gesundheitsversorgung, gute Bildung, nützliche Dienstleistungen – und das in großem Maßstab.
Aber bedroht KI nicht Arbeitsplätze?
Ja, aber das Bild ist nicht nur düster. Ein Blick in die Geschichte hilft. Die Dampfmaschine hat viele Jobs in der Landwirtschaft verdrängt. Elektrizität, Computer und Internet haben ebenfalls Arbeitsplätze zerstört. Dennoch stand die Welt danach besser da, nicht schlechter. Später fraß die Automatisierung viele Stellen in der Industrie auf. Das waren oft harte, mühsame Tätigkeiten – ähnlich wie zuvor in der Landwirtschaft. Neu ist heute etwas anderes: KI bedroht nun auch Berufe, die wir lange für gute und sichere Tätigkeiten hielten. Das kann durchaus geschehen. Daten aus Ostasien über frühere Technologieschübe zeigen, dass Unternehmen Menschen durch Maschinen ersetzen. Das kostet Arbeitsplätze. Gelingt der Übergang aber, setzt ein zweiter Effekt ein: Die Produktion wächst stark. Dieser Skaleneffekt überwiegt den bloßen Ersatz von Arbeit. Frühzeitige Anwender verlieren zunächst Jobs, gewinnen später aber mehr durch zusätzliches Wachstum.
Welchen Rat geben Sie Politikern also?
Offen für neue Technologie zu sein. Grob gesagt sehe ich weltweit zwei Lager: In Asien und Nordamerika herrscht Zuversicht. In Europa, Südamerika und Afrika überwiegt die Skepsis. Dort wird oft gefragt: Was bedeutet das für Arbeitsplätze? Für Ungleichheit? Ich weiß nicht, wer am Ende recht behalten wird. Aber wenn ich wetten müsste, würde ich auf Nordamerika und Asien setzen. Denn dort sieht man die Chancen der KI ebenso klar wie ihre Risiken.