Um die Royal Navy zu überraschen, unternahm die kaiserliche Hochseeflotte 1915 einen Vorstoß in die Nordsee. Auf der Doggerbank geriet der Große Kreuzer „Blücher“ in einen Hinterhalt. Ein Zufall führte zur Entdeckung des Wracks.
Schon der Bau der „Blücher“ entsprang 1908 einer Fehlkalkulation. Die kaiserliche Marineleitung ging nämlich davon aus, dass es sich bei den auf Kiel gelegten Schiffen der britischen „Invincible“-Klasse ebenfalls um große Kreuzer handeln würde. Tatsächlich entstanden aber Großkampfschiffe nach dem Vorbild der „Dreadnought“. Als die SMS „Blücher“ 1915 in ein Gefecht mit Schiffen dieses Typs geriet, zeigten sich schnell ihre Mängel. Am 24. Januar wurde sie auf der Doggerbank versenkt; ein Foto, das vom Leiden ihrer rund 1052 Besatzungsmitglieder zeugt, zählt zu den Inkunabeln der Seekriegs-Geschichte. Nun wurde bekannt, dass Fachleute des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg im Sommer 2025 die „Blücher“ entdeckten.
Bei Bodenuntersuchungen für Standorte für Offshore-Anlagen in der Nordsee stießen Taucher im Juli 2025 auf ein riesiges Wrack, sagte BSH-Präsident Helge Heegewaldt auf einer Pressekonferenz in Hamburg. Es handle sich „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ um den im Ersten Weltkrieg gesunkenen Panzerkreuzer „Blücher“, zitiert das „Hamburger Abendblatt“ Heegewaldt: Unter anderem seien „typische Schäden durch Seegefecht erkennbar“.
„Die ,Blücher‘ befindet sich innerhalb der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone. Der Seegrund ist an dieser Stelle circa 42 Meter tief“, sagte der BSH-Präsident laut Bericht: „Es handelt sich um ein Seegrab.“ Daher schweigt sich die Behörde über den genauen Standort auf der mehr als 300 Kilometer langen Sandbank aus. Beim Untergang der „Blücher“ waren 792 Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen, 260 wurden gerettet und kamen in britische Kriegsgefangenschaft.
Das Gefecht auf der Doggerbank war das Ergebnis eines schlecht vorbereiteten Versuchs der kaiserlichen Hochseeflotte, Kriegsschiffe der Royal Navy mit „Nadelstichen“ aus ihren schottischen Basen zu locken und mit überlegenen Kräften zu attackieren. Dafür unternahm Admiral Franz von Hipper als Kommandeur der schnellen Aufklärungsstreitkräfte am 23. Januar 1915 einen Vorstoß gegen die englische Ostküste.
Sein Verband bestand aus drei modernen Großen Kreuzern, wie die kaiserliche Marine ihre Schlachtkreuzer bezeichnete, sowie der „Blücher“, die fast so schnell wie die anderen Einheiten war, mit ihren zwölf 21-Zentimeter-Geschützen aber über eine deutlich geringere Reichweite als die Schlachtkreuzer verfügte (Kaliber Hochseeflotte: 28; Royal Navy: 31 Zentimeter). Als schwerer Fehler erwies sich, dass es die kaiserliche Marineleitung unter Admiral Friedrich von Ingenohl unterließ, für eine Fernsicherung durch Schlachtschiffe zu sorgen, die bei einem britischen Angriff rechtzeitig zur Unterstützung hätten eingreifen können.
Weil die russische Marine 1914 ein deutsches Signalbuch erbeutet und an die Briten weitergereicht hatte, war es der Nachrichtenabteilung der Royal Navy gelungen, in den deutschen Funkcode einzubrechen. So wurde Hippers Anmarsch frühzeitig erkannt. Mit fünf Schlachtkreuzern stellte Admiral David Beatty den Deutschen eine Falle.
Am 24. Januar gegen 7.35 Uhr sichteten die beiden Verbände einander – nördlich der Doggerbank und 400 Kilometer westlich von Föhr. Hipper erkannte sofort, dass die Briten seinen Schiffen überlegen waren und gab Befehl zum Wenden. Doch nun erwies es sich als Fehler, dass die „Blücher“ zu seinem Geschwader gehörte, denn sie lief auf Dauer nur gut 25 Knoten, während die neueren deutschen und britischen Schiffe bis zu 28 Knoten erreichten. Um die „Blücher“ zu schützen, verzichtete Hipper daher darauf, auf Höchstgeschwindigkeit zu gehen, sodass Beattys Schiffe aufholen konnten.
Um 10 Uhr gerieten die deutschen Schiffe in die Reichweite der britischen Artillerie, während jene wegen ihrer kleineren Kaliber erst verzögert zurückfeuern konnten. Hippers Flaggschiff „Seydlitz“ erhielt schwere Treffer, konnte aber weitermarschieren. Beatty musste dagegen von der „Lion“ auf einen Zerstörer umsteigen.
Unklar gegebene und falsch verstandene Befehle sorgten anschließend dafür, dass die englischen Schiffe die Verfolgung abbrachen und ihr Feuer auf die zurückgebliebene „Blücher“ konzentrierten. Nachdem der Panzerkreuzer bis zu 100 Treffer erhalten hatte, neigte er sich kurz nach 13 Uhr nach Steuerbord und ging nach wenigen Minuten unter. Auf dem berühmten Foto, aufgenommen von dem britischen Begleitkreuzer HMS „Arethusa“, sind noch zahlreiche Besatzungsmitglieder zu sehen, die sich verzweifelt an der Außenwand der „Blücher“ festzuhalten suchten.
Obwohl zwei Schlachtkreuzer der Royal Navy schwer getroffen worden waren, gilt das Gefecht auf der Doggerbank als strategischer Sieg der Briten. Zwar zählte die Hochseeflotte mit der „Seydlitz“ nur ein schwer angeschlagenes Großkampfschiff. Aber die „Blücher“ war ein Totalverlust. Entscheidend aber war, dass Kaiser Wilhelm II., der um seine geliebte „schwimmende Wehr“ fürchtete, befahl, „die Flotte solle drin bleiben, dabei bleibe es.“ Ingenohl wurde durch Hugo von Pohl ersetzt, der sich darauf beschränkte, Gefechte nur noch in einem Gebiet zu riskieren, das binnen eines Tages von den Basen der Hochseeflotte erreichbar war.
Der offensichtliche Erfolg überdeckte die Schwächen der britischen Schlachtkreuzer. Diese Großkampfschiffe, deren höhere Geschwindigkeit gegenüber Schlachtschiffen mit deutlicher Reduktion ihrer Panzerung erkauft wurde, sollten in der Skagerrak-Schlacht Ende Mai 1916 dramatische Verluste hinnehmen. Drei Einheiten wurden von deutschen Salven versenkt, darunter die HMS „Invincible“. 1939 stellte die Kriegsmarine des Dritten Reiches einen Schweren Kreuzer in Dienst, der ebenfalls den Namen „Blücher“ erhielt. Er wurde im April 1940 bei der Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht von den Küstenbatterien vor Oslo versenkt.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Erste Weltkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de