„Natürlich ist jeder Bulle ein Schwein“, erklärt welcher Vermummte

Nach der Kritik an Moderatorin Julia Ruhs feiert Tanit Koch im Magazin „Klar“ ihr Debüt. Dabei will sie dem Phänomen der Gewalt gegen Polizisten auf die Spur kommen.

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Es sind drastische Szenen, mit denen die Sendung „Klar“ einsteigt. Ein Polizist mit weißem Helm wird von Dutzenden aggressiven Fußballfans eingekesselt. Wie ein Rudel im Blutrausch stürzen sie sich auf ihre Beute, treten und schlagen auf den Beamten ein. Der Polizist drückt sich immer weiter an eine Wand, die Arme schützend vor den Körper gezogen – doch die Fußballfans hören nicht auf und ziehen den Kreis immer enger.

Zielscheibe Polizei – Pöbeln, Hass, Gewalt“ hieß das Thema der Folge, die am Mittwochabend unter der neuen Moderatorin in der ARD ausgestrahlt wurde – nun mit Moderatorin Tanit Koch, der früheren „Bild“-Chefredakteurin (gehört wie WELT zu Axel Springer). Sie hatte die NDR-Ausgabe des Magazins nach einer öffentlichen Debatte über das Format übernommen, das in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) produziert wird.

Die damalige Kritik entzündete sich vor allem an BR-Moderatorin Julia Ruhs (mittlerweile auch „Bild“-Kolumnistin), trat sie doch von Anfang an mit dem Anspruch an, konfrontativ „unliebsame Themen und Meinungen“ sichtbar zu machen. Gerade diese Selbstbeschreibung wurde als Signal gelesen, dass sich das Format bewusst konservativer und gegen einen angeblichen linken Mainstream im öffentlich-rechtlichen Rundfunk positionieren sollte.

Nach der ersten Ausgabe „Schattenseiten der Migration“ kritisierten Kollegen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die junge Journalistin scharf. Schließlich gab es im NDR so viel Widerstand gegen Ruhs, dass sie ersetzt wurde.

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Sollte Tanit Koch also einen Ausgleich und eine Ehrenrettung bieten, dann hat sie diese Aufgabe mit Bravour erledigt. Ihre „Klar“-Ausgabe ist genau das Gegenteil von Krawall. Seriös, ausgewogen und unaufgeregt kommen alle Seiten zu Wort: betroffene Polizisten, die fast dienstunfähig geprügelt worden sind, wie ein Polizeioberkommissar aus Schleswig-Holstein, dem bei einem Routineeinsatz der Arm schwer verletzt wurde: „Ich würde sagen, das Leben im Dienst eines Polizisten ist von Gewalt komplett durchdrängt.“

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Forscher erklären, Gewerkschafter mahnen – und ja, sogar Täter äußern sich, zumindest fragmentarisch. So etwa bei der Luxemburg-Liebknecht-Demo, als Koch sich mit Mikro der aufgeheizten Menge nähert und mit vermummten Teilnehmern ins Gespräch kommen will. „Natürlich ist jeder Bulle ein Schwein“, erklärt einer der Vermummten.

Die größten Gefahren für Polizisten lauern laut Hendrik Hansen, Professor für politischen Extremismus in Berlin, weniger in spektakulären Ausnahmefällen als vielmehr bei scheinbar routinemäßigen Einsätzen: auf politisch aufgeheizten Demonstrationen von Links- und Rechtsextremen oder pro-palästinensischen Aktivisten, aber auch immer wieder im Fußballumfeld. Randale an Silvester dagegen – etwa 2023 in Berlin, als hauptsächlich migrantische Jugendliche Polizisten und Feuerwehrleute absichtlich mit Böllern beschossen und damit eine breite Diskussion über Gewalt gegen Einsatzkräfte in diesem Milieu anstießen – nennt der Forscher nicht.

Dennoch: Soweit alles sauber, korrekt und nachvollziehbar – und genau deshalb auch erwartbar. Denn die Sendung bestätigt hauptsächlich das, was ohnehin kaum bestritten wird: Laut Bundeskriminalamt wurden 2024 mehr als 106.000 Polizisten als Opfer von Gewalttaten registriert. Zwar relativiert sich das Bild bei genauerem Hinsehen: Rund 74 Prozent der Betroffenen blieben körperlich unverletzt, 19.260 Beamte wurden leicht verletzt, 94 schwer, ein Polizist getötet. Damit handelt es sich bei Gewalt gegen Polizisten nicht mehr um ein Randphänomen – Polizisten werden immer mehr zum Prügelknaben oder vielmehr Blitzableiter für gesellschaftliche Probleme und Unzufriedenheit.

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Und es hinterlässt natürlich einen bitteren Nachgeschmack, wenn Polizisten von den psychischen Folgen der alltäglich gewordenen Attacken berichten – und von den Tätern quasi entmenschlicht worden sind, weil man nicht mehr die Person in Uniform sieht, sondern einen Feind. Beleidigungen und Drohungen „kann man nicht mit der Uniform ausziehen“, wie Jochen Kopelke, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, sagt.

Doch es fehlt an Reibung, an Widerspruch, an der Frage, wo die Grenzen verlaufen, wo Verantwortung beginnt – und bei wem genau sie liegt. Und man fragt sich schließlich, an wen dieser „Perspektivwechsel“, den diese Sendung bieten will, eigentlich adressiert ist, wenn Koch sagt: „Bei Berichten über Polizeibeamte geht es regelmäßig um den Vorwurf, sie würden unverhältnismäßige oder exzessive Gewalt ausüben.“ Doch dabei bleibt es. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Aspekt findet nicht statt. „Am 29. April begrüßt Sie wieder meine Kollegin Julia Ruhs“, endet Koch. Dann ist wieder der Bayerische Rundfunk mit einer Folge dran. Die BR-Folgen moderiert Ruhs nach wie vor.

Source: welt.de

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