Wie soll man weiterleben, wenn bei einem Autounfall der Ehemann und die beiden Kinder sterben? Die wahre Geschichte einer Clownin kommt jetzt ins Kino – und zeigt einen überraschenden Umgang mit dem Tod.
Es gibt viele Arten, zu trauern. Hunderte Filme erzählen davon. „Manchester by the Sea“ etwa über ein Paar, das bei einem Brand seine drei Kinder verliert, „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ über den Schauspieler Joachim Meyerhoff, dessen Bruder im jungen Alter stirbt, sowie Erec Brehmers Dokumentation „Wer wir gewesen sein werden“ über den tödlichen Autounfall seiner Freundin.
Aber so wie in „Vier minus drei“ hat man den Umgang mit Verlust noch nicht gesehen. Der österreichische Regisseur Adrian Goiginger („Der Fuchs“) bringt in seinem Drama die wahre Geschichte der Barbara Pachl-Eberhart auf die Leinwand. Sein Film basiert auf ihrem 2010 erschienenen autobiografischen Bestseller und wurde von Senad Halilbašić („Der Pass“) in ein bewegendes Drehbuch verwandelt.
Alles an diesem zärtlichen, verblüffend lebensbejahenden Film ist besonders: von der Art, wie Barbara auf die Hiobsbotschaft des Arztes (Ronald Zehrfeld) reagiert, dass erst ihr Mann Heli, dann ihr Sohn und schließlich auch noch ihre Tochter gestorben sind. Bis hin zu der Würde, mit der sie sich schon wenige Tage später wieder zurück ins Leben kämpft. Klischees, Binsenweisheiten oder Kalendersprüche sucht man hier vergebens.
Aber abgesehen von dem, was sich dann alles an Zauberhaftem entwickelt, ist schon allein die Ausgangsprämisse phänomenal: Denn die Eberharts sind keine gewöhnliche Familie. Sie sind Clowns. Beide, Mutter Barbara (beeindruckend gespielt von Valerie Pachner) und Vater Heli (Robert Stadlober), arbeiten als professionelle Spaßmacher, sie im Krankenhaus, wo sie junge Patienten mit spontan gedichteten Liedern aufheitert, und er im Zirkus, wo er Luftballon-Kunstwerke aus dem Hut zaubert. Kennengelernt haben sie sich auf der Straße, als sie seiner Clown-Darbietung beiwohnte und ihn daraufhin unumwunden fragte, ob er noch eine Partnerin suche.
Wie also geht eine Clownin mit dem Verlust ihrer Familie um? Es sind nicht nur die über zwei Stunden verstreuten, warmherzigen Rückblenden zum Kennenlernen, Heiraten, Kinderkriegen, Frühstücken, Streiten und Versöhnen, die den Film davor bewahren, unerträglich zu werden. Sondern auch Barbaras heitere Art nach dem Unfall ermöglicht es, noch in den schlimmsten Momenten mit ihr gemeinsam zu lachen. Die Beerdigung etwa plant sie als buntes Fest. Ihre Clown-Kollegen treten auf, es wird gesungen und getanzt.
Die Spontaneität und Direktheit, ja der Pragmatismus, mit dem Barbara die großen und kleinen Fragen des Lebens angeht, nehmen den Zuschauer augenblicklich für sie ein. Wenn sie Kinder will, sagt sie es ihrem Partner einfach, auch schon beim zweiten Date. Wenn sie einen Job will, ebenso, auch beim ersten Kennenlernen. Wenn sie mit jemandem schlafen will, lädt sie ihn in ihr Auto ein, auch erst nach wenigen ausgetauschten Sätzen in der Club-Schlange.
Das Leben, weiß Barbara, ist ein Spiel, und Humor kann helfen, das Spiel zu gewinnen. Ihre neue Beziehung mit einem Landarzt-Schauspieler (Hanno Koffler), der zunächst als oberflächlicher Narzisst erscheint, beginnt etwa mit Doktorspielchen, in denen der Schauspieler den Arzt und sie die Clownin mimt.
Oft erzählen Verlustgeschichten von einem gesellschaftlichen Umfeld, das die widerspenstige Trauernde motiviert, doch endlich wieder Freude am Leben zu entwickeln. In diesem Drama, das nicht linear erzählt wird, ist das Gegenteil der Fall. Barbaras Freunde (endlich stiehlt Burgtheater-Schauspielerin Stefanie Reinsperger als beste Freundin mal nicht allen anderen die Show) und Kollegen müssen sie geradezu überreden, es langsamer angehen zu lassen, der Trauma-Verarbeitung mehr Zeit einzuräumen und vielleicht nicht schon eine Woche nach der Bestattung ihrer Familie wieder strahlend auf der Arbeitsmatte zu stehen.
„Bevor ich diesen Film drehte, interessierte ich mich nicht besonders für Clownerie. Ich dachte nur an Killerclowns oder unlustige Zirkusclowns. Doch dann las und recherchierte ich viel und verstand die gesamte Philosophie dahinter“, erklärt Goiginger in einem Interview mit dem „Hollywood Reporter“ anlässlich der Berlinale, wo sein Film mit Standing Ovations bedacht wurde. Tatsächlich ist „Vier minus drei“ nicht nur einer der originellsten Trauer-Filme, die man seit Langem gesehen hat, sondern auch einer der wenigen ernst zu nehmenden Clown-Filme.
Darf man das?
Die abgespaltene Künstler-Persona ist Barbaras Superkraft. Sie zieht sie immer dann aus der Tasche hervor, wenn sie mal nicht die trauernde Witwe sein will, sondern lustig, lebensfroh und albern – so, wie ihr Mann und ihre Kinder sie gekannt haben. „Niemand will jemandem 120 Minuten lang beim Weinen zusehen – nicht einmal in Europa“, gab Goiginger weiter zu. Deshalb sei es ihm wichtig gewesen, der Clown-Kunst gerecht zu werden. Das Clown-Spiel ermögliche es, gleichzeitig zu lachen und zu weinen – und genau das ist es, was man im Kino bei seinem Film unentwegt tut.
Denn so wenig wie die Gegenwart nur schrecklich ist, ist die Vergangenheit nur harmonisch. Der Fehler, weichgezeichnete Rückblenden mit einem grauen Heute zu kontrastieren, passiert Goiginger nicht. Vielmehr zeigt er Barbara auch im Streit mit ihrem Mann, der beide tief trifft. Heli wirft Barbara vor, die Clown-Kunst verraten zu haben, seit sie für ein stabiles Einkommen im Krankenhaus Kinder bespaßt. Barbara hingegen kritisiert Heli dafür, brotlose Kunst zu machen, von der sie nicht leben könnten. Sie schreien sich an, bringen sich zum Weinen. Aber kurz darauf legt sich Barbara neben ihn und man merkt, dass etwas dran sein könnte an dem Leitsatz, dass es nicht darum geht, wie ein Paar sich streitet, sondern wie es sich wieder versöhnt.
18 Jahre nach dem Unfall, der ihr Leben von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf stellte, sagt Pachl-Eberhart in einer ARD-Talkshow: „Irgendwie habe ich nicht das erlebt, was man vielleicht erwartet. Nämlich, dass sich der Boden unter mir aufgetan hätte oder ich tot umgefallen wäre. Sondern ich musste feststellen: Ich bin immer noch am Leben. Die Sonne scheint noch. Und irgendwie habe ich mich Atemzug für Atemzug und Schritt für Schritt vorangetastet.“
Ein Schlüssel sei für sie die Fähigkeit, „das, was wehtut, das, was uns fehlt, zu verwandeln in das, worüber wir froh sind, dass wir es überhaupt erleben durften“. Und während sie da so gefasst auf der Couch sitzt und lächelnd erzählt, merkt man, dass alles, was diesen Film so einzigartig macht, der Kraft dieser Frau entspringt, die sagt: „Darf man Tod anders sehen? Darf man mit Trauer anders umgehen, als es kulturell vorgegeben oder von uns erwartet wird? Vieles davon habe ich mir erlaubt.“
Der Film „Vier minus drei“ läuft ab 16. April 2026 im Kino.
Source: welt.de