Großbritanniens ehemaliger Premierminister Boris Johnson ist als Reporter an die ukrainische Front gereist – in die „Kill Zone“. Mit seinem Bericht will er Mediengeschichte schreiben, aber auch einen Appell an den Westen loswerden.
„‚Es ist Zeit zu gehen‘, sagt Makar, der stellvertretende Kommandeur des 1. Bataillons der 65. Brigade, als er in den Laden zurückkommt. ‚Wir müssen uns beeilen‘, sagt der etwa dreißigjährige ukrainische Soldat, und ich bin nicht in der Verfassung, zu widersprechen. Vom Tresen zieht ein verlockender Duft nach Brathähnchen herüber, aber wenn Makar sagt, ‚es ist Zeit zu gehen‘, dann ist es Zeit zu gehen.“
In seiner Zeit als britischer Premierminister war Boris Johnson Befehlshaber über das viertgrößte Atomwaffenarsenal der Welt. Im Februar 2026 folgt er den Anweisungen von Soldaten, die halb so alt sind wie er. Klandestin war der 61-jährige Politiker in die Ukraine gereist und besuchte binnen dreier Tage die Front. Der britische Fernsehsender 5 macht daraus gerade eine abendfüllende Fernsehserie, aber es ist der online frei zugängliche Text in der „Daily Mail“, der bereits für Aufsehen sorgt – und für erbosten Protest auf russischer Seite, denn Johnson war schon vor Kriegsausbruch einer der Ersten, die vor einem Einmarsch Putins warnten.
„Boris in the Kill Zone“ ist eine Mischung aus Kriegsreportage und politischem Leitartikel – und ein kleines Kunststück. Johnson, der langjährige und hochbezahlte Kolumnist britischer Zeitungen, schreibt ein farbiges, zupackendes Englisch. Ein Tag nahe der Front beginnt nicht in einem Wohngebäude oder einem Plattenbau, sondern „in some grungy commie block“. Ein Café „was blammed two weeks ago“ – „vor zwei Wochen hat’s – bam – ein Café erwischt.“ Der russische Machthaber Putin und die mit ihm verbündeten, Drohnen liefernden iranischen Revolutionsgarden sind Johnson „at the risk of being vulgar – two cheeks of the same arse.“
Johnson besucht Lebensmittelläden in halb verlassenen Ortschaften und wird dort von ukrainischen Omas vor Unheil aus dem Himmel gewarnt. Er inspiziert die grünen Netze, mit denen sich die Bewohner der „Kill Zone“ vor den russischen Drohnen schützen, und die doch eigentlich zum Schutz der Gärten vor hungrigen Vögeln gedacht waren. Die Russen, erfahren wir, sitzen zehn bis fünfzehn Kilometer entfernt im Südwesten, aber es sind ihre Drohnen, die man fürchten muss.
„Über die Hauptstraße durch Komyschuwacha zu fahren, ist ein Glücksspiel mit dem Tod, und die meisten Fahrer ignorieren die kratergroßen Schlaglöcher und geben Vollgas.“ Das Team der „Daily Mail“ befährt sie in einem unauffälligen Toyota namens Daisy. Von eigenen Sicherheitskräften, wie man sie bei einem Ex-Premier erwarten würde, ist keine Rede. Aber vielleicht muss das auch so sein.
Der Westen droht, diesen Krieg zu vergessen
Der 15.000-Zeichen-Text unterstreicht jedenfalls den immensen Kontrast zwischen dem Loro-Piana-Jacken tragenden Wladimir Putin, der sich in seinen Palästen fern der Hauptstadt verschanzt, und seinem ehemaligen politischen Widersacher Boris Johnson, der in einer schürzenartigen Splitterschutzweste unter einer Steppjacke auf den ersten Blick eine wenig heroische Figur abgibt – aber eben auch keine Angst zeigt.
Die Kernthese seines Beitrags ist klar: Der Westen droht diesen Krieg zu vergessen, und er unterstützt die ukrainische Bevölkerung nicht genug dabei, „ein autokratisches Regime abzuwehren“. Immer noch steht alles auf der Kippe. Bewusst sucht Johnson sich einen akut kritischen Abschnitt der Front aus.
„Der Grund, warum ich nach Saporischschja gekommen bin, ist, dass Putin so verzweifelt versucht, es einzunehmen – und scheitert. Er will es, weil es eine wichtige Regionalhauptstadt ist, eine große und elegante Stadt am Dnipro, mit einem riesigen und derzeit stillgelegten Wasserkraftwerk.“ Johnson erwähnt die Art-déco-Boulevards von Saporischschja und die Chevrolet-Fabrik aus den 1930er-Jahren, „und der Staudamm ist das Werk derselben amerikanischen Ingenieure, die den großen Hoover-Staudamm in Colorado gebaut haben.“
Das Bild verfängt. Könnten hier, in dieser bitter umkämpften Zone, einst wieder goldene Zeiten herrschen? Boris Johnson macht auch als Reporter Politik, das ist klar. Er hat klare Botschaften, er fordert, er mahnt. Aber als begabter Autor hat er eben auch viel Sinn für Details – und für weit gesponnene historische Linien. Das hilft, wenn man über die Ukraine schreibt, von der die meisten Europäer eben doch nur aus den Nachrichten wissen. Etwas außerhalb von Kiew besucht Johnson so die letzte Verteidigungslinie der ukrainischen Hauptstadt – eine von Freiwilligen bemannte Flugabwehrbatterie.
„Jede Nacht kommen Juri und seine Leute heraus, richten ihre Waffen in den Himmel und überwachen ein weites, verschneites Feld, dort, wo die Shaheds wie Federwild über den Bäumen auftauchen“ (wieder so ein Satz, in dem er die russischen Drohnenattacken beschreibt). Zwischendurch spielen sie Pingpong. „Während ich Juri und seinen Leuten zusehe, staune ich über die Altertümlichkeit ihrer Waffen. Sie benutzen Kaliber-50-Browning-Maschinengewehre – eine Waffe, die 1917 entworfen wurde.“ Und auch die Kalaschnikow, mit der man alternativ auf Drohnen zielen kann, ist so alt wie der Ex-Premier, sie stammt aus den 1960ern.
Boris Johnson: „Ich bin von Wut erfüllt“
Nun weiß man zwar, dass die Ukraine zu den besten Drohnenbau-Nationen der Welt zählt – aber am Ende sind es Waffen aus dem tiefsten 20. Jahrhundert, die dafür sorgen, dass nur 50 Prozent der russischen Drohnenangriffe auf Kiew durchkommen. Technik entscheidet über Gewinn und Verlust des Krieges. Einen Brigadeseelsorger fragt Johnson nach dem Beten und Kerzenanzünden, welche Waffen seine Einheit denn am meisten bräuchte.
„Atomwaffen“, antwortet der Geistliche, laut Johnson ohne erkennbare Ironie. Die Innovation auf dem Schlachtfeld ist konstant. Johnson schildert kleine Geräte, die auf Ukrainisch „Chuyka“ heißen und die Frequenzen feindlicher Drohnen auffangen und deren Bilder übertragen. Sieht man sich selbst auf dem Bildschirm, kann man allenfalls noch aus dem Fahrzeug springen.
„Wie man sich denken kann, halte ich vom Rücksitz aus ein ziemlich misstrauisches Auge sowohl auf den Himmel als auch auf den Chuyka-Bildschirm. Gelegentlich scheint das Ding zu zirpen, und ich sehe eine gezackte Linie; aber heute haben wir Glück.“ Das in der englischen Boulevardzeitung erschienene Stück zeigt einem – durch die Augen eines ehemaligen europäischen Regierungschefs – einmal mehr, wie grimmig mittlerweile vier Jahre um die Freiheit der Ukraine gekämpft wird. Und es macht doch Hoffnung.
„Nach Gesprächen mit ukrainischen Frontsoldaten“, schreibt Boris Johnson, „sehe ich ihre Erschöpfung und ihren sehr menschlichen Wunsch, dass der Krieg endet. Ich bin von Wut erfüllt – wie Sie es auch wären – angesichts der unzureichenden Unterstützung des Westens. Aber nach 48 Stunden an der Front bin ich mehr denn je überzeugt, dass die Ukrainer Erfolg haben werden und sie eines Tages Putins orkähnliche Armeen los sein werden und dieses schöne, fruchtbare Land frei sein wird.“
Source: welt.de