Robert Skidelsky gestorben: Auf stark Sicht gönnen wir uns allesamt Muße

Es läge nahe, einen Intellektuellen, der drei verschiedenen politischen Parteien angehörte, als wechselhafte Natur zu bezeichnen. Der Weg des britischen Wirtschaftshistorikers Robert Skidelsky durch die Parteienlandschaft war jedoch nicht so widersprüchlich, wie es scheint. Nach dem Vorbild der Stummfilmdiva in Billy Wilders Meisterwerk „Sunset Boulevard“ mit ihrer unvergesslichen Aussage, sie sei groß geblieben, es seien die Filme, die klein geworden seien, hätte der Biograph des Ökonomen John Maynard Keynes darauf hinweisen können, nicht er habe sich verändert, sondern die Parteien. Stattdessen berief sich Skidelsky gegenüber dem Vorwurf der Inkonsequenz selbstironisch auf einen Satz, der Keynes zugeschrieben wird, ohne dass er belegt ist: „Wenn sich die Tatsachen verändern, verändere ich die Meinung.“ Bei allem Eigensinn blieb dieser quecksilbrige Geist in seinem liberalen Engagement für das Gemeinwohl beständig.

Zu Beginn der Achtzigerjahre hatte der Richtungskampf in der Labour Party Skidelsy veranlasst, seine erste politische Heimat zu verlassen, um mit seinem Freund, dem früheren Außenminister David Owen, zu den Gründern der Sozialdemokratischen Partei (SDP) zu gehören. Als die SDP sich nach der Fusion einer Mehrheit mit den Liberalen auflöste, ging Skidelsky zu den Konservativen über. Von John Major, den er in bildungspolitischen Fragen, darunter der Reform des Geschichtsunterrichts, beriet, ins Oberhaus befördert, vertrat er die inzwischen in die Opposition gedrängte Partei sogar als Sprecher erst des Kultur- und dann des Finanzministeriums, bis er wegen seines Protests gegen die NATO-Bombardierung Jugoslawiens entlassen wurde. Kurz danach erklärte er seinen Austritt aus der Partei und saß fortan auf den Querbänken. Die euroskeptische Partei, der er beitrat, sei europhobisch geworden, die Feindseligkeit gegenüber dem Beitritt zum Euro habe sich vom Zweifel zum Dogma verhärtet, wetterte Skidelksy im linksliberalen „Guardian“. Er witzelte gern, dass Kollegen ihn mitunter in den Fluren des Parlaments fragten, welcher Partei er denn heute angehöre.

Urenkel eines Eisenbahnmagnaten

Skidelsky führte seine Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Fragen auf seine eigene Biographie zurück, wobei er, der in Oxford Geschichte studiert hatte, betonte, dass er seine große Arbeit an Keynes nicht als Ökonom angegangen sei. Sein jüdischer Urgroßvater hatte beim Bau der Transsibirischen Eisenbahn ein Vermögen gemacht. Der Großteil davon ging in der Russischen Revolution verloren, die Kohlegruben in der Mandschurei und einige Millionen Bargeld konnten jedoch gerettet werden. Der Börsenkrach von 1929 machte das Bargeld zunichte, das chinesische Geschäft, das Skidelskys Vater nach der Flucht aus Russland übernommen hatte, wurde im Zweiten Weltkrieg erst von den Japanern und danach von den Chinesen enteignet.

Er repräsentiert bis heute den Goldstandard ökonomischer Intellektualität: John Maynard Keynes hielt eine Rede auf der Konferenz von Bretton Woods im Juli 1944.AFP

Skidelsky, der 1939 in der Mandschurei geboren wurde und 1942 mit den Eltern in einem Gefangenenaustausch nach England gelangte, erzählte gern, dass seine Familie sowohl Opfer des Kommunismus als auch des Kapitalismus gewesen sei. Seine Doktorarbeit über die Weltwirtschaftskrise führte zu seinem ersten Buch, einer kontrovers beurteilten Biographie Oswald Mosleys, in dessen radikalen sozialwirtschaftlichen Reformvorschlägen als Mitglied der Regierung des Labour-Premiers Ramsay Macdonald Skidelsky Parallelen zu Roosevelts „New Deal“ und den Argumenten von Keynes zur Krisenbewältigung sah. Die Kritik, dass er zu nachsichtig gegenüber Mosleys Antisemitismus gewesen sei, verhinderte seine Festanstellung an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und versperrte ihm die Rückkehr nach Oxford.

Als er 1978 eine Professur in Warwick erhielt, saß er bereits an der monumentalen Biographie von Keynes, die ihn fast 30 Jahre beschäftigte und die von einem geplanten Band auf drei Bände anwuchs. Ein Großteil davon entstand in dem Haus in Sussex, in dem Keynes gelebt hatte. Skidelsky pachtete es, um der Person näherzukommen, deren Relevanz für die heutige Zeit er verschiedentlich verteidigte, darunter in dem Buch, „Wie viel ist genug“, in dem er und sein Philosophie lehrender Sohn Edward die Prognose von Keynes, dass die gesteigerte Produktivität den Menschen ermöglichen werde, weniger zu arbeiten, auf die Gegenwart anwandten, um gegen den Wachstumswahn der Konsumgesellschaft zu argumentieren.

Robert Skidelsky hat sich selbst wenig Zeit zur Muße gegönnt. Bis zuletzt setzte er sich in den Medien, auf Konferenzen und im Oberhaus für ein Friedensabkommen im Ukrainekrieg ein, um weitere Schäden der „tragischen Fehlkalkulation“ des Westens zu verhindern, dass ein Sieg gegen Russland möglich sei. Kurz vor seinem Tod wurde er in die katholische Kirche aufgenommen, für deren Beibehaltung des alten Ritus er plädiert hatte, weil eine Gesellschaft, der jeglicher religiöser Impuls fehle, sich nicht dazu aufraffen könne, nach dem Gemeinwohl zu streben. Am 15. April ist Robert Skidelsky im Alter von 86 Jahren gestorben.

Source: faz.net