Kann Kunst eine Wahrheit aufzeigen, wenn sie nicht auf mehrheitsfähige Schönheit setzt? John Waters hat sich seit den Siebzigerjahren der Erforschung dieser Frage gewidmet – und für das Ausleuchten der ekelhaften Urtriebe der Menschheit einen starken Scheinwerfer verwendet. „Pink Flamingos“ (1972) etwa folgt der kriminellen Dragqueen Divine, die unbedingt den Titel als „dreckigste Person der Welt“ behalten will, den ihr die Klatschpresse verpasst hat. Ein Drogendealer-Pärchen, das nebenbei mit Babys handelt, will ihr den Ruf streitig machen. Die Situation eskaliert. Sex kommt vor – auch sehr explizit. Ebenso Gewalt, Kannibalismus und so einige andere Unappetitlichkeiten.
Waters begibt sich nicht in Grauzonen, er geht mit großen Schritten weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, um „den guten schlechten Geschmack“ zu finden, wie er es ausdrückt. Reiner Trash liegt ihm fern – vielmehr geht es um eine Provokation, die von vornherein jene Zuschauer fernhalten sollte, deren Kulturverständnis alles Ernstzunehmende am liebsten ins Museum schieben will.
„Schönheit ist, was man nie wieder vergisst“
Geboren 1946 in einer gut situierten katholischen Familie, wuchs Waters in einem Vorort von Baltimore auf. Seine spätere Muse Divine (für die Filme behielt er einfach den Namen bei) lernte er in der Nachbarschaft kennen. Über diesen Star sagte er später gegenüber David Letterman in dessen Late-Night-Show: „Für mich ist Schönheit etwas, das man sieht und nie wieder vergessen kann.“ (Wie unvergesslich Divine durch Waters wurde, zeigt der Disney-Film „Arielle“, für dessen Meerhexe Ursula die Dragqueen als Vorbild diente.) Während Letterman sich leicht überfordert zeigte, ob er Divine als Kunstfigur oder reale Person ansprechen sollte, definierte Waters über solche Herausforderungen die Maßstäbe seiner Kunst. Er besetzte Divine in zwei weiteren Filmen seiner „Trash“-Trilogie: In „Female Trouble“ (1974) flüchtet die Figur aus einer spießigen Familie und schlägt sich als Stripperin durch. Und in „Polyester“ (1981), einer Parodie auf die Sitcoms der Fünfzigerjahre, ist sie eine Hausfrau, deren Familie auseinanderbricht.
Wie weit Waters beim Spiel mit der Toleranzgrenze seines Publikums ging, zeigte sich vor allem in „Polyester“ anhand eines Gimmicks: Wer ein Kinoticket löste, erhielt dazu eine Rubbelkarte mit Nummern und der Aufforderung, an dem entsprechenden Feld zu kratzen und zu riechen, sobald die Zahl auf der Leinwand erschien. Harmlos begann die olfaktorische Reise mit Rosenduft, dem aber schnell die Gerüche von Klebstoff oder schmutzigen Schuhen folgten. Die Idee dazu sei ihm bei der Lektüre eines Verrisses gekommen, so Waters. Der New Yorker Kritiker hatte seinen Lesern empfohlen, sich die Nase zuzuhalten und die Straßenseite zu wechseln, sollten sie Waters’ Filme im Aushang eines Kinos entdecken. Er habe sich sofort berufen gefühlt, darauf mit einem Film zu antworten, der tatsächlich stank.
Mit ähnlicher Unverfrorenheit begegnete er der Zensur. Seine ersten Filme umgingen die Behördenauflagen, indem sie gar nicht erst ins Kino kamen. Stattdessen zeigte Waters sie in angemieteten Kirchenkellern oder Vorlesungssälen an der Uni. Mit „Female Trouble“ änderte sich das, denn der erhielt einen regulären Kinostart – und mit dem kamen die Zensoren. Waters nahm es gelassen: „Die Zensur war die beste Werbung für meine Filme.“ Die Neugierigen kamen und blieben als Fans. „Pink Flamingos“ ist mittlerweile in die Criterion Collection aufgenommen. Spätestens mit „Hairspray“ (1988) wurde Waters auch einem breiteren Publikum bekannt. Die Gewalt hatte er hier zurückgenommen, den bösen Blick auf Amerikas Mittelschicht aber beibehalten – der Film erhielt eine Broadway-Adaption als Musical. Den „guten schlechten Geschmack“ sucht Waters noch immer, nun mehr mit Foto- als mit Filmarbeiten. Heute wird er achtzig Jahre alt.
Source: faz.net