Siebenhundert Millionen Euro sind kein Klacks. Selbst in einer Gegenwart, in der zuerst Rohstoff- und später Techmilliardäre die Maßstäbe verschoben haben, sind 700 Millionen Euro eine Summe, für die man seriell Lotterie-Jackpots knacken müsste. 700 Millionen Euro hat die französische Industrielle Marianne Farrère in dem Film „Die reichste Frau der Welt“ an den Erbschleicher Pierre-Alain Fantin überschrieben. Sie ist damit keineswegs ruiniert, aber der Ruf ist doch ein wenig ramponiert.
Es ist auch im weiteren Sinn nicht ihr eigenes Geld, das sie so großzügig herschenkt. Es ist altes Geld, Geld aus einem Erbe, das somit die vielen Umbrüche des 20. Jahrhunderts überstanden haben muss. Die „femme des affaires“ Marianne Farrère muss das Geld durch die Zeiten bringen, sie kann es sich davon gut gehen lassen, soll es aber nach Möglichkeit für die nächste Generation vermehren.
Für die Schauspielerin Isabelle Huppert war die Rolle der Marianne vermutlich weitgehend Routine. Sie hat ja alles schon gespielt, was die französische Geschichte und das französische Kino an Figuren und Gestalten so hervorgebracht haben: von der lasziven Kolonialherrin in „Der Saustall“ (1981) über das Vergewaltigungsopfer in Paul Verhoevens provozierendem „Elle“ (2016) bis zu der engagierten Personalrätin in „Die Gewerkschafterin“ (2022).
Und doch bietet gerade die Rolle der Marianne Farrère in einem satirischen Kolportagedrama eine exzellente Gelegenheit, sich einmal etwas grundsätzlicher darüber Gedanken zu machen, worin denn das Geheimnis von Isabelle Huppert besteht. Denn sie ist zweifellos eine der führenden europäischen Schauspielerinnen, und wenn man überlegen würde, ob es in Deutschland ein ebenbürtiges Pendant zu ihr gibt, käme man in Verlegenheit. Das könnte mit Aspekten zu tun haben, die über individuelles Talent hinausgehen.
Das Geheimnis von Isabelle Huppert
Das Geheimnis von Isabelle Huppert ist vielleicht deswegen so bedeutsam, weil es an Dimensionen rührt, in denen eine auch noch so begabte Schauspielerin von etwas Kollektivem abhängt, das mit der Geschichte der eigenen Kultur (oder, Pardon, der Nation!) zu tun hat.
Marianne Farrère ist dafür ein interessantes Exempel. Sie ist, als Vorstandsvorsitzende, als Familienoberhaupt, selbst eine Schauspielerin. Wenn sie mit Migräne in eine Sitzung geht, wenn sie über die Konzernstrategie diskutieren lässt, fällt sie niemals aus der Rolle. Es ist eine Rolle, in der perfekte Erscheinung sich von selbst versteht. Für die Darstellerin gibt es da gar nicht wahnsinnig viel zu tun: perfekte Haltung, dazu minimales Mienenspiel, die makellos geschminkten Lippen sind immer ein wenig nach oben geschoben, ein Indiz des Degouts, den jederzeit alles Mögliche auslösen könnte – ein dummer Satz, eine ungeschickt servierte Tasse Tee, ein verlogenes Kompliment.
Isabelle Huppert, die keineswegs aus der gesellschaftlichen Elite Frankreichs kommt, hat diese habituelle Aristokratie, die auch in der Republik weiterlebt, über ihre reiche Karriere hinweg perfektioniert. Sie weiß genau, wie man „sich trägt“, als Verkörperung einer freien Nation, die das, was früher Stand war, in ein Selbstbewusstsein überführt hat, das sich seine Rahmenbedingungen frei wählt. Eben das ist die Rolle der modernen Kunst in offenen Gesellschaften, und Huppert war von Beginn an eine moderne Schauspielerin, also eine, die in einer Rolle auf verschiedenen Ebenen zugleich agierte.
Eine Figur aus all ihren Rollen
Die Proletarierin Isabelle in Godards „Passion“ (1982) war dabei so etwas wie die komplementäre Figur zu der Unternehmerin, die sie nun in „Die reichste Frau der Welt“ spielt – in den Jahrzehnten seither hat sich die provozierende Sinnlichkeit, die Huppert so vielen Figuren in ihrer frühen Karriere verliehen hat, in eine souveräne Distanziertheit verwandelt, die auch alles Neurotische und Abgespaltene präsent hält, ohne damit zu outrieren.
Die Rolle der Marianne Farrère ist deswegen von besonderem Interesse für Huppert, weil sich in ihr die lange (und problematische) Geschichte der Grande Nation so deutlich zeigt: eine Frau, die als Erbin auch einer Geschichte des Antisemitismus, der Kollaboration mit dem Faschismus, zutiefst angreifbar ist, die das aber längst versiegelt hat. Der schwule Fantin, der sie für ein Magazin mit dem Titel „Selfish“ fotografiert, wird zu ihrem Rasputin, löst also die erotische Verspannung, die der Reichtum ausgelöst hat, in etwas Groteskes auf. Doch Huppert spielt dieses Groteske mit den gleichen minimalen Mitteln, mit denen sie davor die perfekte Illusion einer Magnatin erzeugt hatte.
Wenn man einer großen Schauspielerin über mehrere Jahrzehnte dabei zusehen kann, wie sie sich zu einer komponierten Figur formt, also zu einer Zusammensetzung aller ihrer Rollen, die ja immer präsent bleiben, dann kommt man um ein Modell von Historiographie nicht herum. Man muss sich Gedanken darüber machen, wie staatliche Verfassungen, gesellschaftliche Prägungen, Wandel von Mentalitäten sich in Körper einschreiben. Wenn man mit Menschen an einer Supermarktkasse ansteht, ist all das immer präsent – und manchmal hat man ja auch einen Moment, in dem man kurz aufmerkt: Ach ja, das ist Deutschland. Das sind wir.
Stars sind in der Lage, diese Spannung zwischen dem Alltäglichen und dem gemeinsamen Größeren zu spielen. Isabelle Huppert tut das seit vielen Jahren in unvergleichlicher Weise. Sie macht nebenbei auch deutlich, was dem deutschen Kino im Vergleich zum französischen fehlt: Es gibt auch hier großartige Schauspielerinnen, aber niemand steht für ein Ganzes, und damit soll jetzt nicht die Nachfolge von Heinz Rühmann öffentlich ausgeschrieben werden. Wenn das revolutionäre Frankreich hingegen jemals eine Königin suchen würde: Isabelle Huppert wäre eine natürliche Wahl. Gerade auch, nachdem sie sich als Marianne Farrère in „Die reichste Frau der Welt“ auf erhabene Weise lächerlich macht.
Source: faz.net