Die amerikanische Reporterin war enttäuscht: Erwartet hatte sie auf der Anklagebank des sogenannten Hauptkriegsverbrecherprozesses eine Ansammlung fanatischer Nationalsozialisten. Stattdessen fand Janet Flanner, die für den „New Yorker“ aus Nürnberg berichtete, knapp zwei Dutzend mittelmäßige Protagonisten, die sich mit Lügen und Ausflüchten vor der Todesstrafe zu retten suchten: „Keiner von ihnen schien für die Sache sterben zu wollen, für die sie Millionen getötet hatten.“ Rebecca West, die Flanner später als Korrespondentin beim „New Yorker“ ablöste, befand trocken, dass nur die Angeklagten hofften, das zähe Prozessgeschehen möge nie enden; alle anderen wollten endlich nach Hause.
Zwischen dem Auftakt im Herbst 1945 und der Urteilsverkündung ein knappes Jahr später versammelte sich eine illustre Schar internationaler Berichterstatter in Nürnberg, unter ihnen zahlreiche herausragende Reporterinnen. Erika Mann schrieb für den britischen „Evening Standard“, Madeleine Jacob für den „Franc-Tireur“ in Paris, und Tullia Zevi schickte ihre Berichte an italienische Medien.
Der Nürnberger Prozess als „Hochburg der Langeweile“
Aus der Fülle solcher Beiträge hat die Edition Tiamat mit Flanner, West und Martha Gellhorn drei angloamerikanische Stimmen versammelt. In Wests Fall handelt es sich eigentlich um eine Neuauflage, da die deutsche Fassung ihres „Gewächshaus mit Alpenveilchen“ bereits 1995 im selben Verlag erschien, was die etwas überholte Einleitung zum amerikanischen Hauptankläger Robert H. Jackson erklärt.
Unter den drei Verfasserinnen war West die schillerndste Figur, und ihre Beschreibung des Prozesses als „citadel of boredom“ – hier übersetzt als „Hochburg der Langeweile“ – ist ein unter Rechtshistorikern gern zitiertes Bonmot. Dass auch Flanner über Langatmigkeit klagte, spricht dafür, dass Wests Einschätzung nicht fehlging. Doch tut man gut daran, eher der weniger bekannten Kollegin zu vertrauen, die das Verfahren länger verfolgte und durchaus Dramatisches zu schildern wusste, etwa das Kreuzverhörduell zwischen Göring und Jackson, das für den vom Supreme Court nach Nürnberg delegierten Richter nicht gut ausging. „Der Reichsmarschall“, so Flanner, „ließ Machiavellis Fürsten wie einen langweiligen Apologeten erscheinen. Göring war entschieden amoralischer und witziger.“
Die Episode war keineswegs zur Unterhaltung der Ostküstenleser zugespitzt, sondern findet sich in einer Vielzahl publizierter wie archivalischer Quellen ganz ähnlich geschildert. Doch die messerscharfen Formulierungen Flanners und ihrer Kolleginnen sind es, die ihre Berichte so lesenswert machen. Gellhorn gelang es, in knappsten Wendungen Porträts der Angeklagten zu zeichnen, die von bemerkenswerter psychologischer Auffassungsgabe zeugen. Da finden sich Görings „Lächeln, das kein Lächeln war, sondern nur eine Gewohnheit, die seine Lippen angenommen hatten“; Hjalmar Schachts „Ausdruck der Missbilligung, hart wie Eisen, auf diesem gemeinen, heruntergezogenen Mund“; und das „verwunderte, dumme Metzgerjungengesicht“ Fritz Sauckels.
Selbstmitleid der Zivilbevölkerung
Noch mehr aber beeindruckt die Klarheit, mit der Gellhorn den entscheidenden Punkt der alliierten Schlussplädoyers ausmachte. In jenem langen Moment, als der britische Chefankläger Hartley Shawcross aus einer Zeugenaussage vorlas, die schilderte, wie ein Vater seinen Sohn bei einer Massenerschießung jüdischer Ukrainer zu trösten suchte, bestand kein Zweifel mehr, dass das noch namenlose Verbrechen des Holocaust das Zentrum der Schuld definierte. Demgegenüber konnte das Urteil nur unzureichend ausfallen: „Die Gerechtigkeit wirkte auf einmal sehr klein.“
Auch West entging die Episode nicht, doch die jüdischen Opfer erwähnte sie mit keinem Wort, wie überhaupt die Vernichtungspolitik bei ihr eine – durch den Kontrast mit Flanner und Gellhorn noch akzentuiert – geringe Rolle spielt. Die Schilderungen über ihre Gespräche mit Zivilisten gelingen der Starjournalistin da schon besser, etwa in der titelgebenden Episode über die unpolitische Veilchenzucht im Nürnberger Glashaus. Von Misstönen sind auch solche Passagen nicht frei, wenn eine ältere, anhaltend nationalsozialistisch gesinnte Frau mit „unterentwickelten Affen“ verglichen wird.
Dass Larmoyanz und Selbstmitleid in der Bevölkerung im ersten Nachkriegsjahr dominierten, mag nicht überraschen. Ebenso ist die Irritation der Korrespondentinnen nachvollziehbar, so, wenn Flanner konstatiert: „Nicht einer unter zehn oder unter zehntausend Deutschen scheint so viel Verstand für die jüngste Geschichte aufzubringen, um sich zu erinnern, dass es in erster Linie Deutschland war, das die Russen nach Mitteleuropa gebracht hat.“ Für diese und andere Diagnosen der drei Verfasserinnen lohnt sich die Neulektüre allemal.
Janet Flanner, Martha Gellhorn und Rebecca West: „Im Herzen des Weltfeindes“. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen. Mit Fotos von Lee Miller. Edition Tiamat, Berlin 2026. 224 S., Abb., br., 22,– €
Source: faz.net