Der Bundeskanzler kommt – und draußen gibt es Proteste. Die gelten aber nicht Friedrich Merz (CDU), wenn er an diesem Mittwoch zum 100-Jahre-Festakt der Lufthansa zu Gast ist, sondern dem Gastgeber. Die Flugbegleitergewerkschaft UFO hat nicht nur zum Streik aufgerufen, sondern auch zur Demonstration am Frankfurter Flughafen. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ermunterte ihre Mitglieder, sich an der Demonstration zu beteiligen. Der Protest zur Feierstunde soll die Eskalation eines Tarifkonflikts sichtbar machen. UFO-Chef Joachim Vázquez Bürger sagte: „Es gibt kaum einen passenderen Ort, um deutlich zu machen, worum es hier wirklich geht.“
Die Festwoche wird für Lufthansa zur Streikwoche. Am Montag und Dienstag waren Piloten auf Aufruf der Vereinigung Cockpit (VC) in den Ausstand getreten. Sie wollten damit ihren Forderungen nach höheren Arbeitgeberleistungen für die betriebliche Altersversorgung für Piloten der Lufthansa-Kernmarke Nachdruck verliehen. Außerdem fordern sie Gehaltssteigerungen bei der Tochtergesellschaft Lufthansa Cityline.
Am Mittwoch und Donnerstag streiken Flugbegleiter für einen neuen Manteltarifvertrag mit Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen für Kabinen-Beschäftigte der Kernmarke sowie für einen tariflichen Sozialplan der Cityline-Flugbegleiter. Lufthansa will diesen Betrieb perspektivisch schließen und durch die fast namensgleiche City Airlines ersetzen.
Die VC teilte mit, der erste Streiktag dieser Woche sei wirksamer als vorangegangene Ausstände gewesen. Im Konzern seien 860 Flüge ausgefallen, 84 Prozent der geplanten Flüge hätten nicht stattgefunden. Sie sei weiter gesprächsbereit, Lufthansa habe aber kein „ernsthaftes Angebot“ vorgelegt. Die Konzernofferte, Zugeständnisse bei Betriebsrenten durch ein Ende einer separaten Übergangsversorgung für vorzeitig ausscheidende Piloten gegenzufinanzieren, bezeichnete sie als „nicht tragfähig“.
Beobachter sehen zunehmend verfahrenen Konflikt
Die Gewerkschaft UFO beklagte eine „Hardliner-Position“ des Konzerns, der nicht ausreichend Bewegung zeige. Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann wies das zurück. Man habe „konkret und transparent“ Vorschläge unterbreitet, UFO habe sich aber „nicht auf ernsthafte Verhandlungen eingelassen“. Gespräche zu den komplexen Einsatzbedingungen für die Flugbegleiter benötigten Zeit. „Stattdessen hat UFO nun schnell eskaliert“, sagte Niggemann.
Einen Tariffrieden hat Lufthansa indes mit dem Bodenpersonal erreicht. Die Gewerkschaft Verdi teilte mit, dass 80,3 Prozent der befragten Mitglieder für die Annahme einer Einigung gestimmt hätten. Die sieht im Kern eine Gehaltserhöhung um 4,65 Prozent in zwei Schritten vor. Auf die Harmonie zwischen Lufthansa und Verdi blicken derweil VC und UFO skeptisch, denn mit Verdi hatte sich der Konzern auch auf erstmalige Tarifverträge für den jungen Betrieb City Airlines verständigt. VC und UFO wären wohl auch gern zum Zug gekommen, gleichzeitig vergrößert die Konzernstrategie, neue Betriebe mit niedrigeren Konditionen zu schaffen, ihren Unmut.
Vorstandschef Carsten Spohr hatte der F.A.Z. mit Blick auf die margenschwache Kernmarke, der auf einigen kürzeren Strecken kein Gewinn einfliege, gesagt: „Uns bleibt aktuell dann nur die Option, diese defizitären Kurzstrecken sukzessive zu verlagern, um die finanziellen Mittel für unsere notwendigen Investitionen zu erwirtschaften.“
Beobachter sehen einen zunehmend verfahrenen Konflikt. „Die Positionierung von Carsten Spohr ist aus Konzernsicht rational. Wenn die Kernmarke im Mittelstreckenverkehr strukturell nicht wettbewerbsfähig ist, sind Zugeständnisse bei den Tarifstrukturen existenzgefährdend“, sagt Luftfahrtfachmann Linus Benjamin Bauer vom Beratungsunternehmen BAA & Partners. Zugleich moniert er scharfe Botschaften des Konzerns an die Arbeitnehmervertreter: „Wenn das Management aber offen kommuniziert, dass Wachstum bewusst außerhalb der tarifgebundenen Kernmarke stattfindet, ist der Streik nicht irrational – er ist die logische Antwort auf eine Strategie, die die eigene Belegschaft als Kostenproblem rahmt.“
„Tarifkonflikte sind kein typisches Lufthansa-Problem“
Bauer weist daher der Konzernspitze eine Mitverantwortung für die Eskalation zu. „Vier Streiktage in der Jubiläumswoche signalisieren ein Führungsversagen im Stakeholder-Management, das über Tarifpolitik hinausgeht“, sagt er. „Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Gibt es ein Szenario, in dem die Kernmarke mit ihrer Belegschaft wächst – oder ist die Schrumpfung der Lufthansa Classic bereits beschlossene Sache, die nur noch kommunikativ gemanagt wird?“
Mit Marcel Gröls blickt ein Mann derweil kritisch auf die VC, der bis zum vergangenen Jahr dort selbst angestellter Tarifchef war und Auseinandersetzungen mit Lufthansa kennt. „Der Streik trifft die Lufthansa. Aber er trifft die Piloten am Ende noch mehr.“ Indem die VC versuche, ihre Forderungen angesichts steigender Treibstoffpreise und einer margenschwachen Kernmarke im Umbau hart durchzusetzen, „beschleunigt die VC eine Entwicklung, die sie eigentlich gern verhindern würde“, sagte er dem „Spiegel“. Man treibe den Konzern dazu, Geschäft in günstigere Tochterbetriebe zu verlagern. Über eine Eskalation mit langer Vorgeschichte sagt Gröls: „Fehler haben beide Seiten über die Jahre gemacht.“
Hoffnung auf neue Personen und neue Akzente
Dem stimmt auch Berater Gerald Wissel von Airborne Consulting zu. „Tarifkonflikte sind kein typisches Lufthansa-Problem, die erleben auch viele andere Unternehmen. Es geht immer um Kompromisse. In den Lufthansa-Konflikten vermisse ich aber auf allen Seiten eine Kompromissbereitschaft“, sagt er. Etwas Verständnis bringt er aber auch für den Gewerkschaftsunmut auf.
„Die Kernmarke der Lufthansa steht vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Allerdings gibt es im Konzern noch viel Sparpotential, ohne an die Mitarbeitergehälter herangehen zu müssen“, so Wissel. Es gebe komplexe Strukturen und Entscheidungswege, viele Flugzeuge seien alt, neuere, effizientere seien nötig, kämen aber jetzt erst langsam zur Lufthansa. „Die Stimmung beim fliegenden Personal ist unabhängig von den konkreten Tariffragen nicht gut. Das liegt auch an Einsatzplänen, die sich ständig ändern, und an älteren Flugzeugen. Die Flugbegleiter bekommen dazu im Dienst Unmut von Passagieren zu hören.“
Wissels Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Auseinandersetzungen im Jubiläumsjahr sind gering, er fordert einen Neuanfang in Tarifstreitigkeiten: „Alle Beteiligten haben sich in eine Lage hineinmanövriert, aus der sie nicht mehr gesichtswahrend herauskommen. Es bleibt die Hoffnung, dass in der Zukunft neue Personen neue Akzente setzen“, sagte er.
Scharfe Worte vom Großaktionär
Rückendeckung bekam die Lufthansa-Führung indes von ihrem Großaktionär, der Kühne-Holding. Karl Gernandt, der Präsident des Kühne-Verwaltungsrats und zugleich Mitglied des Lufthansa-Aufsichtsrats, veröffentlichte einen offenen Brief an die Gewerkschaften VC und UFO, in dem er ihnen vorwarf, „das Streikrecht in unverhältnismäßiger Art zu missbrauchen und persönlichen Egoismus weit über das Interesse der Gesamtheit zu stellen“. Fluggäste, unbeteiligte Arbeitnehmer und der Standort Deutschland hätten unter den Folgen dieser „Inszenierung“ zu leiden.
Auch der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), Sören Hartmann, kritisierte „unverhältnismäßige Streiks“, die zu einer „echten Unzeit“ kämen, da die Reisebranche durch die Folgen des Kriegs im Iran stark unter Druck stehe. Abgesagte Geschäftstermine, Hotelaufenthalte oder Pauschalreisen, die umgebucht werden müssten, führten zu „extremen Kosten“ und Mehraufwand für Betriebe. Allein der Einzelhandel entlang der Reisekette rechne laut Deutschem Travel Retail Verband mit rund einer Million Euro Umsatzverlust je Streiktag in Deutschland.
Kühne-Manager Gernandt forderte als „Vertreter der Investoren“, die Spartengewerkschaften UFO und VC auf, „den Streik unverzüglich zu beenden“. Deutschland habe es verdient, „nach vorne ausgerichtet zu werden, anstatt rückwärtige Strukturen zu verteidigen“, heißt es in dem Schreiben. „Auf Unzuverlässigkeit, Egoismus und blindem Arbeitskampf bauen wir unsere Zukunft nicht auf!“