Als Welterklärer und Elder Statesman stand der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt nach seinem Ausscheiden aus dem Amt bei vielen Deutschen in hohem Ansehen. Es hatte deshalb Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland, als er in einem Interview mit der „Zeit“ (deren Mitherausgeber er war) im März 2014 sagte, die Annexion der Krim durch Russland sei „durchaus verständlich“. Er begründete das unter anderem damit, dass unter Historikern umstritten sei, „ob es überhaupt eine ukrainische Nation gibt“. Das war Unsinn. Aber Schmidts Äußerung war bezeichnend dafür, wie gering das Wissen über die Ukraine in Deutschland damals war – und wie groß die Ignoranz. „Die übersehene Nation“ ist deshalb ein treffender Titel für das Buch über die deutsch-ukrainischen Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert, das der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel verfasst hat.
Diese Beziehungen waren von Anfang an asymmetrisch: Während für die Ukrainer Deutschland immer wieder ein wichtiger Bezugspunkt ihrer politischen Ambitionen war, wurde die Ukraine in Deutschland bis vor wenigen Jahren – wenn sie überhaupt gesehen wurde – vor allem als Teilaspekt des eigenen Verhältnisses zu Russland verstanden. Auch nachdem sich in der Ukraine Mitte des 19. Jahrhunderts eine Nationalbewegung formiert hatte, dauerte es noch Jahrzehnte, bis in Deutschland selbst unter Slawisten und Osteuropahistorikern erstmals ernst genommen wurde, dass Ukrainer und Russen nicht das Gleiche sind – dass das Ukrainische eine eigene Sprache ist und dass die Ukraine über Jahrhunderte eine andere Geschichte hatte als Russland. Und noch in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurden Studenten der osteuropäischen Geschichte an deutschen Universitäten Bücher als Standardwerke empfohlen, in denen die Ukraine vollkommen selbstverständlich als Teil Russlands behandelt wurde.
Erstmals Gegenstand ernsthafter politischer Erwägungen wurde die Ukraine in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Wie andere ostmitteleuropäische Nationalbewegungen sah die der Ukrainer in der Schwächung der Imperien durch den Krieg die Chance, Autonomie oder Unabhängigkeit zu erlangen. Da das für die Ukrainer nur gegen das Zarenreich möglich war, versuchten ukrainische Intellektuelle die Aufmerksamkeit der Kriegsgegner Russlands auf ihr Land zu richten. Sie appellierten im Geiste der damaligen Zeit an wirtschaftliche und geopolitische Interessen des Deutschen Reichs. Damit fanden sie in Berlin durchaus Gehör – wenngleich man dort weniger an eine eigenständige Ukraine als an die Möglichkeit dachte, deren Ressourcen in kolonialem Stil zu nutzen.
Die Ukraine war damit auf der Landkarte aufgetaucht, aber: „Für die deutsche Politik war die Ukraine vor allem ein Spielstein in ihren Beziehungen zu Russland“, schreibt Schulze Wessel. Dieses Muster wiederholte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder. Mal versuchte Deutschland, die Ukrainer gegen Russland zu instrumentalisieren, mal bestimmte Rücksicht auf Russland das Verhalten gegenüber der Ukraine.
Kompliziert, widersprüchlich und bis heute folgenreich waren die deutsch-ukrainischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs. Hitler machte keinen Unterschied zwischen Ukrainern und Russen – sie gehörten für ihn einer „Rasse“ von slawischen „Untermenschen“ an. In seinen Plänen kam die Ukraine vor allem als Gebiet vor, das zur Versorgung des Deutschen Reichs mit Lebensmitteln ausgebeutet werden sollte. Doch in Wehrmacht und Abwehr gab es Kräfte, die an die Erfahrung des Ersten Weltkriegs anknüpfen und die Ukrainer gegen die Sowjetunion und gegen Polen instrumentalisieren wollten. Sie fanden Anknüpfungspunkte unter extremen ukrainischen Nationalisten, die in der Zwischenkriegszeit mit Gewalt gegen den polnischen Staat und seine repressive Minderheitenpolitik gekämpft hatten und ideologisch dem Faschismus nahestanden.
Angesichts des Terrors, mit dem die Sowjetunion die Gebiete in der heutigen Westukraine überzog, die sie 1939 infolge des Hitler-Stalin-Paktes besetzt hatte, begrüßten auch gemäßigte Ukrainer und nicht nur diese Nationalisten um ihren Anführer Stepan Bandera den deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941. Deren Versuch, eine unabhängige Ukraine auszurufen, wurde von den deutschen Besatzern zwar im Keim erstickt, Bandera und andere Anführer wurden in Haft genommen. Doch wirkten ukrainische Nationalisten in den ersten Kriegswochen im Lemberg und anderen Städten an Massakern an Juden mit. Traditioneller Antisemitismus und die NS-Propaganda vom „jüdischen Bolschewismus“ wirkten dabei ineinander.
In der Westukraine fanden sich angesichts des sowjetischen Vormarsches ab 1943 auch zahlreiche Männer bereit, einer ukrainischen Division der Waffen-SS beizutreten. In der sowjetischen Propaganda wurde seither, ebenso wie heute in der des russischen Regimes, die ganze ukrainische Nationalbewegung mit den „Banderowzy“ und der Waffen-SS gleichgesetzt – das ist die Grundlage der Behauptung Wladimir Putins, in Kiew herrschten Nazis. Dieses Zerrbild entfaltete auch in Deutschland schon während des Kalten Kriegs Wirkung. München war zu einem der Zentren der ukrainischen Emigration im Westen geworden. Dort wurden von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes sowohl Stepan Bandera als auch der Anführer des demokratischen Flügels der Emigration, Lev Rebet, ermordet. Aber wenn die Ukraine jenseits solcher spektakulären Kriminalfälle in der westdeutschen Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wurde, dann meist in Verbindung mit der Beteiligung ukrainischer Nationalisten an NS-Verbrechen.
Die Dissidentenbewegung und Menschenrechtsgruppen, die in der Sowjetukraine ab Mitte der Sechzigerjahre entstanden, fanden dagegen kaum Widerhall. „Linke und Liberale hielten unwillkürlich Distanz zur faschistisch kontaminierten Ukraine“, schreibt Schulze Wessel. Hinzu kam: Die Sowjetunion wurde im alltäglichen Sprachgebrauch oft mit Russland gleichgesetzt. Als die Bundesregierung in den Siebziger- und Achtzigerjahren im Rahmen der Entspannungspolitik auf gute Beziehungen zur sowjetischen Führung setzte, war sie nicht bereit, „die offiziellen Kontakte mit dem Kreml durch ein Interesse für die Ukraine zu gefährden“, so Schulze Wessel.
An dieser Haltung änderte sich nur wenig, als die Ukraine mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem unabhängigen Staat wurde. Um die Wiedervereinigung zu ermöglichen und den Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland zu erreichen, setzte Bundeskanzler Helmut Kohl auf gute Beziehungen zu Russland. „Die Ukraine kam in seinem Konzept nur als Störfaktor vor, von dem zu befürchten war, dass er die erwartete autoritäre und neoimperiale Wende des Kremls beschleunigte“, schreibt Schulze Wessel. Im „Nein“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine beim Gipfel des Bündnisses in Bukarest 2008 sieht er eine Fortsetzung dieser Linie.
Allerdings war Merkels Verhältnis zur Ukraine widersprüchlich, wie Schulze Wessel festhält: Einerseits hatte keine andere deutsche Regierung zuvor sich so deutlich für die Ukraine eingesetzt; nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Kriegs im Donbass 2014 war Berlin führend darin, in der EU Unterstützung für die Ukraine zu organisieren. Doch gleichzeitig setzte Deutschland auch eine Russlandpolitik alten Stils fort, die sich vor allem in der fatalen Entscheidung für die Gaspipeline Nord Stream 2 materialisierte.
Schon seit der Orangen Revolution von 2004 hatte eine langsame Veränderung im deutschen Blick auf die Ukraine eingesetzt. Mit dem Euromajdan 2014, der in der Ukraine als „Revolution der Würde“ bezeichnet wird, schaffte es die Ukraine auf die „mental map“ der Deutschen, von denen allerdings viele gleichzeitig weiter an alten Illusionen über Russland festhielten: „Obwohl das imperiale Programm Moskaus auf dem Tisch lag, hegte ein Teil der deutschen Politik bis zum Vorabend des russischen Angriffs noch die Vorstellung, dass die eigentliche Gefahr nicht vom Aggressor, sondern von einer wechselseitigen Eskalation ausgehe.“
Martin Schulze Wessels gut lesbares Buch über die deutsch-ukrainischen Beziehungen schließt eine Lücke in der populärwissenschaftlichen Literatur zur Ukraine, die seit Russlands Überfall vor vier Jahren in Deutschland erschienen ist. War lange Zeit die 1994 erstmals erschienene und seither regelmäßig aktualisierte „Kleine Geschichte der Ukraine“ des Osteuropahistorikers Andreas Kappeler die einzige deutschsprachige Einführung in die ukrainische Geschichte, so ist seit dem russischen Überfall eine ganze Reihe lesenswerter Bücher dazu erschienen – darunter auch solche von ukrainischen oder ukrainischstämmigen Historikern wie Yaroslav Hrytsak aus Lemberg oder Serhii Plokhy von der Harvard University.
Ein sehr guter Ausgangspunkt für alle, die einen vertiefenden Überblick nicht nur über die Geschichte, sondern auch über die Literatur der Ukraine und die kulturellen Beziehungen der Ukrainer zu ihren Nachbarn sowie ethnischen und religiösen Minderheiten gewinnen wollen, ist das Buch „Ukraine-Studien. Einführung“ des an der Viadrina in Frankfurt (Oder) lehrenden ukrainischen Historikers Andrii Portnov. Der Titel des Buches und auch die wenig ambitionierte grafische Aufmachung erinnern an ein trockenes Lehrbuch. Aber dahinter verbirgt sich eine wahre Schatzkiste.
Man kann den lebendig geschriebenen Text gut am Stück lesen, man kann das Buch aber auch als Nachschlagewerk nutzen. Es ist in drei Teile gegliedert: Der erste behandelt „Geschichte, Politik und Gesellschaft“, der zweite „Sprache, Literatur und Kultur“, der dritte „Kulturkontakte und kultureller Austausch“. In jedem Teil werden grundsätzliche Fragestellungen und Entwicklungen geschildert und dargestellt, was Ukrainer selbst über ihr Volk und die Geschichte seines Territoriums geschrieben haben. So kann man zum Beispiel einen raschen Überblick über die Entwicklung des ukrainischen Nationalismus und die von Ukrainern daran geäußerte Kritik erhalten. Jedes Teilkapitel schließt mit Literaturhinweisen in deutscher oder englischer Sprache.
Portnovs Blick auf die Ukraine ist kein eng nationalstaatlicher. „Die Ukraine-Studien in diesem Buch beschränken sich nicht auf die Geschichte und Kultur der ukrainischsprachigen Ukrainer, sondern beinhalten ein umfassendes Überdenken der polnischen, russischen, jüdischen, osmanischen und deutschen Geschichte Osteuropas“, schreibt er in der Einleitung. Und so will er die Befassung mit der Geschichte der Ukraine auch nicht nur als Beschäftigung mit einem derzeit politisch relevanten Gebiet verstanden wissen, sondern auch als Gelegenheit, „neue Fragen nach dem Wesen des politischen Pluralismus, der Mehrsprachigkeit und der Gewalt zu stellen“. Es ist zu hoffen, dass viele diese Gelegenheit nutzen.
Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation. Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert.C. H. Beck Verlag, München 2025. 287 S., 28,– €.
Andrii Portnov: Ukraine-Studien. Nomos Verlagsgesellschaft,Baden-Baden, 2025. 170 S., 21,90 €.
Source: faz.net