Die Deutschen bekommen zu wenige Kinder, heißt es. Dabei schlagen jungen Familien mit Nachwuchs öffentlich vor allem Wut und ungefragte Ratschläge entgegen. Hier zieht unsere Autorin nach zwei Jahren Mutterschaft ein bitteres Fazit.
Die Bundesrepublik Deutschland hat ein Problem: Sie wird immer älter. Dagegen hilft ein simples Rezept: mehr Kinder. Doch leider genießen diese hierzulande kein großes Ansehen, wie ich nach 24 Monaten Mutterschaft feststellen musste. Klar, Babys und kleine Kinder finden die meisten süß – aber nur, solange sie weitestgehend unsichtbar bleiben. Denn ist man mit ihnen außerhalb der eigenen vier Wände unterwegs, wird man vor allem mit dem Frust und Unmut seiner Mitmenschen konfrontiert.
Ja, es gibt Mitmenschen, die Familien und kleinen Kindern im Alltag wohlwollend entgegenkommen. Die dabei helfen, den Kinderwagen die Treppe hochzutragen, wenn der Fahrstuhl defekt ist. Oder das eigene Kind spielerisch ablenken, wenn es aus unerklärlichen Gründen einen Nervenzusammenbruch in der Tram bekommt.
Doch viel zu oft begegne ich dem Gegenteil: Menschen, die offenbar vergessen haben, dass sie selbst mal Kleinkinder waren.
Vor Kurzem waren wir – Mama, Papa, Tochter – in der Berliner S-Bahn auf dem Weg nach Hause. Wir kamen gerade von einem österlichen Familienbesuch in Nordrhein-Westfalen zurück und hatten bereits fünf Stunden Reisezeit hinter uns, in der wir unsere Tochter mit Büchern, Spielsachen und Snacks bespaßt hatten. Doch nun war für sie ein Limit erreicht. Ich wusste: Wenn ich nicht bald reagiere, würde sie weinen – und es würde sehr schwer sein, sie zu beruhigen.
Damit sie sich etwas entspannen konnte, habe ich ihr also erlaubt, eine Folge „Der kleine Maulwurf“ auf dem iPad zu schauen. Fünf Minuten Bildschirmzeit in meiner Begleitung, nach denen wir sogar über den Serieninhalt sprechen würden. Doch schon an einer Haltestelle stieg ein circa fünfzigjähriger Mann ein und gab uns beiläufig mit, dass „Menschen wie wir“ besser keine Kinder bekommen sollten.
Schon ein kleines Schlaglicht auf ein Leben wie dieses scheint bei Menschen den Reflex auszulösen, lautstark über unsere Erziehung zu urteilen. Auch wer sein Kind in eine Betreuung gibt, gilt schnell als Rabenmutter. Manch einer ist davon überzeugt, dass sich Eltern in den ersten Lebensjahren alleine um ihren Nachwuchs kümmern sollten. Den finanziellen Druck junger Eltern (oder gar den Wunsch, sich trotz Familiengründung beruflich weiterzuentwickeln) scheinen diese Menschen gut ausblenden zu können.
Ich habe noch lange über die Aussage des Unbekannten in der S-Bahn gegrübelt. Natürlich weiß ich, dass ich auf die einzelne Meinung eines fremden Mannes nicht allzu viel Wert legen sollte. Das Problem ist nur: Diese scheinbar beiläufigen Bemerkungen sind kein Einzelfall. Sie begegnen mir und vielen anderen Eltern aus meinem Freundeskreis immer häufiger. Laut einer Umfrage des MDR hält nur ein Drittel aller Befragten Deutschland für kinderfreundlich. 72 Prozent wünschen sich einen freundlicheren und respektvolleren Umgang mit den Jüngsten.
Leben mit Kindern in Deutschland: sozial erwünscht, aber bitte nicht stören!
Ich rede hier nicht von den familienpolitischen Voraussetzungen, auch wenn es da bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Deutschland ebenso viel aufzuholen gibt.
Mir geht es vielmehr ums gesellschaftliche Klima. Hierzulande werden Kinder häufig einfach nur als Störfaktor wahrgenommen. Das stresst Eltern. Weil sie sich so vorkommen, als seien sie der Grund dafür, dass andere Mitmenschen sich belästigt fühlen oder nicht frei entfalten können.
So musste ich erleben, wie eine Frau mittleren Alters mich im Bus patzig anmeckerte, ich solle doch mehr Rücksicht auf sie nehmen. Sie habe zu wenig Platz. Dabei stand sie wohlgemerkt in dem Bereich für Kinderwagen und Rollstühle. Ein höfliches „Entschuldigung, aber der Platz für Kinderwagen ist leider begrenzt und da hinten sind noch freie Sitzplätze“ erntete nur Kopfschütteln.
Wie oft stand ich vor defekten Aufzügen und musste alleine Kind und Kinderwagen die Treppe hochtragen? Oft erlebe ich, dass Männer Hilfegesuche ignorieren oder ablehnen. Meistens sind es andere Frauen, Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund, die von sich aus reagieren – solche, die selbst im Alltag mit Barrieren konfrontiert sind.
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir nörgelnde Senioren in der Fußgängerzone Erziehungstipps geben, wie ich endlich für Ruhe bei meinem Kind sorgen könnte, das gerade einfach nur übermüdet war oder Hunger hatte. Als würde es darum gehen, mir zu helfen – und nicht darum, Ärger über die Ruhestörung zu äußern.
Selbst, wenn ich mich mit meiner Tochter zu Hause verschanze, bekomme ich Probleme. Als sie gerade laufen lernte und über die Dielen trampelte, fühlten sich die Nachbarn unter uns so gestört, dass sie lautstark gegen die Heizungsrohre trommelten. Ich kann verstehen, dass es im Altbau nervt – aber ich kann ein Kleinkind nicht einsperren!
Auch ich als Mutter wünsche mir oft, dass mein Kind nicht in der S-Bahn anfängt zu schreien. Dass es nicht durch die Wohnung stapft, weil es die Nachbarn stört und ich das schon hunderte Male erklärt habe. Dass es keinen Wutanfall in der Drogerie bekommt.
Ja, auch ich hätte gerne immerzu meine Ruhe. Aber wir leben zusammen in einem Land – und die Kleinsten lernen gerade erst, was Rücksichtnahme und soziale Normen bedeuten.
Dass es anders geht, zeigt das Ausland
Vielleicht waren die Kinder früher tatsächlich ruhiger und angepasster – als Resultat einer streng autoritären Erziehung, die Kinder eher zu kleinen Untertanen erzogen hat als zu starken, mündigen Individuen. Ich glaube nicht, dass damit das Maß aller Dinge gefunden wurde.
Stattdessen glaube ich, dass wir uns im Umgang mit Kindern auch an anderen Ländern ein Vorbild nehmen könnten.
In Griechenland fand ich in vielen Restaurants eine Spielecke. In Frankreich wurde ich in einer Gaststätte direkt gefragt, ob mein Kind einen Hochstuhl benötigt. In Großbritannien gibt es ein Recht auf öffentliches Stillen. Ich wurde dort noch nie angemeckert, weil ich mein Kind auf einer Parkbank gestillt und es gewagt habe, es mit meiner nackten Brust zu ernähren. In Japan gibt es auf jeder öffentlichen Toilette – egal ob für Männer oder Frauen – einen Kindersitz, in den man sein Kind sicher hineinsetzen kann, wenn man aufs stille Örtchen muss – und sogar Waschbecken auf Kinderhöhe. In solchen kleinen Alltagsdingen zeigt sich, wie eine Gesellschaft Kinder als Teil des öffentlichen Lebens akzeptiert.
Es ist an der Zeit, dass wir alle wieder etwas empfänglicher füreinander werden und mehr Mitgefühl zeigen. Vielleicht könnte das auch ganz viele andere Probleme im Miteinander lösen. Auch über den Umgang mit unseren Kleinsten hinaus.
Sabine Winkler berichtet als freie Autorin für WELT regelmäßig über Familienthemen, Reisen und Popkultur. Zweimal im Monat erscheint montags ihr Newsletter „Läuft bei uns – der Familien-Newsletter“, in dem sie über ihr Leben als Mama schreibt.
Source: welt.de