Der hypnotischen Ereignislosigkeit der „Weißen Landschaft“ für Klavier kann man sich kaum entziehen. Man überlässt sich willenlos einem Zustand, in dem Handeln keinen Sinn hat. Richtungslos wie Flockenwirbel lässt der lettische Komponist Pēteris Vasks die taktfrei notierten Arabesken der rechten Hand, meist in Zwölfergruppen, im Quintrahmen zwischen a und e kreisen, gelegentlich zur Sexte mit dem unteren g, oder zur Septime bis zum unteren f erweitert. Dazu Haltetöne der linken Hand, durchsetzt von langen Fermaten. Resignation und Heilung erscheinen als zwei Seiten einer Medaille. Ein Frieden ohne Hoffnung entfaltet seine narkotische Wirkung.
Man kann das Stück, geschrieben 1980 im russisch besetzten Lettland, politisch als Dokument einer bleiernen Zeit im Völkergefängnis der Sowjetunion deuten. Doch zugleich stellt sich der Komponist die Aufgabe, mit begrenztem Material eine Form zu gestalten: Auch wenn sich die Arabesken zu einem akkordischen Choral verdichten, verlässt Vasks den Rahmen von a-Moll nicht. Die „Weiße Landschaft“, vierzig Jahre später zu einem „Jahreszeiten“-Zyklus ergänzt, beschränkt sich auf die weißen Tasten des Klaviers. Musikgeschichtlich knüpft sie an die im Jahr 1913 gedruckten „Chansons blanches“ op. 48 von Wladimir Rebikow an. Ihr Erfolg mag auch darin liegen, dass diese „Weiße Landschaft“ heute von Anhängern der Neoklassik als Vorläufer von Max Richters „Sleep“ gehört werden kann. Dabei ließ sich Vasks, ähnlich wie sein estnischer Kollege Lepo Sumera, damals durch den amerikanischen Minimalismus und dessen Permutationstechniken inspirieren.
Aus der Verknüpfung neotonal-minimalistischer Techniken mit der Traumaerfahrung sowjetischer Okkupation war in den Siebziger- und Achtzigerjahren beim Polen Henryk Mikołaj Górecki, beim Esten Arvo Pärt und eben beim Letten Pēteris Vasks eine postavantgardistische Stilrichtung der Musik entstanden, die sich in dreifacher Opposition wiederfand: erstens gegenüber den westeuropäischen Avantgarden, die nach 1945 alle Bezüge zwischen Musik, Sprache, Geschichte und Heimat aufzulösen suchten; zweitens auch gegenüber dem amerikanischen Minimalismus, der Tonalität zwar als Material wiederbelebt, aber deren Sprachcharakter zerstört hatte; drittens gegenüber dem Staatsatheismus der Sowjetunion, dem sie eine dezidierte Spiritualität entgegensetzte.
Pēteris Vasks war in Aizpute – dem Geburtsort Eduard von Keyserlings – als Sohn eines Baptistenpredigers zur Welt gekommen und hatte die staatliche Christenverfolgung früh miterlebt. Komposition durfte er als Pfarrerskind in Sowjetlettland nicht studieren. Zumindest Kontrabassist konnte er werden – in Litauens Hauptstadt Vilnius. Doch vom Komponieren ließ er sich nicht abhalten. Seine „Musica dolorosa“, 1983 auf den Tod seiner Schwester geschrieben, wurde von seinen Landsleuten auch als Ausdruck des Schmerzes über die eigene Knechtung gehört. Die Letten lieben Vasks heute über alle Maßen: „Für mich ist Pēteris Lettland und Lettland ist Pēteris, weil seine Musik klingt, wie Lettland ist“, sagte die lettische Organistin Iveta Apkalna kürzlich und setzte nach: „Pēteris Vasks steht für mich gleich neben Johann Sebastian Bach.“
So ein Superlativismus tut dem Komponisten nicht gut, aber aus ihm spricht die Sehnsucht der Letten, wahrgenommen zu werden. Als eigene Nation kamen sie noch später zur Welt als die Deutschen. Die Zeit einer musikalischen Nationalromantik war da längst vorbei. Die Sehnsucht danach muss Pēteris Vasks jetzt stillen und erfüllt zugleich den Hunger eines avantgardemüden Publikums im Westen nach Stärkung, Sinn und Transzendenz. Diesen Donnerstag wird er achtzig Jahre alt.
Source: faz.net