M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Jahresurlaub oder Tankfüllung? Das Dilemma mit den Spritpreisen


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Unser Kolumnist Micky Beisenherz besitzt ein paar alte Autos. Die lässt er aber jetzt stehen. Das hat nicht nur mit dem Irankrieg zu tun.

Zum Hauptbahnhof bin ich heute Morgen mit dem Taxi gefahren. Grundsätzlich stehen mir zwar ein paar alte Autos zur Verfügung, aber das mit dem „stehen“ trifft es eigentlich ganz gut. Die Dinger sind nicht fahrbereit. Wie und warum, dazu später mehr.

Ein Taxi zu nehmen ist nicht ganz billig, aber es erspart mir zumindest die bittere Situation, mich selbst zeternd an der Tankstelle wiederzufinden. Die hohen Spritpreise haben auch den Vorteil, dass man sich mit dem Mann im Fahrersitz besser einigen kann, als wenn er wie üblich seine Ansichten zu Themen wie, sagen wir mal, den Nahostkonflikt oder den CSD ausbreitet.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host („Apokalypse und Filterkaffee“), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen

Wenn der Liter Diesel teurer ist als die Dose Red Bull im Tankshop, ist das ein Problem, klar. Oder um es anders zu sagen: Im Vergleich zu einmal volltanken kommen einem mittelalterliche Foltermethoden gar nicht mehr sooo schlimm vor. Jetzt ist natürlich „der Kanzler gefordert“! Eine Ansprache an die Nation – „Mehr Volks wagen!“ – direkt von Säule drei an der Esso-Tanke in Detmold. Aufregend. Erste Maßnahmen zur Preisstabilisierung (Preiserhöhung nur bis mittags, bald die vorübergehende Senkung der Mineralölsteuer) zeigen nur wenige positive Effekte. Bis auf neue Sprachbilder alkoholfreudiger Männergruppen vielleicht: „Hömma, der Jochen, der war gestern so voll wie ’ne Tanke vor zwölf!“

Micky Beisenherz: Alte Autos sind nostalgiebesoffener Blödsinn

Lehrreich ist das Ganze natürlich. Der Mensch wird brutal daran erinnert, wie vernetzt diese globalisierte Welt ist. Wenn in der Straße von Hormus dem Mullah ’n Tankschiff quersitzt, steht über 6000 Kilometer entfernt Ingo in Herne an seinem Opel Mokka und will die AfD wählen, weil der Sprit so teuer ist. Spätestens jetzt fällt uns das Thema verschleppte Energiewende wieder auf die Füße, aber das ist mit der androidenhaften Wirtschaftsministerin wohl nicht zu machen. Aber was rede ausgerechnet ich mit meinen alten Autos! Mit einem 1986er Mercedes 500 SEC mit V8-Motor ist die Fahrt zum Kraftstoffdealer wahrlich keine Wonne. Der Tank ist größer als so manche Zweizimmerwohnung. Willste den voll machen, fällt der Jahresurlaub aus.

Alte Autos sind nostalgiebesoffener Blödsinn. Ja, sie haben Charme, und Aufschneider wie ich erregen damit die ersehnte Aufmerksamkeit. Besonders, wenn der Porsche Targa vor der Schule der Tochter liegenbleibt und dich drei Viertklässler anschieben müssen. So viel Hass in den Augen der Lastenradmütter und Barista-Papis, die dem kleinen Milo zur Beruhigung auf den Rücken klopfen. Toll.

Alte Autos, die nicht anspringen, werden nur getoppt von alten Autos, die nicht ausgehen! So wie mein 500er Benz am Karfreitag. Ich parke, ziehe den Schlüssel – und die verdammte Karre läuft einfach weiter. Motorhaube auf, mühsam mit iPhone-Taschenlampe zwischen den Zähnen die Batterie abgeklemmt – das Ding schnurrt selbstzufrieden weiter. Ein Auto wie Stephen Kings „Christine“: Das Ding lief und lief und lief. Und war nicht auszukriegen. Erst Stunden später konnte mein Freund und Schrauber Harry mir helfen, indem er der Karre brutal ein Zündkabel zog. Ich war deutschlandweit an diesem Wochenende vermutlich der einzige Mensch, der betete, dass der Tank endlich leer gehe.

Der Wagen steht jetzt in der Werkstatt, aber da ich keinem ordentlichen Beruf nachgehe und wenig zu transportieren habe, kann ich bis auf Weiteres das Fahrrad nehmen. Und lachend an der Tanke vorbeiradeln. Nur, bis zum nächsten Regen sollte die Straße von Hormus wieder frei sein.

Source: stern.de