Der Renaissancemaler Raffael galt als Inbegriff für makellose Schönheit – und das machte ihn verdächtig, insbesondere für einen berühmten Konkurrenten. Eine monumentale Ausstellung räumt nun Missverständnisse aus.
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Außer Raffael. Der Junge aus der feinen Kleinstadt Urbino schien von Anfang an – er wurde 1483 geboren – über alles zu verfügen, was ein italienischer Renaissancemaler haben musste: ein untrügliches Gefühl für Harmonie, Sinn für subtile Dramatik, den souveränen Griff in den Fundus der Antike. Als Raffael 1520 im Alter von nur 37 Jahren starb, trugen vier Kardinäle, die alle in Purpur gekleidet waren, seinen Leichnam. Der Papst küsste ihm die Hand. Hunderte Römer begleiteten ihn in seine letzte Ruhestätte, das Pantheon.
Dort blieb er, bis die Präraffaeliten im England des 19. Jahrhunderts Raffael für all seine Nachahmer verantwortlich machten. Zu glatt, befanden sie, zu perfekt, zu harmonisch. Die englische Malerbewegung der Präraffaeliten wollte zurück ins Italien der Frührenaissance, also verstießen sie Raffael brüsk aus ihrem Künstlerparadies. Ein bisschen kann man sie verstehen: Zu viele Weihnachtskitschpostkarten zeigen diese oder jene Version von Raffaels Madonna mit dem Kind. Moderne Gemüter begeisterten sich ohnehin eher für Caravaggio, den Mörder, der lange, circa 350 Jahre zu früh, quasi den Expressionismus erfand. Raffael? Langweilig.
Jetzt aber präsentiert das Metropolitan Museum in New York eine Mammutausstellung. Acht Jahre hat es gedauert, sie vorzubereiten. Fünf Dutzend Spender mussten ihre Portemonnaies öffnen, um sie möglich zu machen. Leihgaben kommen aus dem Prado in Madrid, den Uffizien in Florenz, den vatikanischen Museen in Rom – allein die Versicherung der Gemälde muss Millionen Dollar verschlungen haben. Das Metropolitan Museum versichert, dies sei die größte Ausstellung von Raffaels Gemälden, die es je auf amerikanischem Boden gegeben habe, und man glaubt es gern. Verantwortlich für die Werkschau ist Carmen Bambach, eine langjährige Kuratorin des Metropolitan Museum. In der Vergangenheit hat sie Ausstellungen von Leonardo und Michelangelo organisiert, den zwei Meistern, die häufig mit Raffael in einem Atemzug genannt werden.
Carmen Bambachs Trick, um uns Raffael näherzubringen, ist ganz einfach: Sie zeigt uns, dass dieser Meister eben doch nicht fix und fertig auf die Welt gekommen ist. Die Ausstellung beginnt darum gar nicht mit Raffael, sondern mit seinem Vater, Giovanni Santi, der Hofmaler des Fürsten von Urbino war und Versepen schrieb. Er war Raffaels erster Lehrer; allerdings starb er, als Raffael erst elf Jahre alt war. Sein zweiter Lehrer wurde Pietro Perugino, von dem er das Handwerk lernte. Allerdings bestimmte bei Perugino die Stellung in der Hierarchie noch die Körpergröße: Maria und das Jesuskind sind groß, die Normalsterblichen klein. Raffaels Naturalismus – bei ihm unterscheiden sich Engel und Christus nur durch Heiligenscheine von den Menschen – mag auf seine Zeitgenossen schockierend gewirkt haben.
Raffaels drittes Vorbild war Leonardo. Die Ausstellung führt vor, wie Raffaels Entwürfe in der Frühphase noch fein ausgetüftelt und viel zu perfekt waren. Leonardo, der dreißig Jahre älter war, brachte ihm bei, seine Entwürfe mit dem Rötelstift fix auf das Papier zu huschen. Die Kuratorin legt nahe, dass Leonardo dem Jungen aus der Provinz vielleicht sein Skizzenbuch öffnete, um ihn zu lehren, nicht gleich alles richtig machen zu wollen.
Das Bild ist beinahe zu schön
Man stellt sich die Szene gern vor. Jedenfalls begleiten mehr als hundert Zeichnungen die Bilder, und sie beweisen, dass auch ein Raffael nicht von vornherein wusste, wie er seine Figuren zu stellen hatte; dass er nicht zauberte, sondern arbeitete. Diesem Besucher (aber das ist vielleicht der Zeitgeschmack) gefielen die hastigen, „unfertigen“ Entwürfe oft besser als die farbigen Gemälde. Nehmen wir etwa die „Alba Madonna“, ein kreisrundes Gemälde aus dem Jahr 1510, auf dem ein rotgelockter Knabe – Johannes der Täufer – bewundern zu dem (naturgemäß blonden) Jesuskind hochblickt, das im Schoß der Jungfrau sitzt; Jesus und Johannes halten gemeinsam einen langen dünnen Stock fest, der ein Holzkreuz ist. Das Bild ist beinahe zu schön. Lebendig und verrückt dagegen die Vorstudien, bei denen übrigens ein junger Mann für die Madonna Modell gesessen hat.
Gelegentlich konnte dieser Maler von frappierender Sinnlichkeit sein: Betrachten wir etwa sein Porträt von Bindo Altoviti, einem furchtbar reichen jungen Mann (er war Bankier des Papstes). Raffael lässt ihn über die Schulter zurück auf uns blicken, sein blondes Haar umschmiegt leicht den Hals, die Lippen sind sinnlich, das Gesicht mädchenschön. Als wollte er die Heterosexuellen unter uns foppen, verwendet Raffael dann aber viel Mühe, um die Koteletten des jungen Mannes detailgetreu wiederzugeben.
Völlig unerotisch dagegen seine vielen Madonnen – unerotisch und anrührend. Auf einer Vorstudie sehen wir, wie Maria den Jesusknaben innig herzt; man möchte stundenlang vor der Rötelzeichnung verweilen. (Oder sie stehlen und mit nach Hause nehmen.) Wer im Hinterkopf behält, wie viele Mütter damals im Kindbett starben, wie viele Kinder ihren ersten Geburtstag nicht erlebten, dem wird beim Betrachten all der glücklichen Mütter und Babys freilich ganz anders.
Michelangelo glaubte, dass Raffael intrigierte
Zu den schönsten Dingen, die Raffael je geschaffen hat, gehören die Fresken in der Stanza della Segnatura, einem Raum im päpstlichen Palast. Leider lassen die sich nicht nach New York schaffen, also werden sie im Metropolitan Museum an die Wände eines leeren Zimmers projiziert. Die Projektionen sind verkleinert; sie sind etwas zu hell; aber man erkennt doch, dass hier so etwas wie eine Utopie gezeigt wird.
Auf der einen Wand sehen wir die Schule von Athen, die Weisheit der heidnischen Philosophen, auf der anderen eine theologische Disputation, über der Christus persönlich thront. An der dritten Wand versammeln sich Götter auf dem Parnass, an der vierten beraten die Kardinaltugenden über ein gutes Leben. Christentum und Heidentum in einem heiteren Austausch, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Hat der Maler daran wirklich geglaubt? Wie konnte er nicht daran glauben? Die Renaissance war eine Epoche, in der man junge Männer wie ihn auf den päpstlichen Palast losließ.
Der Papst in Raffaels letzten Lebensjahren war Leo X. – jener Papst, den ein deutscher Augustinermönch namens Martin Luther scharf wegen seines Ablasshandels attackierte, der nach vielen zeitgenössischen Berichten jedoch ein angenehmer, toleranter Mensch war, der Literatur liebte und gern musizierte. Aber den armen Raffael hat Leo X. gezwiebelt, er jagte ihn von einem Projekt zum nächsten, bis zum Kollaps. Das ehrgeizigste Projekt: Er verlangte von Raffael, dass er ihm Wandteppiche mit Szenen aus dem Neuen Testament entwerfen sollte, die dann zu besonderen Anlässen in der Sixtinischen Kapelle aufgehängt werden sollten.
Raffael lieferte die Vorlagen, ausgeführt wurden die prächtigen Teppiche dann in Flandern. Bekanntlich hat Michelangelo, der nur acht Jahre älter war als Raffael, den jüngeren Kollegen von Herzen gehasst. Er war missgünstig und glaubte, dass Raffael gegen ihn intrigierte. Michelangelo muss furchtbar darunter gelitten haben, dass ausgerechnet in seiner Sixtinischen Kapelle Raffaels Wandteppiche hängen sollten. Immerhin hatte er dann die Genugtuung, dass Leo X. sich verschätzte; die Wandteppiche haben ihn in den Ruin getrieben. Die herrlichen Ausstellungsstücke, die wir im Metropolitan Museum bewundern dürfen, sind Zweitausgaben, die für den spanischen König angefertigt wurden.
Man zwinkert, wenn man nach dieser Ausstellung ins Licht eines kühlen New Yorker Frühlingstages hinaustritt. Man reibt sich die Augen, die das Hirn mit so viel Schönheit geflutet haben. Und fragt sich: Warum ist nicht die ganze Welt so wie auf Raffaels Bildern? Dann erinnert man sich, dass sie das ja eigentlich ist; man müsste sie nur richtig sehen können.
„Raphael: Sublime Poetry“, bis 28. Juni 2026, Metropolitan Museum of Art, New York, Katalog 75 Dollar
Source: welt.de