Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung bleibt die Lage der Kulturförderung in Ostdeutschland angespannt. Private Mäzene wie im Westen fehlen, kommunale Kassen sind vielerorts knapp. Oft müssen Stiftungen einspringen.
Die Lage der Kulturförderung in Ostdeutschland ist mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung prekär. Nach Einschätzung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung liegt das vor allem am Mangel privater Geldgeber. Während es in Westdeutschland deutlich mehr Mäzene für Kunst und Kultur gebe, fehle es im Osten an einer entsprechenden Fördertradition, sagte Stiftungsgeschäftsführerin Patricia Werner. Die Ursachen dafür reichten bis in die DDR zurück.
Kulturförderung muss bis heute DDR-Defizite aufholen
In der DDR habe es keine privaten Stiftungen gegeben, so Werner. Kultur sei staatlich organisiert und finanziert worden. In der Bundesrepublik hingegen konnte über Jahrzehnte eine vielfältige Stiftungslandschaft aufgebaut werden. Nach der Wende habe man in Ostdeutschland vielfach erklären müssen, was eine Stiftung überhaupt sei.
Dass die Stiftungslandschaft im Osten bis heute kleiner ist, belegen Zahlen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Von rund 26.000 Stiftungen in Deutschland haben nach Angaben des Verbandes (Stand 2025) lediglich sieben Prozent ihren Sitz in Ostdeutschland.
Vermögensverhältnisse spielen dabei keine unwesentliche Rolle. Große private Vermögen, die für Mäzenatentum notwendig sind, sind im Osten deutlich seltener: Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes besaßen ostdeutsche Haushalte im Jahr 2024 im Durchschnitt nur 150.900 Euro im Vergleich zu 359.800 Euro im Westen.
Knappe kommunale Kassen
Hinzukommt die angespannte finanzielle Lage vieler Kommunen. Sie sind neben den neuen Bundesländern laut Einigungsvertrag von 1990 dafür verantwortlich, die „kulturelle Substanz“ Ostdeutschlands dauerhaft zu bewahren. In der Praxis stoßen die kommunalen Haushalte jedoch zunehmend an ihre Grenzen.
Man nehme im Osten immer wieder wahr, dass kulturelle Projekte wegbrechen, berichtet Patricia Werner von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung. Angespannt ist die Lage unter anderem in Sachsen. Geringere Förderungen von Bund, Land und Kommunen führen zum Beispiel dazu, dass Museen ihre Öffnungszeiten verkürzen oder Ausstellungen reduzieren. Auch Theater sind betroffen: Am Theater Plauen‑Zwickau etwa werden sowohl der Stellenabbau als auch die Schließung ganzer Sparten diskutiert.
Stiftungen wichtige Stütze für Kultur
Der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle, Thomas Bauer-Friedrich, sagte im Gespräch mit MDR Kultur, dass immer mehr staatliche Förderungen wegfielen. Für viele Kulturschaffende seien Gelder von Stiftungen inzwischen überlebenswichtig. Ohne ihre Unterstützung sei für viele Institutionen „kaum noch etwas möglich.“
Das Kunstmuseum Moritzburg hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als eine Million Euro Fördergelder von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung erhalten. Damit seien mehrere Ausstellungen finanziert worden. Auch Ankäufe und kunsthistorische Forschungen seien oft nur mithilfe von Stiftungsgeldern realisierbar, so Bauer-Friedrich.
Höhere Verantwortung für Stiftungen
Kulturstiftungen trügen im Osten eine andere Verantwortung als im Westen, erklärte Patricia Werner von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung. Dennoch könnten sie eine staatliche Kulturförderung nicht ersetzen. Man verstehe sich als „ergänzende Förderer“, nicht als Ersatz. Dafür sei der Etat schlicht zu gering, so die Stiftungschefin.
Nichtsdestotrotz gilt die Ostdeutsche Sparkassenstiftung als größter nicht-staatlicher Förderer von Kunst und Kultur in Ostdeutschland. Nach eigenen Angaben hat sie seit ihrer Gründung Mitte der 1990er‑Jahre rund 2.700 Projekte in Sachsen, Sachsen‑Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg‑Vorpommern mit insgesamt 126 Millionen Euro unterstützt. Gefördert wurden unter anderem das Kurt‑Weill‑Fest in Dessau und der Naumburger Dom.
Bund und Länder springen ein
Neben den privaten Initiativen und Stiftungen in Sachsen, Sachsen‑Anhalt und Thüringen spielen auch die staatlichen Kulturstiftungen der Länder eine zentrale Rolle. Anders als vergleichbare westdeutsche Stiftungen wurden sie erst infolge der Wiedervereinigung gegründet. Die Kulturstiftungen Sachsens und Sachsen-Anhalts existieren seit den 1990er-Jahren, die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen erst seit 2005.
„Die Kulturstiftung der Länder sieht weiterhin einen hohen Förderbedarf für Ostdeutschland. Gegenüber den alten Ländern gibt es immer noch Nachholbedarf, gerade wenn es darum geht neue Werke für Sammlungen und Museen zu erwerben“, sagte die Generalsekretärin der Stiftung, Christine Regus, anlässlich ihres Antrittsbesuchs in Weimar. In den Altbundesländern sei viel früher begonnen worden, Lücken in den Beständen zu schließen, etwa durch Ankäufe. Zudem käme in Ostdeutschland die Problematik hinzu, dass in der sowjetisch besetzten Zone und der DDR Kulturgüter entzogen wurden. Die Kulturstiftung der Länder fördert und bewahrt Kunst und Kultur von nationaler Bedeutung im Umfang von jährlich rund zehn Millionen Euro.
Ergänzt wird die Kulturförderung im Osten durch bundesweite Programme, etwa von der Kulturstiftung des Bundes mit Sitz in Halle an der Saale. Im Förderprogramm „Lokal“, das kleinere Städte und Gemeinden stärken soll, stammt mehr als die Hälfte der unterstützten Projekte aus Mitteldeutschland. Zu den geförderten Einrichtungen zählt unter anderem das Thespis Zentrum in Bautzen, das Geflüchtete und Menschen aus Bautzen auf der Bühne zusammenbringt.
Ost-West-Gefälle bleibt groß
Auch wenn die Zahl der Stiftungen im Osten Deutschlands insgesamt unter der im Westen liegt, weist Thüringen mit Ausnahme von Berlin die höchste Dichte auf. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Stiftungen hat dabei Jena die höchste Stiftungsdichte im Osten. Sie liegt allerdings nur etwa halb so hoch wie beim westdeutschen Spitzenreiter Würzburg.
In Jena ist unter anderem die Carl‑Zeiss‑Stiftung ansässig, die Wissenschaft und Forschung fördert, darunter auch die Modernisierung des Optischen Museums in Jena.
Source: tagesschau.de