Anita Orbán kann sich sicher sein, dass man ihr in Brüssel einen herzlichen Empfang bereiten wird. Unter den Außenministern der EU muss die Erleichterung über den Erdrutschsieg der oppositionellen Tisza bei der ungarischen Parlamentswahl besonders groß gewesen sein. Schließlich war in den Wochen zuvor durch immer neue Details publik geworden, wie Ungarns bisheriger Ressortchef Péter Szijjártó nicht nur eine permanente Obstruktionspolitik verfolgte, sondern sich dabei auch noch – teils direkt aus den Verhandlungspausen – telefonisch mit dem Kreml absprach.
Nun präsentierte Wahlsieger Péter Magyar Anita Orbán offiziell als seine künftige Außenministerin. Die wird sich mit Blick auf ihren Namen zwar noch manchen Kalauer anhören müssen, ist mit dem scheidenden Regierungschef aber familiär nicht verbunden.
Ihre Nominierung innerhalb der Tisza galt schon im Januar als Coup für die Opposition. Zum einen konnte Magyar mit der 1974 im ostungarischen Berettyóújfalu geborenen Ökonomin ein bekanntes Gesicht präsentieren und so den Vorwurf abschwächen, dass seine Tisza-Bewegung nur auf ihn selbst als Person zugeschnitten sei. Anita Orbán gilt als international bestens vernetzt und ist eine der prominentesten weiblichen Figuren der ungarischen Wirtschaftsszene. Daneben stammt sie, wie Magyar selbst, aus dem Fidesz, was dabei helfen konnte, frühere Wähler der Regierungspartei anzusprechen.
Anita Orbán steht für den alten, westlich orientierten Fidesz
Doch Anita Orbán steht vor allem für den alten, westlich orientierten Fidesz. In ihrer in den USA verfassten Dissertation hatte sie bereits 2007 geschrieben, dass Ungarn sich aus der Abhängigkeit von russischem Öl und Gas lösen müsse, da der Kreml Energie als Waffe einsetze. Im damals noch oppositionellen Fidesz rannte sie damit offene Türen ein. Nach der Rückkehr an die Regierung 2010 wurde sie Sonderbotschafterin für Energiesicherheit. Doch je mehr Viktor Orbán diese Linie aufgab und sich dem Kreml zuwandte, desto stärker wurde die Entfremdung.
2015 verließ Anita Orbán schließlich die Regierung. Seither war sie unternehmerisch tätig, pflegte zahlreiche internationale Netzwerke und war beim Vodafone-Konzern für die Regierungsbeziehungen zuständig. Jenseits ihrer Kritik an Ungarns Energieabhängigkeit hatte sich Orbán im Wahlkampf aber weitgehend vage geäußert, wenn es um außenpolitische Ziele ging, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.
Sie steht für eine klare Westbindung und ein partnerschaftliches Verhältnis zur EU. Zu Russland will sie die Gesprächskanäle keineswegs kappen. Ihr schwebe eine „Beziehung zweier souveräner Staaten“ vor, die ihre jeweiligen Interessen gegenseitig akzeptierten.
Source: faz.net