Kriege, Krisen, Klimaschäden: Mit Longevity kann man den Weltuntergang noch erleben

So lange wie möglich leben: Das neoliberale Konzept der Lebensverlängerung trifft auf viele Abnehmer. Drei Gründe, warum Longevity so gut in unsere Zeit passt


Alles, nur nicht altern: Da hilft sogar eine seltsame LED-Maske

Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/picture alliance


Einst galt: „Live fast, die young“. Heute möchte man zumindest so spät wie möglich sterben; der Natur eine lange Nase drehen. „Longevity“ ist das Schlagwort, das vom Silicon Valley bis zur Schwäbischen Alb Ewigjungbleibenwollende und Tiefenmuskulaturpakete zusammenschweißt. Das Leben soll maximal verlängert werden, und man will auch im Alter noch möglichst fit und leistungsfähig sein.

Dafür zählt man nicht einfach Schritte, sondern füttert Apps mit Informationen über den eigenen Schlaf, die Blutzuckerwerte und vieles andere, schluckt Supplements und verzichtet selbstverständlich auf all die Dinge, die einen Abend meist erst zu einem gelungenen machen: Alkohol, Drogen und Zucker. All das mit dem einen Ziel: das Altern nicht einfach hinzunehmen, sondern es zu managen.

Wer denkt, Longevity sei nur die Sache einiger sozialdarwinistisch bis faschistoid gesinnter Milliardäre, irrt gewaltig. Bücher, Messen und Apps erreichen längst die Masse. Longevity passt wie das Abo zur App in unsere Zeit, weil sich darin gleich drei grundlegende Entwicklungen zeigen.

Das eigene Leben als Projekt

Da ist zunächst das Offensichtliche: Nachdem uns seit nunmehr 50 Jahren der Neoliberalismus eingeprügelt wurde – viele haben das freilich als motivierenden Klaps auf den Po interpretieren wollen –, ist es naheliegend, dass es verfängt, wenn irgendwelche modernen Gurus esoterisch von Eigenverantwortung und Selbstdisziplin faseln.

Das eigene Leben als Projekt, als Investition, der Körper als Maschine. Beim Arbeitskraftunternehmer ging es immer auch um den Körper, nie nur um Karriere und Resilienz zur Erfüllung des eigentlichen Zwecks menschlichen Daseins im Kapitalismus: sprudelnde Mehrwertquelle zu sein.

Wenn immer nur die eigene Leistung zählt und alle anderen Faktoren wie Klasse, Herkunft, Geschlecht und Glück keine Rolle spielen, braucht es auch niemanden mehr, der irgendetwas von sozialen Determinanten der Gesundheit erzählt. Getreu der Lüge: Wer lange lebt, hat die richtigen Entscheidungen getroffen, Longevity als besondere Form des neoliberalen Healthismus, der Gesundheit als Resultat selbstverantwortlichen Handelns verklärt.

Zum Offensichtlichen gesellt sich die tief verdrängte Angst vor der eigenen Endlichkeit. Longevity ist das vielleicht letzte Heilsversprechen einer säkularen Gegenwart, in der kaum noch jemand vom guten Leben nach dem Tod träumt, sondern ein so lang wie mögliches Leben im Diesseits zum Ersatz für die Erlösung im Jenseits wird. Hantelbank statt Himmel.

Den Untergang noch miterleben

Doch Neoliberalismus und Säkularisierung reichen als Erklärung nicht aus, dass Longevity gerade jetzt boomt, leben wir doch in einer Zeit, in der das Leben durch äußere Faktoren so angegriffen erscheint wie nie, zumindest für die meisten heute Lebenden. Sei es durch Kriege, Klimaschäden oder andere alltägliche Beschädigungen durch den Kapitalismus. Wer wollte da nicht ein bisschen Kontrolle ausüben, wo wir doch von Thatcher bis Merkel so genau gelernt haben, dass man am großen Ganzen nicht rütteln kann? Souverän erscheint, wer im Ausnahmezustand noch über sich selbst entscheiden zu können meint.

Wenn sich schon die Welt nicht beherrschen lässt, dann vielleicht die eigene Lebenserwartung. Den vielfach diagnostizierten Untergang des Westens möchte man schließlich schon noch miterleben. In der Longevity-Idee verdichtet sich der Wunsch, Regisseur des eigenen Lebens zu sein, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir als atomisierte Subjekte kaum mehr als Statisten sind. Als solche möchte man wenigstens so lange wie möglich zu sehen sein.

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