Ukraine | „Menschenfressende Killerzonen“: Wie Drohnen den Ukraine-Krieg radikal verändern

Konventionelle Waffengattungen wie die Artillerie oder Panzerverbände im Verbund mit Infanterie oder gar die Luftwaffe spielen auf diesem Schlachtfeld nur noch eine zweitrangige Rolle.

Drohnen dominieren den Ukraine-Krieg entlang der Frontlinien und bewirken an manchem Abschnitt, dass es zu einer blutigen Pattsituation kommt. Sie bestimmen die Kriegsführung und werden eingesetzt, wo immer sich das anbietet: für Bodenoffensiven und deren Abwehr, für Luftangriffe und die Luftverteidigung, für die Versorgung von Truppen, wenn das anderweitig nicht möglich ist.

Feuergefechte Mann gegen Mann kommen kaum noch vor

Fehlt es an wirksamen Gegenmaßnahmen, kann entlang einer Front eine absolute „Killerzone“ von mindestens 20 Kilometern Tiefe entstehen. Dann ist ein solches Terrain komplett menschenleer und wird von Drohnen beider Seiten beherrscht.

Dort, wo vor einem Jahr noch kleine Einheiten mit zwei oder drei Dutzend Soldaten operieren konnten, werden Stellungen mittlerweile von nur noch einem Soldaten gehalten, der von gegnerischen Drohnen gejagt und von den eigenen versorgt wird. Feuergefechte Mann gegen Mann kommen kaum noch vor.

Die „boots on the ground“ entscheiden immer noch, wer die Kontrolle über ein Gebiet für sich reklamieren kann. Es sind aber Drohnen, die den Ausschlag geben, wessen „boots on the ground“ überhaupt eine Überlebenschance haben. Fast schon apokalyptische Zustände eines menschenfressenden Drohnenkrieges werden in den Killerzonen zur Regel.

Je größer die Entfernung von einer Frontlinie, desto mehr wächst die Zahl der Kombattanten, allerdings vermeiden beide Seiten selbst 50 Kilometer hinter der Demarkationslinie größere Ansammlungen oder Technikkolonnen, da alle Arten von Funk- und Glasfaserdrohnen auch dort ununterbrochen im Einsatz sind.

Frühjahrsoffensiven zeichnen sich eher nicht ab

Die Konsequenz dieser Verhältnisse kann sein, dass raumgreifende Offensiven in diesem Krieg vorläufig nicht mehr zu erwarten sind. Es ist schlichtweg unmöglich, die klassische Bündelung der Kräfte nah genug an der Front voranzutreiben, um anschließend erfolgsversprechend auf gegnerische Positionen vorrücken zu können.

Diese Lage kontrastiert mit Ankündigungen und Prophezeiungen, die ihr schwerlich gerecht werden. Beide Kriegsparteien warnen vor gegnerischen Frühjahrsoffensiven. Die Ukrainer hielten sie als russisches Vorgehen gleich nach der Schlammperiode („Rasputiza“) für denkbar und befestigten gefährdete Frontabschnitte.

In der russischen Kriegsdebatte hieß es: Kiew bereite seinerseits eine Offensive vor und reorganisiere Sturmbrigaden im Hinterland. Sobald das Wetter dies zulasse, sei mit Angriffen zu rechnen. Umso wichtiger erscheine es jetzt, eigene Offensivbewegungen zu drosseln und stattdessen die Defensive zu beleben, so kremlnahe Portale. Einiges deutet darauf hin, dass man sich vorerst mit derzeitigen Trennlinien abgefunden hat und keine größeren Vorstöße plant.

Drohnen übernehmen mehr und mehr den entscheidenden Part

Auch bei Langstreckenangriffen gegen das jeweilige Hinterland übernehmen Drohnen mehr und mehr den entscheidenden Part. Russland setzt weniger kostspielige ballistische Raketen der Typen Iskander oder Kinschal ein, weil sich mit Hunderten von Langstreckendrohnen gegen Agglomerationen wie Kiew, Lwiw, Dnjepr und Odessa gleiche Effekte ergeben.

Parallel zu russischen Drohnengeschwadern gen Westen überqueren teils Hunderte ukrainische Drohnen die Grenze gen Osten und landen Treffer vorrangig bei der Ölinfrastruktur des Gegners, zuletzt im Süden Russlands, wo Ölanlagen tagelang brannten, sowie im Norden bei St. Petersburg. Für die russische Flugabwehr ein böses Erwachen, weil die ukrainischen Drohnen offenbar eine neue Route nahmen und über den baltischen Luftraum in das Petersburger Gebiet eindrangen.

Dass der Himmel über Estland, Litauen und Lettland, also NATO-Luftraum, zum Operationsgebiet wird, sorgt bisher für weniger politische Erdbeben, als man erwartet hat. Abseits zahnloser offizieller Pressemitteilungen verweisen Kriegsreporter in Russland wie der Ukraine darauf, dass sich auch Russland des Luftraumes anderer Staaten bediene, die dadurch nicht als direkte Kriegspartei behandelt würden – Belarus zum Beispiel.

Die Ukraine verfügt über viele dezentralisierte Werkstätten

Im Augenblick hat die rasante Drohnen-Evolution das Kräfteverhältnis zwischen den Kriegsparteien angeglichen. Weder konventionelle Waffensysteme noch die zahlenmäßige Überlegenheit an Soldaten entscheiden über Vormarsch oder Rückzug – es ist stattdessen das Know-how bei der Drohnen-Komponente. Folgerichtig werden weder neue westliche Waffenlieferungen noch eine russische Mobilmachung die Lage signifikant verändern.

Russische Beobachter konstatieren, dass die Ukraine ihr „Drohnen-Ökosystem“ auf eine effektivere Schiene gesetzt habe. Gemeint sind viele kleine, dezentralisierte Werkstätten, die flexibel auf die Nachfrage der Front reagieren und situationsabhängige Drohnen-Modelle fertigen.

Diese Produktionsorte sind anpassungsfähiger als der russische Militärapparat und die konzentrierte Massenproduktion von Drohnen in Einheitsgröße. Immer wieder melden russische Militäranalytiker, dass zwar riesige Mengen von Drohnen in Auftrag gingen, jedoch de facto bereits veraltet seien, wenn sie die Montagehallen verließen.

Ukrainische Armee ist zum Lehrmeister geworden

Dass sich Wolodymyr Selenskyj jüngst in Berlin explizit als „Drohnenkrieger“ in Szene setzte, konnte daher nicht überraschen. Das ukrainische Militär stützt sich mittlerweile auf die beschriebenen Kapazitäten und ein Drohnen-Know-how, das in dieser Form für die meisten westlichen Armeen unerreichbar ist. Deutsche Leoparden, britische Challenger oder F-16-Jets aus den USA spielen kaum mehr eine Rolle.

Der Lehrling sei zum Lehrmeister geworden, so die Botschaft Selenskyjs, nicht die ukrainische Armee brauche Lehrstunden in moderner Kriegsführung von westlichen Ausbildern – es sei umgekehrt. Diese Selbstdarstellung wirkt übertrieben, andererseits hat Kiew Drohnen-Teams in die Golfregion entsandt, um die Amerikaner dabei zu unterstützen, ihre Basen gegen iranische Drohnen zu schützen – eine Präsenz, die noch vor einem Jahr als wenig realistisch abgetan worden wäre.

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