Die Börse klammert sich an ein Kurzfrist-Narrativ: Anleger hoffen, dass auf den Schock des Irankriegs eine schnelle Normalisierung folgt. Und während diese Erzählung kursiert, gehen die Kurse kurz runter, wenn die Gespräche zwischen Iran und den USA stocken. Aber sie erholen sich ebenso schnell wieder, wenn allein die Hoffnung auf weitere Gespräche besteht.
Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance hatte angedeutet, dass Washington nach den ergebnislosen Verhandlungen in Islamabad vom Wochenende weiter in Kontakt mit dem Regime in Teheran stehe. Ein zweites Treffen in Pakistan sei zeitnah möglich. Zwei Sätze von Präsident Donald Trump taten ihr Übriges: „Ich kann Ihnen sagen, dass wir von der anderen Seite angerufen wurden. Sie würden sehr gerne einen Deal machen.“
Was passierte nach den Äußerungen am Montagabend? Der marktbreite US-Index S&P 500 schloss auf dem Niveau, das er vor Ausbruch des Krieges Ende Februar erreicht hatte. Als wäre nichts gewesen. Und als würde das schon reichen. So ist der Markt: Kurse entstehen durch Erwartungen. Allerdings sollten sich Anleger bewusst sein, dass diese nicht immer eintreffen.
Deutsche Bank: Aus Marktsicht ein vorübergehender Konflikt
Jim Reid von der Deutschen Bank hält es für bemerkenswert, dass der S&P 500 mit einem Plus von gut einem Prozent wieder oberhalb seines Niveaus vor dem Angriff Israels und der USA auf Iran am 27. Februar geschlossen hatte: „Aus Marktsicht bleibt damit die Erwartung bestehen, dass es sich weiterhin eher um einen vorübergehenden Konflikt handeln dürfte – zumal die Öl-Futures-Kurve stark fallend verläuft“, schrieb Reid, der bei dem Geldhaus für die Forschung zuständig ist, in seiner morgendlichen Markteinschätzung. Wenn Öl-Futures fallen, signalisiert das für spätere Liefertermine deutlich sinkende Preise. Die Knappheit sollte sich demnach auflösen, wenn das Angebot an Öl wieder steigt.
Der Marktoptimismus hat sich auch am Dienstag fortgesetzt. „Die Ölpreise geben nach, nachdem die Hoffnungen wachsen, dass die USA und Iran möglicherweise doch noch irgendeine Form von Abkommen erreichen könnten“, sagt Reid. Angesichts der Möglichkeit weiterer Gespräche würden Anleger daher hoffen, dass es zu einer Deeskalation komme.
„Tatsächlich stattfindende israelisch‑libanesische Gespräche und die Aussicht auf eine Wiederaufnahme der US-iranischen Gespräche sind alles, was es braucht, um dem Markt einen Weg aus der Krise zu zeigen“, sagt Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. Der Dax legte um rund ein Prozent zu und stieg kurzzeitig über die Marke von 24.000 Punkten. Anleger sähen den Höhepunkt des Krieges hinter sich. Nun gehe es darum, herauszufinden, welche Unternehmen die beste Sichtbarkeit für ihre Gewinnentwicklung im weiteren Jahresverlauf böten.
Auch die Blockade der USA in der wichtigen Passierstraße von Hormus deutet Stanzl positiv: „Die Entscheidung der USA, die Straße von Hormus für iranische Schiffe zu blockieren, wird von vielen Anlegern als gezielte Maßnahme verstanden, um iranische Öleinnahmen zu begrenzen, während gleichzeitig der Weg für eine sicherere Passage des übrigen Schiffsverkehrs bereitet wird.“ Die Präsenz der amerikanischen Marine in der Nähe der Meerenge stütze die Hoffnung, dass der Transport von Öl und Gas durch die Meerenge bald wieder aufgenommen werden könne.
Julius Bär: Lage begünstigt eher Trader als langfristige Anleger
„Die Lage bleibt höchst unübersichtlich und begünstigt vorerst weiterhin eher Trader als langfristige Anleger“, sagen Christian Gattiker, Leiter der Forschung bei Julius Bär, und sein Kollege Mathieu Racheter. „Die aktuelle Phase erfordert nach wie vor eher Vorsicht als Mut.“
Geduld sei der Schlüssel. „Unser wichtigstes Szenario geht weiterhin von einem kurzlebigen, aber intensiven Anstieg der Energiepreise aus.“ Es müsse sich aber zeigen, ob sich die Weltwirtschaft und insbesondere die Energiemärkte strukturell stärker verändert haben als ursprünglich erwartet.
Stanzl von der Consorsbank ist optimistisch: „Im Dax locken Rekorddividenden.“ Energiekosten-Entlastungen der Koalition sollen den Verbrauchern helfen. Und ein Sieg der Tisza‑Partei rund um Péter Magyar in Ungarn zeige, dass Europa unter geopolitischem Druck näher zusammenwachse und sich nicht spalten lasse. „Das sind positive Entwicklungen für den Aktienmarkt.“ Dass der S&P‑500‑Index in den USA alle Verluste seit Beginn des Irankriegs wettgemacht hat, zeige, dass Anleger auf das Wachstum blicken, das die Berichtssaison trotz aller kriegsbedingten Turbulenzen mit sich bringen könnte.
Source: faz.net