Was passiert, wenn man vorsorgt, etwa mit ETF-Anlagen, und dann vielleicht Grundsicherung beziehen muss? Schnell wird die Idee zur privaten Altersvorsorge ein Albtraum für Sparer
Und weg ist das Geld und die ETFs, wenn du auf soziale Leistungen angewiesen bist
Foto: Imago/Wolfilser
Vor dir liegt ein Brief, den du eigentlich nicht öffnen willst.
Dieser eine Rentenbescheid, der dich jährlich erreicht und dir schwarz auf weiß zeigt, was dein Leben später wert ist. Alles ordentlich aufgelistet. Und trotzdem fühlt sich alles daran falsch an.
Vielleicht, weil du nicht ausrechnen willst, wann du sterben musst, damit sich deine monatlichen Einzahlungen auszahlen. Vielleicht, weil du die Rentnerin im Park siehst, die Pfandflaschen sammelt, und du beschämt den Blick senkst. Vielleicht auch, weil du an den Tod deines Großvaters denkst und daran, dass nicht einmal genug Geld vorhanden war, um ihn in Würde zu beerdigen.
Womöglich legst du diesen alljährlichen Brief von der deutschen Rentenversicherung deshalb oft einfach in irgendeine Schublade, um nicht über deine eigene Rente nachzudenken?
Vor 40 Jahren hieß es doch noch: „Die Renten sind sicher“
Das aktuelle Rentenniveau liegt in Deutschland derzeit bei rund 48 Prozent des Durchschnittsverdienstes. Und damit unter dem Durchschnitt im Vergleich der 38 Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die politische Antwort auf die drohende Altersarmut lautet: privat vorsorgen. Sparen. Disziplin zeigen.
Dabei hieß es vor genau 40 Jahren noch: „Die Renten sind sicher.“ Jahrzehnte später spricht der Bundeskanzler Friedrich Merz letztendlich das aus, was ohnehin schon alle durch ihren Rentenbescheid wissen: Die gesetzliche Rente wird nur noch Basisabsicherung sein. Deutschlands 70-jähriger Kanzler betont immer wieder, wie wichtig ETFs als zusätzliche private Altersvorsorge seien.
Und Merz hat recht: Diejenigen, die es sich vielleicht gerade trotz teurer Lebensmittel, gestiegener Benzinpreise und erhöhter Mieten leisten können, legen tatsächlich zusätzlich Geld in ETFs an, um nicht arm zu sterben. Der Erzieher, die Putzkraft, der Lkw-Fahrer, die Gärtnerin, der Friseur: Legen vielleicht 50 Euro, vielleicht sogar 100 oder 200 Euro jeden Monat zur Seite. Aber auch nur, wenn es richtig gut läuft und die private Altersvorsorge neben dem Lohn in diesen Berufsgruppen noch möglich ist.
Erst einmal ChatGPT fragen
Bestimmt lassen sich einige mit ChatGPT ausrechnen, was nach einem ganzen Arbeitsleben potenziell zusammenkommen könnte. „Hey ChatGPT, wie viel Geld bekomme ich raus, wenn ich jeden Monat 100 Euro in den bekanntesten ETF MSC World investiere, so nach 30 Jahren?“ Als Antwort spuckt die künstliche Intelligenz Folgendes aus: „Bei einer Laufzeit von 30 Jahren hättest du mit 100 Euro im Monat mehr wahrscheinlich etwa 110.000–140.000 Euro.“ Ein lukratives Rechenmodell, wenn alles nach Plan verläuft. Jedoch hat das Rechenmodell eine Schwachstelle: das Leben. Krankheit. Jobverlust.
Denn wer mit geringem Einkommen privat mit ETFs vorsorgt und bei dem eben nicht alles planmäßig klappt, könnte quasi alles verlieren. Anfang Juni soll das Bürgergeld zur Grundsicherung werden – mit einem niedrigeren Schonvermögen als bisher. Schonvermögen heißt: Das wenige, was man sich erspart hat, darf man noch behalten. Mit dem Bürgergeld durfte man im ersten Jahr sein Vermögen bis zu 40.000 Euro behalten. Dazu zählen Bargeld, Autos, Erspartes und ETFs.
Wie das Schonvermögen schrumpft
Mit der neuen Grundsicherung wird diese Vorgabe jedoch verschärft: Das monatlich angesparte Geld im Aktienfonds gilt nicht mehr als Schonvermögen. Zudem liegt die Grenze zum Schonvermögen weitaus niedriger und ist nach Alter gestaffelt. So dürfen über 50-Jährige nur noch 20.000 Euro im ersten Jahr als Vermögen angeben. Wer schließlich nach einer unvorhergesehenen Arbeitslosigkeit in der Grundsicherung landen sollte, muss zunächst dieses Vermögen benutzen. Eben jene Ersparnisse, die ursprünglich zur gesetzlichen Rente im Alter gedacht waren.
Für viele Menschen ist dies keine Ermutigung zur Eigenverantwortung mehr – sondern wirkt bedrohlich. Und diese Angst vor dem Abstieg und der drohenden Armut ist systemrelevant: Sie hält Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, mittelfristig in diesen Jobs, weil sie es sich kaum leisten können, arbeitslos zu werden und womöglich auch noch Grundsicherung zu beziehen. Wer also ohnehin wenig verdient, kann es sich kaum leisten, zu fallen.
Langfristig kann also die private Altersvorsorge zum Strick werden, wenn die gesetzliche Rente ohnehin gering ist. Und wer dann noch durch ein unvorhergesehenes Ereignis vor dem Renteneintritt arbeitslos werden sollte, müsste sein digitales Sparschwein zerschlagen. Vor allem für ältere Menschen hieße das: Weitermachen, egal wie schlecht die Bedingungen sind.
Wenn das die Realität ist, dann wirkt selbst ein radikaler Gedanke plötzlich weniger absurd, als er eigentlich klingen sollte: Das Einzige, das am Ende sicher ist in diesem System, ist der Tod. Und das ist ein ziemlich schlechter Rentenplan.
Vielleicht legst du den Brief in diesem Jahr genau deshalb wieder in irgendeine Schublade.