Herr Gryshin, Sie haben das Drohnenunternehmen General Cherry vor drei Jahren mit Ihrem Bruder gegründet. Wie kam es dazu?
Wie viele Unternehmer in der Ukraine haben wir vorher etwas ganz anderes gemacht. Wir waren Rechtsanwälte in der Stadt Saporischschja. Im Osten der Ukraine haben wir den Krieg natürlich sofort zu spüren bekommen, da denkt man nicht mehr daran, seinen normalen Job weiterzumachen. Ich bin dann zur ukrainischen Armee gegangen und habe dort in der Innovationsabteilung des Verteidigungsministeriums gearbeitet. Dort habe ich vor allem an einem Programm namens Delta mitgearbeitet.
Das ist ein Kommandosystem, mit dem die Ukraine heute in Echtzeit das Schlachtfeld abbildet und ihre Waffen vernetzt.
Richtig. Ein Teil meines Jobs war es, die vielen Daten vom Gefechtsfeld zu sammeln und mit den Truppen an der Front zu kommunizieren. Da wurde schnell klar, dass es von allem zu wenig gab. 2023 haben wir angefangen, Drohnen zu bauen, zunächst als Freiwilligeninitiative. Wir sind dann schnell an den Punkt gekommen, dass wir Geld brauchten für mehr Material, und um die Leute zu bezahlen. So ist gezwungenermaßen ein Unternehmen daraus geworden. Wir sehen uns bis heute eigentlich nicht wirklich als Geschäftsleute. Wir wollen unserem Land helfen.
Welche Rolle hat es für den Aufbau der Drohnenindustrie der Ukraine gespielt, dass es schon vorher eine große Techszene im Land gab?
Das war entscheidend. Die große IT-Community der Ukraine gehört zu den besten der Welt, sie hat sich aktiv an der Entwicklung von Verteidigungstechnologien beteiligt. Heute arbeiten sowohl ihre Ingenieure als auch Manager in der Rüstungsbranche. Außerdem investiert der IT-Sektor häufig in die Start-ups.
Was ist die wichtigste Lektion, die Sie seit der Gründung gelernt haben?
Wir müssen fähig sein, auf Veränderungen sofort zu reagieren. Gegen den Feind können wir nur mit ständiger Anpassung bestehen. Das bedeutet für unser Unternehmen, dass wir nah dran sein müssen an den Truppen, die mit unseren Drohnen arbeiten. In der Praxis sieht das so aus: Unsere Mitarbeiter gehen entlang der Front von Einheit zu Einheit und erhalten Feedback in Echtzeit. Es ist sehr wichtig für Rüstungsunternehmen, präsent zu sein an der Front – quasi im selben Raum mit den Kunden. Jedes Fleckchen Land entlang der Front hat unterschiedliche Anforderungen: In einigen Orten können die Drohnen noch über Radiofrequenzen gesteuert werden, anderswo müssen wir Glasfaserkabel für die Kommunikation nutzen.
Dabei verbinden die hauchdünnen Kabel die Drohne und den Piloten am Boden, um sie vor elektronischen Störsignalen zu schützen. Braucht man also gar nicht immer die neueste Technologie?
Nein, es geht vor allem darum, dass die Produktion der Drohnen schnell und einfach geht, dass sie effektiv und unkompliziert in der Steuerung sind. Obwohl man die Drohnen mit Kabel nicht unterschätzen sollte: Sie haben ganz eigene Herausforderungen, zum Beispiel durch das zusätzliche Gewicht der Spule und der Kabel.
Was machen Sie mit den ganzen Daten, die Sie vom Gefechtsfeld sammeln?
Einerseits machen wir die Drohnen besser, das hat höchste Priorität. Wir versuchen, die gewonnenen Erkenntnisse so schnell wie möglich zu implementieren. Oft ist das gar nicht so kompliziert, zum Beispiel wenn wir die Frequenz zur Kommunikation ändern müssen. Manchmal brauchen die Einheiten bestimmte Antennen oder neue Batterien. Andererseits versuchen wir zu verstehen, welche Technologien wir vorantreiben sollten, was relevant wird in der Zukunft. So nutzen wir die Erkenntnisse nicht nur auf einer taktischen Ebene, sondern auch strategisch.
Ist eine zentrale militärische Beschaffung noch zeitgemäß, wo sich das Gefechtsfeld so schnell verändert?
Auch die Ukraine hat ja weiterhin eine zentrale Beschaffung durch das Verteidigungsministerium, um Reserven aufzubauen, damit das Militär auch in besonders herausfordernden Zeiten versorgt ist. Gleichzeitig läuft vieles dezentral. Wir schließen die Verträge direkt mit den Truppen, jede größere Einheit hat jemanden, der für die Beschaffung der Drohnen zuständig ist. So haben wir mehr als 100 verschiedene Kunden. Das ist in vielen westlichen Ländern so nicht denkbar, aber wir sehen, dass sie von der Ukraine lernen.
Inwiefern?
Die USA haben zum Beispiel gerade erst einen Marktplatz für Drohnen nach ukrainischem Vorbild ins Leben gerufen, damit die Soldaten schneller an die Waffen kommen. Außerdem gibt es das Drone Dominance Program, einen Wettbewerb unter 25 Herstellern. Dafür stehen mehr als 1,1 Milliarden Dollar zur Verfügung.
General Cherry wurde als eines von wenigen internationalen Unternehmen ausgewählt.
Ja, wir haben uns kurz vor der Deadline beworben und sind sehr stolz, dass wir es in die nächste Runde geschafft haben. Die internationale Nachfrage ist sehr groß. Mit der US-Firma Wilcox wollen wir eine gemeinsame Fabrik in New Hampshire bauen. Auch mit dem kroatischen Unternehmen Orqa haben wir gerade die Zusammenarbeit bekannt gegeben, um die Abhängigkeit von Komponenten aus China zu reduzieren. Das ist erst der Anfang für unsere Rüstungsindustrie. Wir bieten ja viel mehr als nur die Drohnen. Es geht um die Erfahrungen vom Schlachtfeld, darum, wie die Systeme miteinander interagieren, und das Wissen darüber, wie die Soldaten auf den Einsatz mit den neuen Systemen vorbereitet werden müssen.
Vor wenigen Tagen haben Deutschland und die Ukraine eine vertiefte Kooperation im Rüstungsbereich bekannt gegeben. Was erhoffen Sie sich davon?
Wir würden sehr gern mit deutschen Herstellern zusammenarbeiten. Gerade können wir noch keine Details verraten. Aber wir sind stets offen für Partnerschaften.
Die Drohnen direkt aus der Ukraine zu exportieren, ist dagegen schwierig, die Regierung in Kiew ist sehr restriktiv.
Es hat Priorität, die Ukraine zu verteidigen. Diese Haltung teilen wir bei General Cherry, unsere Drohnen werden dringend an der Front gebraucht.
Viele sagen, die ukrainische Drohnenindustrie habe ungenutzte Kapazitäten. Aus den Golfstaaten ist die Nachfrage nun groß. Verpasst die Ukraine gerade die Chance, ihre Systeme außerhalb des eigenen Landes unter Beweis zu stellen?
Es wird ja auf hochrangiger Ebene darüber verhandelt. Selbst wenn wir die Drohnen exportieren, bringt das nichts, solange die Soldaten sie nicht bedienen können und sie vernünftig in ihre Abwehr einbinden. Das funktioniert nicht ohne politische Unterstützung. Wir stehen bereit für Exporte und können die Kapazität hochfahren. Der Krieg hat doch eines gezeigt: Die Shahed-Drohnen aus Russland und Iran haben das Potential, die ganze Welt zu terrorisieren. Sie können sozusagen in Garagen produziert werden, in irgendwelchen Untergrund-Fabriken. Die Länder müssen imstande sein, diese Gefahr abzuwehren. Und gerade weiß nur die Ukraine, wie. Aber wir haben auch einen hohen Preis dafür gezahlt.
Der Chef von Rheinmetall, Armin Papperger, scheint sich das mit den Drohnen recht einfach vorzustellen. In einem Interview sagte er kürzlich, der größte Hersteller ukrainischer Drohnen seien Hausfrauen mit 3D-Druckern in der Küche. Das sei keine Innovation. Was entgegnen Sie?
Dann bin ich wohl eine Hausfrau, dann sind wir alle Hausfrauen. Im Ernst: Herr Papperger und ich sitzen nicht auf dem gleichen Stuhl, nicht einmal im selben Raum. Er ist in Deutschland und hat viele Jahre Zeit, um seine Waffen zu liefern. Solche luxuriösen Bedingungen haben wir in der Ukraine nicht. Unsere Industrie wurde geboren, weil es keine Alternative gab, unser Land zu verteidigen. Da leben wir in unterschiedlichen Realitäten. Wenn Herr Papperger sich öfter selbst ein Bild an der Front machen würde, dann würde er so etwas nicht sagen. Wir sind dankbar für die Unterstützung unserer Partner, aber sie sollten die Unternehmen und Technologien nicht abtun, die auf dem Gefechtsfeld geboren werden. Ich könnte Ihnen ein Video zeigen, in dem unsere Drohne, die 2000 Dollar kostet, einen russischen Hubschrauber im Millionenwert zerstört.
Trotzdem werden doch auch in der Ukraine Panzer benötigt, um Gelände zu sichern, es braucht gepanzerte Fahrzeuge für Transporte, es sind Radare und konventionelle Raketenabwehrsysteme im Einsatz.
Ja, aber das alles muss in einem integrierten System mit den Drohnen funktionieren. Die NATO-Übung Hedgehog hat gezeigt, dass die NATO auf einen Krieg mit Drohnen nicht vorbereitet ist.
In dem simulierten Gefecht im Mai 2025 soll ein Team von etwa zehn Ukrainern mit Drohnen 17 gepanzerte Fahrzeuge ausgeschaltet haben.
Dieses Ergebnis war für die westlichen Armeen ein Schock. Und auch für uns in der Ukraine. Noch haben wir alle nicht wirklich begriffen, in was für einer neuen Welt wir leben und was die Konsequenzen sind. Wir wollen mit General Cherry einen Beitrag leisten für die Sicherheit der westlichen Welt.
Was bedeutet der Name General Cherry eigentlich?
Zum einen ist er eine Spitze gegen die Russen, die benennen ihre Waffen so: zum Beispiel Admiral Nakhimov für einen Schlachtkreuzer. Das ist also eine gewisse Ironie, uns nach jemandem zu benennen, der gar nicht existiert. Und warum Cherry? Der Kirschbaum ist sehr verbreitet in unserer Heimatregion Saporischschja, die heute zu großen Teilen von den Russen besetzt ist. Der Name ist auch eine Mahnung: Wir werden wiederkommen, wir werden uns zurückholen, was uns gehört.