Die Lage im Gazastreifen ist weiterhin katastrophal. Während sich Israel auf den Iran-Krieg konzentriert, nutzt die Hamas die Zeit offenbar zur Rehabilitation. Ihre geplante Entwaffnung hat noch nicht einmal begonnen.
Männer tragen auf einer Bahre den Leichnam eines jungen Mannes durch die Straßen von Gaza-Stadt. Islam Qannita war mit Freunden in einem Café, als am Montag eine Drohne – so berichten es Augenzeugen – das Feuer auf das Café eröffnete. Islam Quannita starb, einige seiner Freunde wurden schwer verletzt.
Der Angriff, zu dem sich das israelische Militär bisher nicht geäußert hat, geschah, während in Gaza eigentlich eine Waffenruhe gilt. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters will der Onkel des Getöteten, Ayman Qannita, von einer Waffenruhe nichts wissen: Es gebe keine Feuerpause, denn an jedem Tag werde getötet.
„Es findet täglich statt. Was soll das für eine Waffenruhe sein? Waffenruhe bedeutet, dass einem Kind nichts geschieht. Sie bedeutet, dass man essen und trinken kann. Eine Waffenruhe bedeutet, dass man wie ein Mensch leben kann“, sagt Qannita.
Mehr als 750 Tote seit Oktober 2025
Seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober vergangenen Jahres sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza mehr als 750 Menschen durch israelischen Beschuss getötet worden. Tausende wurden verletzt, vor allem durch Luftangriffe.
Die israelische Armee rechtfertigt die Angriffe als Reaktion auf Provokationen der Hamas. Zudem gibt sie zu, Ziele anzugreifen, die angeblich als Waffenlager oder Kommandozentralen der Terrororganisation identifiziert worden seien.
Damit wolle Israel die angekündigte Entwaffnung der Hamas erzwingen, sagen Experten. Doch die Entwaffnung der Hamas – einer der Kernpunkte der zweiten Phase des Trump-Friedensplanes – hat noch nicht einmal begonnen.
„Verpflichtungen aus erster Phase nicht erfüllt“
Und die Aussagen von Hamas-Sprecher Hazem Quassem im ARD-Interview legen nahe, dass dies so schnell auch nicht geschehen wird: „Wir haben eine klare Position: Israel hat als Besatzungsmacht die Verpflichtungen aus der ersten Phase nicht erfüllt, um in die zweite Phase übergehen zu können, wo es auch um die Waffenfrage geht.“
Die erste Phase müsse uneingeschränkt umgesetzt werden. Die Menschenrechtsverletzungen müssten aufhören, so Hazem Quassem: „Israel hat die gelbe Linie weiter nach Westen verschoben und die Überreste des Gazastreifens zerstört. Und: Israel hat die Einfuhr der erforderlichen Hilfsgüter nicht zugelassen; es ist weniger als die Hälfte der benötigten Menge eingetroffen.“
Katastrophale Versorgungslage
Die Versorgungslage im Gazastreifen ist unverändert katastrophal. Die Gefahr einer Hungersnot ist weiterhin nicht gebannt. Zu wenig Mehl kommt in den Gazastreifen. Obwohl das Abkommen zur Waffenruhe die Einfuhr von 600 Lastwagen pro Tag vorsieht, erreichten zuletzt im Durchschnitt nur etwa 200 Lkw das Gebiet. Und auch das Trinkwasser muss mühsam per Lkw in die betroffenen Viertel gebracht werden.
In Gaza fallen Ratten Menschen an
Dazu kommt, dass die hygienischen Verhältnisse vielerorts menschenunwürdig sind. Hosni Muhanna, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Gaza, berichtet Reportern der Nachrichtenagentur AP, dass Bürger immer wieder von Ratten angefallen werden. „Die Stadt befindet sich aufgrund von Insekten- und Nagetierplagen in einer akuten Krise. Die Tiere haben ideale Bedingungen. Allein in Gaza-Stadt liegen über 25 Millionen Tonnen Schutt.“
Im gesamten Gazastreifen dürften es fast 70 Millionen Tonnen Schutt sein. Hinzu komme die massive Zerstörung der Infrastruktur, insbesondere der Abwassersysteme. „All das schafft ideale Lebensbedingungen für Nagetiere“, so Muhanna.
Experte: Hamas erneuert ihre Struktur
Für US-Präsident Donald Trump, der seinen Friedensplan für Gaza als historischen Schritt angekündigt hatte, scheint der Küstenstreifen einstweilen keine große Rolle zu spielen.
Für die Terrororganisation Hamas sei das eine komfortable Situation, meint der politische Analyst und Gaza-Experte Michael Milshtein. Die Hamas komme dadurch wieder auf die Beine.
„Insgesamt ist das eine gute Zeit für die Hamas sich zu rehabilitieren. Wir sehen, dass sie diese Zeit, in der Israels Augenmerk auf dem Iran und dem Libanon liegt, nutzt, um Nachschub zu bekommen und wieder zu Kräften kommt.“ Die Hamas erneuere ihre Struktur und ernenne neue Kommandeure.
Source: tagesschau.de