Das neue Machtgeflecht beim BVB

Was sich mit dem neuen Sportdirektor Book ändern soll. Wer beim BVB massiv an Einfluss gewonnen hat. Warum es mit Matthias Sammer zuletzt knirschte. So sieht das neue Machtgeflecht bei Borussia Dortmund aus.

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Freiburg, Gladbach, Frankfurt, Bremen. Dann ist es endlich geschafft. Der Saisonendspurt verspricht für Borussia Dortmund nur noch wenig Spannung. Die Meisterschaft futsch, die Champions-League-Qualifikation quasi sicher. Da ist es deutlich interessanter zu sehen, wie der BVB sich für die Zukunft aufstellt – und das neue System funktioniert.

Spätestens mit der Trennung von Sportdirektor Sebastian Kehl hat eine neue Ära begonnen. So sieht das neue Machtgeflecht aus.

Lars Ricken

Der 49-Jährige ist der oberste Boss im sportlichen Bereich. Mit der Entscheidung, sich von Kehl zu trennen, zeigte er, dass er nicht vor kontroversen Entscheidungen zurückschreckt. Die Verpflichtung von Nachfolger Ole Book war mutig, da der Manager zuvor nur in der 2. Liga bei Elversberg gearbeitet hatte. Mit ihm hat Ricken nun genau die Konstellation, die er sich so sehr wünschte: Mitarbeiter um sich herum, denen er uneingeschränkt vertrauen kann. Book ist jetzt sein wichtigster Mitarbeiter, der ihm dankbar für die Chance ist, die er ihm gegeben hat.

Bei Kehl war es das Gegenteil: Er strebte vor rund zwei Jahren den Geschäftsführer-Posten an, den Ricken dann bekam. Dass Kehl Schwierigkeiten hatte, sich in diesem Organigramm unterzuordnen, blieb kaum jemandem beim BVB verborgen. Spielerberater waren zudem immer wieder verwundert darüber, dass Kehl und Ricken teilweise von Gesprächen des jeweils anderen mit der Spielerseite nichts wussten. Es fehlte in vielen Fällen eine klare Verantwortlichkeit. Dies soll sich unter Book ändern.

Klar ist aber auch: Für Ricken war diese Entscheidung seine wohl wichtigste Patrone. Sein Vertrag läuft bis Sommer 2027, im Herbst will der Präsidialausschuss über seine Zukunft debattieren. Die anstehende Transfer-Periode wird für Ricken zur Feuertaufe.

Hans-Joachim Watzke

Mehr als 20 Jahre lenkte der 66-Jährige die Geschicke des Vereins in vorderster Front, nun ist er als Präsident eher eine Art Libero. An offiziellen Sitzungen der Fußball-Sparte nimmt Watzke nicht mehr teil, doch allein schon aufgrund der Tatsache, dass sich sein Büro am Rheinlanddamm weiterhin gegenüber dem von Lars Ricken befindet, ist der Austausch noch immer intensiv. Der Sport-Boss fragt ihn immer wieder um Rat. Vor der Verpflichtung von Book bot er Watzke an, den zukünftigen Sportdirektor persönlich zu treffen und seine Einschätzung abzugeben. Watzke lehnte ab, verwies darauf, dass es die Entscheidung der Geschäftsführung sei – nicht seine. Erst zwei Tage nach Books Unterschrift traf sich Watzke mit ihm zu einem Mittagskaffee.

Wer allerdings glaubt, Watzke kümmere sich als Chef des Vereins nur noch um die Handball-Abteilung, der irrt. Nicht zuletzt durch sein Interview in den „Ruhr Nachrichten“, in dem er unmissverständlich forderte, dass Ricken und Carsten Cramer (Sprecher der Geschäftsführung) auch mal ihre Ellenbogen im Kampf mit anderen Klubs einsetzen sollen, gab er die Marschroute vor. Und auch intern nehmen die Bosse seine Meinung wahr, etwa in der Causa Jadon Sancho, der auf dem Beobachtungs-Zettel des BVB steht. Watzke vertritt die Meinung, dass ein ablösefreier Sancho zwingend auf dem Dortmunder Radar zu sehen sein müsse. Eine Verpflichtung wird derzeit intensiv geprüft.

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Watzke ist als Präsident – und damit als Mitglied des Präsidialausschusses – hauptverantwortlich für die Besetzung der Geschäftsführung. Sein Verhältnis sowie die Meinung über Cramer sind ausgezeichnet, ein neuer Vertrag (der alte läuft bis 2027) ist nur noch Formsache. Ricken steht hingegen stärker unter Beobachtung. Der Plan ist momentan aber, den Weg auch mit dem Sport-Boss weiterzugehen.

Ole Book

Der Auftrag an den neuen Sportdirektor ist unmissverständlich: Der 40-Jährige soll für eine neue Marschroute auf dem Transfermarkt sorgen, früher und aggressiver in den Poker um Spieler einsteigen. Seine Verpflichtung ist nicht risikoarm, schließlich ist das Regal, in dem der BVB Verstärkungen sucht, neu für ihn. Doch die ersten Wochen, die er nun im Amt ist, machen aus Sicht seiner Vorgesetzten Mut: Book tauscht sich täglich mit Trainer Niko Kovac aus, saß schon mehrfach mit den Scouts zusammen, um die Ideen für den Sommer abzustecken.

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Und: Book, der häufig schon um 7 Uhr morgens ins Büro kommt, beobachtet Spieler, die für die Borussia interessant sind, selbst intensiv. Dafür schaut er sich Spiele des betreffenden Vereins komplett an, will sich nicht nur auf die Meinung seiner Mitarbeiter verlassen. So soll und will er Profis finden, die den Dortmundern in den vergangenen Jahren etwas abhanden gekommen sind: Unterschiedsspieler, für die die Fans ins Stadion kommen – und für die der Revier-Klub später einmal sehr viel Geld kassieren kann.

Carsten Cramer

Ende des vergangenen Jahres wurde er zum Sprecher der Geschäftsführung befördert. Cramer, vor allem für das Sponsoring und Marketing zuständig, hat intern massiv an Macht gewonnen. Er ist nun erster Ansprechpartner für das Präsidium und andere Gremien wie den Aufsichtsrat. Dort muss er die Lage jetzt federführend erklären. Der gebürtige Münsteraner hat sich vorrangig ein Ziel auf die Fahnen geschrieben: für mehr Harmonie und Mut im Verein zu sorgen. Auch deshalb hat er die Freistellung von Kehl unterstützt. Vor einigen Monaten schwor er die gesamte Belegschaft auf die Zukunft ein, sagte bei der großen Mitarbeiterversammlung, dass man nun an einem Strang ziehen müsse.

Erste Effekte sind zu erkennen. Als zum Beispiel Nico Schlotterbeck jüngst seinen Vertrag bis 2031 verlängerte, kamen mehr als 50 Mitarbeiter ins Stockwerk der Bosse, um den Deal gemeinsam zu zelebrieren – trotz der aus BVB-Sicht eher schwierigen Vertragskonstellation, die schon im kommenden Sommer eine Ausstiegsklausel für drei Top-Klubs beinhaltet.

Niko Kovac

Der Trainer erhielt von Ricken aufgrund der guten Entwicklung, die die Mannschaft seit seinem Dienstantritt im Februar 2025 genommen hat, zuletzt eine Job-Garantie. Dabei hat Kovac jedoch zwei klare Aufträge erhalten: Zum einen soll das Spiel der Borussia wieder attraktiver werden, dafür sollen Kovac die passenden Spieler bereitgestellt werden. Zum anderen pochen die Bosse um Ricken darauf, dass der eigene Nachwuchs mehr Spielzeit und Perspektive erhält. Kovac hat das akzeptiert – und wird sich zukünftig auch daran messen lassen.

Aufgrund seines starken Punkteschnitts in der Liga hat er sich bei den Bossen ein enormes Standing aufgebaut. Bei der Kaderplanung darf er ausgiebig mitreden, Einschätzungen zu Spielern abgeben und selbst Profile vorschlagen. Sein Verhältnis zu Ricken ist eng, auch zu Watzke. Kovac wird als klarer Teil der BVB-Zukunft gesehen.

Matthias Sammer

Seit 2018 ist der 58-jährige Berater des Managements, damals eingestellt von Watzke. Ricken entschied sich vor rund einem Jahr, die Arbeit mit Sammer fortzuführen. Doch die Rolle von Sammer wurde in den vergangenen Monaten zunehmend komplizierter. Beim BVB ist es kein Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen ihm und Ex-Sportdirektor Kehl alles andere als freundschaftlich war. Der Austausch war längst nicht so, wie sich ihn die Geschäftsführung vorgestellt hat. Beide gingen sich zunehmend aus dem Weg. Der Einfluss von Sammer war in den vergangenen Monaten deshalb eher begrenzt. Auch in seinem Fall gilt: Mit der Verpflichtung von Book soll sich dies nun verbessern, beide telefonierten noch vor der Unterschrift des Managers.

Vor allem für Trainer Kovac ist Sammer ein wichtiger Ansprechpartner. Sie tauschen sich primär über die Spielweise aus, die von außen oft kritisch gesehen wird. Sammer spricht Kovac dabei Mut zu. Ob all das reicht, damit der Berater im Sommer 2027 einen neuen Vertrag bekommt: noch offen.

Source: welt.de

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