Die heißbegehrte 007-Rolle brachte ihm großen Erfolg – aber auch einigen Kummer. Denn am Anfang und Ende von Pierce Brosnans Dienstzeit als legendärer Film-Agent James Bond lief es für ihn alles andere als rund. Aktuell gibt es Rufe nach einem späten Comeback.
Im Leben kommt es oft auf das richtige Timing an, wobei Kollege Zufall häufig mitmischt und Glück und Pech nah beieinander liegen können. Das gilt insbesondere für Schauspieler – nicht nur vor der Kamera, wo es etwa darauf ankommt, seinen Text zum richtigen Zeitpunkt parat zu haben, sondern auch, wenn es darum geht, begehrte Rollen zu ergattern.
Nicht selten müssen Schauspieler schweren Herzens Angebote ablehnen, weil sie bereits anderweitig verpflichtet sind und sich die Drehzeiträume überschneiden. Ein Beispiel ist Tom Selleck, der sehr gerne den Archäologen-Abenteurer Indiana Jones gespielt hätte, jedoch schon für die TV-Serie „Magnum“ zugesagt hatte und die Indy-Rolle zähneknirschend Harrison Ford überlassen musste.
Ein weiterer solcher Fall ist Pierce Brosnan. Dem gebürtigen Iren wurde Mitte der 1980er eine absolute Traumrolle angeboten: Er sollte nach Sean Connery, George Lazenby und Roger Moore den legendären, weltweit populären britischen Geheimagenten James Bond 007 spielen.
Doch weil die TV-Serie „Remington Steele“, bei der Brosnan unter Vertrag war, um eine weitere Staffel verlängert wurde, ging ihm die 007-Rolle zunächst durch die Lappen. Pech für Brosnan – Glück für Timothy Dalton, der 1987 in „Der Hauch des Todes“ der neue James Bond wurde. Anders als Selleck konnte Brosnan seine Traumrolle später aber doch noch ergattern. Denn nach Daltons zweitem Einsatz als Bond in „Lizenz zum Töten“ (1989) begann ein langwieriger Disput zwischen den 007-Produzenten und dem Filmstudio UA/MGM, sodass sich der geplante dritte Dalton-Film immer weiter verzögerte und Dalton, der schließlich das Warten satt hatte, sich anderen Projekten widmete.
Pech für Dalton – Glück für Brosnan, der nun doch noch als 007 zum Zuge kam. 1995 erschien „GoldenEye“ und wurde ein großer Hit an den Kinokassen. Kritiker und Filmfans waren begeistert von Brosnans Interpretation der Rolle, die alles andere als leicht zu spielen war. Denn als Bond galt es, eine diffizile Balance mehrerer Eigenschaften zu erreichen: Maskulinität und Durchsetzungsvermögen, ohne grobschlächtig zu sein; Charisma und Selbstbewusstsein, ohne allzu sehr in Arroganz abzugleiten; Attraktivität, ohne zu „schönlich“ zu wirken. Und das Ganze mit lässigem Witz und Upper-Class-Stil, der „very british“ sein musste.
Zudem musste der „sexistische, frauenfeindliche Dinosaurier“, der ein „Relikt des Kalten Krieges“ war (wie Bonds neue Chefin, gespielt von Judi Dench, den Agenten im Film beschimpft), modernisiert werden, ohne ihn jedoch allzu sehr umzukrempeln. Auch diese schwierige Balance gelang unter der Regie von Martin Campbell, der einen rundum gelungenen, actionreichen Film ablieferte. Nur die elektronische Filmmusik, bei der Komponist Éric Serra eine radikale Abkehr vom gewohnten Bond-Sound des prägenden und langjährigen 007-Komponisten John Barry vollzog, überzeugte kaum jemanden.
Bei Brosnans zweitem Bond-Einsatz in „Der Morgen stirbt nie“ (1997) wurde dies korrigiert: Komponist David Arnold übernahm und lieferte eine zwar modernisierte, aber doch im Geiste Barrys gestaltete Musik ab, sodass Bond nun auch wieder wie Bond klang. Unter der Regie von Roger Spottiswoode wurde auch dieser Film ein Hit, sodass die Macher 1999 erfolgreich mit „Die Welt ist nicht genug“ nachlegten, den Regisseur Michael Apted realisierte.
2002 folgte schließlich „Stirb an einem anderen Tag“ (Regie: Lee Tamahori), der zwar wie die Vorgängerfilme ein Kassenschlager wurde, bei Kritikern und Kinogängern aber ein geteiltes Echo hervorrief. Viele empfanden den Film als zu überdreht, gar albern; sie störten sich etwa an dem durch futuristische Tarnkappentechnik unsichtbaren Auto, mit dem Bond von Waffenmeister Q (gespielt von John Cleese) ausstaffiert wurde.
Erschwerend kam hinzu, dass einige Monate zuvor „Die Bourne Identität“ erschienen war, der Auftakt einer Filmreihe über den Agenten Jason Bourne, gespielt von Matt Damon. Dieser 007-Konkurrent war jünger, ernster, schneller, härter. Die Bond-Produzenten hatten Sorge, mit einem weiteren Bond-Film in gewohnter Machart nicht mehr mithalten zu können. Und sie befürchteten, in dem rauen, düsteren neuen Zeitalter, das nach den verheerenden Terroranschlägen des 11. September 2001 und im folgenden „Krieg gegen den Terror“ angebrochen war, anders als nach dem Ende des Kalten Krieges nunmehr wirklich wie ein „Dinosaurier“ zu wirken. Daher entschieden sie sich für einen radikalen Neuanfang, für ein „Reboot“ der Bond-Reihe mit einem neuen, deutlich jüngeren Darsteller.
Pech für Brosnan, dem in einem knappen Telefonat beschieden wurde, er sei zwar ein toller Bond gewesen, man wolle nun aber neue Wege gehen und den ursprünglich geplanten fünften Film mit ihm nicht realisieren. Für Brosnan war dies ein Schock, mit dem er nicht gerechnet hatte. Später beschrieb er in Interviews, dass ihn das abrupte Ende seiner Bond-Dienstzeit sehr mitnahm.
Die neue Bond-Ära mit Daniel Craig startete mit „Casino Royale“ im Jahr 2006 fulminant, endete nach insgesamt fünf Filmen im Jahr 2021 mit „Keine Zeit zu sterben“ aber leider desaströs, mit einer verquasten woken Dekonstruktion des einst großen Helden. Danach wussten die Produzenten erneut nicht mehr weiter und verkauften die Filmrechte schließlich an Amazon.
Der Streaming-Gigant bereitet aktuell einen weiteren Neustart der Bond-Reihe vor, die Figur soll einmal mehr ganz neu erfunden und dem aktuellen Zeitgeist angepasst werden. Fans der alten Stunde sind skeptisch, ob das gut gehen wird. Und mancher fordert statt eines neuen, jungen Bond ein spätes Comeback von Pierce Brosnan als 007, der aus dem Ruhestand reaktiviert wird und einen letzten Einsatz absolviert. Darauf angesprochen gab sich der 72-Jährige durchaus aufgeschlossen für die Idee – wenn auch augenzwinkernd.
Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine weitere Actionfilm-Ikone: Rambo.
Source: welt.de