Amerika | Aus jener Traum: Ken Jaworowskis grandiose Balladen des Scheiterns in Pennsylvania
Ken Jaworowski fängt in seinem Thriller „What about the Bodies“ die Schicksale der Zurückgebliebenen in Locksburg, Pennsylvania, ein. Sein Roman zeigt, wie eine verlassene Kleinstadt zur perfekten Kulisse für persönliche Dramen wird
Ken Jaworowski erzählt in seinem Roman von einer Kleinstadthölle. Die darin Porträtierten können ihr Lied davon singen, was es heißt, partout nicht von dort wegzukommen
Foto: Spencer Platt/gettyimages
Wer in Locksburg, Pennsylvania, lebt, hat Routine im Verlieren. Mit der Schließung des Stahlwerks und der Mine in den 1990ern verließen Tausende die amerikanische Kleinstadt. Und wer wie die Kellnerin Carla, der junge Reed und die Musikerin Liz – allesamt Protagonisten in Ken Jaworowskis erstem auf Deutsch vorliegendem Roman What about the Bodies – es nicht geschafft hat, seine Koffer zu packen, um in Richtung Philadelphia oder Atlantic City abzuhauen, der hat verloren.
Schon Jaworowskis 2023 in den USA erschienener Debütroman Small Town Sinns spielte in der Kleinstadthölle Locksburg. Und die darin Porträtierten konnten ihr Lied davon singen, was es heißt, partout nicht von dort wegzukommen; Existenzen wie der Ex-Junkie Andy, dessen Frau und Kind jäh verstarben, oder die einsame Krankenschwester Callie, die ein krebskrankes Mädchen im Endstadium aufopferungsvoll pflegt.
Und dann war da noch der Feuerwehrmann Nathan, der erfolgreich sämtliche lokalen Brände löscht, aber keinen Schimmer hat, was er gegen das nicht nachlassende Brennen in seiner Seele tun soll: Das Virus Locksburg zerfrisst ihnen schleichend das Gemüt. Doch wie es aussieht, erweist sich die einstige Minenstadt im Herzen Pennsylvanias für Jaworowski, der sich als Amateurboxer durchschlug, ehe er als Redakteur bei der New York Times anheuerte, als verlässlicher Stofflieferant.
Der Roman geht weit über die für gewöhnlichen Grenzen des Genres hinaus
Was er einmal mehr aus den emotionalen Tiefenschichten seiner kleinen Locksburg-Opfer zutage fördert, ist erstaunlich und erinnert in seiner lakonischen, Short-Story-haften Dichte an die besten Geschichten Raymond Carvers. Jaworowski rückt Charaktere ins Bild, deren Kräfte nicht mithalten können mit den Träumen und Wünschen, die sie umtreiben.
Stets ist das, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, ein paar Nummern zu groß. Und wenn sie doch mal das Gefühl haben, ihr Schicksal bezwungen zu haben, rennen sie spätestens an der nächsten Straßenecke endgültig in ihr Unglück. What about the Bodies ist ein packender Kriminalroman, der jedoch weit über die für gewöhnlich eng gesteckten Grenzen des Genres hinausgreift.
Denn anders als in klassischen Whodunits interessiert Jaworowski sich vor allem für das, was sich im Innern seiner Figuren abspielt, während sie durch ihre Tage stolpern. Angefangen bei der Kellnerin Carla, die sich von geliehenem Geld eine baufällige Scheune außerhalb der Stadt gekauft hat, um sich ihren Traum von einem eigenen Restaurant zu verwirklichen – aber plötzlich ganz andere Probleme hat, als ihr Sohn Billy, der Software-Engineering studiert, ihr offenbart, die Leiche einer vor einem Jahr verschwundenen jungen Frau auf dem eigenen Grundstück vergraben zu haben.
Der Protagonistin kommt es vor wie im Dope-Rausch halluziniert
Und dass der junge Reed die kleine Puppe „Fräulein Püppchen“, die er seiner kürzlich verstorbenen Mutter als Kind gebastelt hat, partout nachträglich in ihren bereits in einem Mausoleum verschlossenen Sarg legen möchte, beschert nicht nur ihm auf dem Weg dorthin einen Haufen Ärger.
Komplettiert wird die kleine Chronik der laufenden Fehlschläge durch die erfolglos durch die Clubs von Camden, Cherry Hill oder Westchester tingelnde Musikerin Liz, deren Unglück seinen Lauf nimmt, als ihr 15 Jahre alter Chevy den Geist aufgibt – und sie den Wagen dem undurchsichtigen Ex-Knacki Kap zur Reparatur überlässt: „Als hätte ich nicht schon genügend Rückschläge erlebt, stand ich nun hüfttief in den Schulden: 1.900 $ für ein neues Getriebe.“ Eine Summe, von der sie nicht weiß, wie sie sie binnen einer Woche auftreiben soll – anderenfalls steht Kap mit einer Eisenstange vor ihrer Tür.
Doch dann scheint das Schicksal es plötzlich gut mit ihr zu meinen, als eines Morgens ihr Telefon klingelt und eine der mächtigsten Musikproduzentinnen der USA, der sie Monate zuvor ein Demo-Band mit ihren Songs geschickt hatte, sie für ein Vorspielen in das berühmte Bluebird Café in Nashville einlädt. Ein Moment, der Liz später im Rückblick vorkommen wird wie im Dope-Rausch halluziniert.
„Gewinner geben nicht viel her“
Denn als wenig später ihr Auto in Flammen steht und sie ihren Freund Luke dazu anstiftet, bei ihrem Vater einzubrechen, um dessen wertvolle Münzen zu stehlen und zu verkaufen, rücken Nashville und das Vorspielen plötzlich so weit weg wie der Mond. Denn da sind ja immer noch Kap und die 1.900 Dollar, die sie ihm schuldet.
Jaworowski entführt uns in eine Welt ohne Erlösung, in der eine Fehlentscheidung offenbar zwangsläufig in die nächste mündet. Geschrieben mit eisiger Kontrolle erzählt er darin von ganz gewöhnlichen Leuten, die gerne einmal Helden wären, aber jedes Mal im entscheidenden Moment die falsche Abzweigung nehmen – und so statt im erhofften Paradies auf der Schnauze landen.
„Man kann keine Buletten machen, ohne zuvor ein bisschen Fleisch durch den Wolf zu drehen“, zischte der Zyniker Race Williams in einer der frühen Black-Mask-Storys des Hardboiled-Pioniers Caroll John Daly. Jaworowski hat das begriffen – und dem klassischen Gesellschaftsroman gekonnt das dunkel schimmernde Leibchen des hartgesottenen Noir-Romans übergestreift. So wird er weiterschreiben über die Gescheiterten in Locksburg und anderswo. Mitleidlos und punktgenau. „Denn mich interessieren Leute, die scheitern“, sagte er einmal. „Gewinner geben nicht viel her.“
What about the Bodies Ken Jaworowski Lea Dunkel (Übers.), Pendragon 2026, 320 S., 24 €