Als Walter Ulbricht die „Zehn Gebote welcher sozialistischen Moral“ verkündete

Einen bemerkenswerten Auftritt hat der DDR-Machthaber am 10. Juli 1958 in Ost-Berlin auf dem SED-Parteitag: Er inszeniert sich als Moses des Sozialismus. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

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Fast 13 ganze Seiten: So viel Platz brauchte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“, um das „Referat“ des DDR-Machthabers Walter Ulbricht zur Eröffnung des fünften SED-Parteitags im Sommer 1958 abzudrucken. Und weil die praktisch amtliche Zeitung der Staatspartei nur zwölf Seiten pro Erscheinungstag hatte, musste der Abdruck auf zwei Tage verteilt werden, Freitag, den 11. und Samstag, den 12. Juli.

Wirklich interessant war allerdings nur wenig an Ulbrichts gut fünfeinhalb Stunden langem Auftritt. Einerseits gab er die immer ähnlich klingenden Versprechungen über bevorstehende Triumphe von sich: Der sozialistische Aufbau stehe vor dem erfolgreichen Abschluss; hinsichtlich wichtiger Lebensmittel und Konsumgüter werde die DDR bis 1961 die Bundesrepublik nicht nur einholen, sondern sogar überholen. Dies beweise die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber der westdeutschen Marktwirtschaft.

Andererseits die immer gleichen Attacken auf verschiedene, wohlbekannte Feinde. Etwa den West-Berliner Senat und den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Oder die Bundesregierung und Konrad Adenauer. Und natürlich den Westen im Allgemeinen. Angefeuert fühlte sich Ulbricht vom Erfolg des „Sputnik“, des ersten künstlichen Erdtrabanten, den die Sowjetunion im Herbst 1957 gestartet hatte.

Trotz all dieser erwartbaren Versatzstücke bot Ulbrichts Rede etwas wirklich Neues. Denn gleich dem Propheten Moses nach der Rückkehr vom Berg Sinai verkündete der sächselnde Erste Sekretär ein neues Moralgesetz: die „zehn Gebote für den neuen sozialistischen Menschen“.

„Ulbricht verkündet auf dem Parteitag zehn Gebote“, überschrieb WELT den Bericht über den ersten Tag des SED-Treffens. So erstaunlich fanden die Redakteure diesen Vorstoß, dass sie den kompletten Wortlaut abdruckten – obwohl er 176 Wörter umfasste und damit deutlich mehr als die Zehn Gebote Mose, die je nach Fassung und Übersetzung zwischen 75 und 125 Wörter lang sind.

Das wichtigste stand an erster Stelle: „Du sollst dich stets für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen Länder einsetzen.“ Im selben Stil ging es weiter: „Du sollst dein Vaterland lieben und stets bereit sein, deine ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen“, lautete das zweite „Gebot“. Und das vierte: „Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen, denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen.“

Nicht alle Sätze dieses Forderungskatalogs waren politisch gefärbt wie diese – zum Beispiel hieß das neunte Gebot: „Du sollst sauber und anständig leben und deine Familie achten.“ Hier schlug das kleinbürgerlich-verkniffene Selbstverständnis des SED-Machthabers durch.

Die Reaktion in westdeutschen Medien fiel eindeutig aus: „Wie Moses einst vom Berge Sinai seinem Volk zehn Gebote in Tafeln brachte“, kanzelte das „Hamburger Abendblatt“ die Aktion hämisch ab, „so brachte gestern der spitzbärtige Ulbricht in seiner Aktentasche zwar nicht seinem Volk, aber den in der Werner-Seelenbinder-Halle versammelten Funktionären der SED zehn Gebote mit.“ Noch schärfer urteilte das linksnationalistische Magazin „Der Spiegel“, der „Sozialistische Dekalog“ sei ein „Sammelsurium banalster ,Seid nett zueinander und böse auf alle Friedensfeinde‘-Parolen“.

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WELT enthielt sich solch eher plumper Attacken, griff lieber zum Florett des Spotts als zum übergroßen Langschwert und paraphrasierte Ulbrichts weitere Ausführungen: Einige Genossen hätten gefordert, dass „alle Blumen blühen sollen“, hatte Ulbricht gesagt und war dann in seinem typischen Singsang fortgefahren: „Bei uns blühen viele Blumen, sehr viele Blumen und es werden noch sehr viele weitere Blumen blühen!“

Allerdings schloss er gleich eine Drohung an: „Aber das schädliche Unkraut, das vom kapitalistischen Westen herkommt, können und werden wir nicht dulden.“ Darunter zählte er auch die „gelben Blüten des Revisionismus“ – im Gegensatz zu den „roten“, den marxistisch geprägten Gewerkschaften galten andere, weniger auf Konflikt konzentrierte Vertretungen für Arbeitnehmer als „gelb“.

WELT-Karikaturist Wilhelm Hartung griff Ulbrichts verunglücktes Sprachbild auf und zeichnete eine Menge Topfpflanzen mit Ulbrichts Gesicht, deren Blüten den SED-Chef anschauten – und dazwischen einen Kaktus mit Stalins Zügen.

Warum aber startete Ulbricht überhaupt diese Aktion? Warum verbindliche Moralnormen für jeden Einzelnen? Offenbar waren die „zehn Gebote der sozialistischen Moral“ Teil des Kampfes der SED gegen die christlichen Kirchen und damit gegen das Christentum an sich. Nach dem Schock des 17. Juni 1953, als nur sowjetische Panzer die Macht der Politbürokraten hatten retten können, weil sogar die Staatssicherheit auf ganzer Linie versagte, drängte die SED auf die kulturelle, nicht nur politische Hegemonie in Ostdeutschland.

Dazu gehörte die „Erziehung“ der DDR-Untertanen zum Atheismus. Die „Jugendweihe“ als Alternative zur evangelischen Konfirmation (und der statistisch in der DDR weniger relevanten katholischen Kommunion) gehörte zu diesem Plan, auf selbstständige Pfarrer Druck auszuüben und Gemeinden durch die Stasi zu unterwandern.

Doch Ulbrichts Moses-Darstellung ging nach hinten los. Zwar schimpfte das „Neue Deutschland“ am 16. Juli 1958 auf die „blöden Glossen“ der „Westpresse“, die „uns nicht stören“ dürften. Auch verteidigte das SED-Zentralorgan Ulbrichts „Gebote“ noch bis 1960 immer wieder mal. Doch das half so wenig wie die hunderttausendfach ausgehängten Plakate, die immer wieder abgerissen wurden, gerade in den katholischen Gebieten Thüringens, wie die Stasi genervt nach Ost-Berlin meldete. Ab 1962 tauchten die Regeln der sozialistischen Moral kaum mehr in der Öffentlichkeit auf.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.

Source: welt.de