Als Budapest sich „in vereinen Hexenkessel verwandelte“ – Volksaufstand in Ungarn
Im Oktober 1956 begehrte das ungarische Volk auf gegen die kommunistische Gewaltherrschaft. Ausgerechnet ein ehemaliger NKWD-Spitzel wurde zum Hoffnungsträger – doch dann machte Moskau Ernst. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.
Die Revolte begann ausgerechnet mit einer Umbettung. Am 6. Oktober 1956, einem Samstag, wurden die sterblichen Überreste von László Rajk nach der Exhumierung aus einer würdelosen Grube in einem Wald bei Budapest feierlich auf dem Zentralfriedhof der ungarischen Hauptstadt bestattet. Sieben Jahre zuvor war der 1946 bis 1948 amtierende Innenminister Ungarns im Zuge einer stalinistischen Säuberung erschossen worden.
Allerdings entwickelte sich der Trauerzug zur antikommunistischen Großdemonstration. Die Rehabilitierung des ermordeten Funktionärs erschien zehntausenden Menschen als Schwäche des gesamten Systems – sie sahen die Chance, die allgemein als Fremdherrschaft verstandene Macht der Kommunisten abzuschütteln.
Als geeignete Identifikationsfigur erschien ausgerechnet ein klein gewachsener Mann mit schütterem Haar und mächtigem Schnauzer: Imre Nagy wirkte äußerlich eher wie ein kleiner Beamter, jedenfalls nicht wie ein nationaler Revolutionär. Doch gerade das machte im Oktober 1956 seine Stärke aus: Obwohl er einst sogar für den sowjetischen Geheimdienst NKWD gespitzelt hatte, verkörperte Nagy auf einmal glaubhaft die Alternative zum Sowjetdespotismus.
Nach dem Tod des allmächtigen Stalin 1953 war Nagy, bis dahin ein Mann der zweiten Reihe, überraschend zum Ministerpräsidenten Ungarns berufen worden, gegen den Willen Mátyás Rákosis, des eigentlichen Statthalters Moskaus. Nagy wurde schnell populär – für einen kommunistischen Spitzenfunktionär ziemlich einzigartig und eigentlich systemfremd.
Das lag einerseits an seinem „Neuen Kurs“, der teilweise eine Korrektur der bisherigen Politik bedeutete. Andererseits an seinem ruhigen, bedachten Auftreten, mit dem er bei vielen Ungarn Vertrauen gewann. Sicher spielte auch eine Rolle, dass Nagy mit der freudlosen Askese anderer „Parteisoldaten“ nichts anzufangen wusste. Im Gegenteil: Er nahm sich Zeit für seine Familie, genoss gesellige Abende und hielt an seinem regelmäßigen Mittagsschlaf fest.
Doch weil er versäumte, sich innerhalb des Apparates der Staatspartei Verbündete zu machen, endete seine Führungsrolle schon Anfang Oktober 1955 abrupt: Die wieder erstarkte orthodoxe KP-Spitze enthob Nagy seiner Funktionen und warf ihn aus der Partei. Rund ein Jahr lang blieb er kaltgestellt – bis in den Oktober 1956.
Seit László Rajks Umbettung forderten viele Ungarn die Rückkehr Nagys an die politische Spitze, denn man verband mit ihm die (moderate) Liberalisierung nach Stalins Tod. Doch dann beging „Onkel Imre“ einen Fehler, der beinahe sein Schicksal besiegelt hätte: Beim ersten Auftritt vor Demonstranten am Abend des 23. Oktober 1956 sprach er die Zuhörer mit „Liebe Genossen“ an. Gellende Pfiffe und Rufe wie „Hier sind keine Genossen“ waren die Antwort: Nagy hatte voll daneben gegriffen.
Die Situation eskalierte: „Ein bewaffneter Aufstand, der Budapest in einen Hexenkessel verwandelte, brachte am Mittwoch das kommunistische Regime in Ungarn an den Rand des Abgrundes“, berichtete WELT: „Den kommunistischen Machthabern war es bis zum Abend nicht gelungen, die Ruhe wiederherzustellen, obwohl sie den Aufständischen Straffreiheit zusagten.“
Ministerpräsident Nagy versuchte einige Tage lang, die Situation in Budapest unter Kontrolle zu bekommen. Allerdings verstand er die Dynamik nicht, die sich auf den Straßen entwickelte: Gleichzeitig antikommunistische Demonstranten, KP-Dogmatiker und die nervöse Führung in Moskau zu beruhigen, konnte nicht gelingen. Den einen, die nach Freiheit von Moskau strebten, galt er bald nur noch als Handlanger der KPdSU, den anderen als Verräter. Im Kreml erregte sich Stalins einst wichtigster Militär Marschall Georgi Schukow: „Nagy spielt ein Doppelspiel.“
Am 28. Oktober 1956 schien sich das zu bestätigen: Nagy bildete seine Regierung um und berief Nichtkommunisten in Schlüsselpositionen. Und, aus sowjetischer Sicht noch schlimmer: Er erwirkte den Abzug der sowjetischen Armee aus Budapest. Der Sieg der nationalen antikommunistischen Revolution in Ungarn schien zum Greifen nah.
Doch nur für wenige Tage: Moskau schickte frische Truppen über Rumänien ins Land. Nagy trat daraufhin die Flucht nach vorn an und verkündete den einseitigen Austritt seines Landes aus dem Warschauer Pakt; Ungarn werde fortan neutral sein. Das konnte, Entstalinisierung hin oder her, der Machthaber in Moskau, Nikita Chruschtschow, nicht akzeptieren. Ab dem 4. November 1956 schlugen sowjetische Panzer die Revolution blutig nieder. Nagy hielt seine letzte Ansprache ans Volk, in der er die Sowjetunion offen als aggressive imperiale Macht verurteilte.
Bald darauf musste er mit Ministern seines Kabinetts in die jugoslawische Botschaft in Budapest flüchten, er überließ die übrigen Aufständischen und das Volk ihrem Schicksal. Als die sowjetische Armee die Macht zurückerobert hatte, wurden seine Vertrauten und er beim Verlassen der Botschaft verhaftet, anderthalb Jahre in Isolationshaft gehalten und 1958 nach einem Geheimprozess hingerichtet.
Seine sterblichen Überreste wurden zuerst auf einem Gefängnishof verscharrt, später wurde Nagy in einem Massengrab in Budapest begraben. Am 16. Juni 1989 wurde er feierlich in ein Ehrengrab auf einem Friedhof umgebettet. Wie fast 33 Jahre zuvor wurde auch diese Zeremonie zum Fanal: Mit Nagys Rehabilitierung begann unübersehbar der Zusammenbruch des Ostblocks.
Ein Jahr später waren die kommunistischen Parteiherrschaften in allen ostmitteleuropäischen Ländern gestürzt, wurde intensiv über die Wiedervereinigung Deutschlands verhandelt. Der Kalte Krieg zwischen Freiheit und sowjetisch-russischer Aggression stand vor einer Pause. Sie sollte – je nach Berechnung – zwischen einem guten Jahrzehnt und einem knappen Vierteljahrhundert dauern.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
Source: welt.de