Schwache Konjunktur: Großbritannien am Rande einer Rezession?

Von allen entwickelten größeren Volkswirtschaften der Welt könnte Großbritannien am stärksten unter dem Irankrieg und dem Energiepreisschock leiden. Das erwartet zumindest der Internationale Währungsfonds. Die IWF-Ökonomen haben ihre Wachstumsprognose für das Königreich jüngst deutlich gesenkt, von 1,3 Prozent auf nur noch 0,8 Prozent BIP-Zuwachs in diesem Jahr. Auch die OECD geht davon aus, dass Großbritannien von allen G-20-Ländern am meisten verlieren werde.

Die Konjunktur hat sich schon jetzt merklich eingetrübt. Einige Ökonomen sehen sogar für das zweite und dritte Quartal nicht nur das Risiko einer wirtschaftlichen Stagnation, sondern sogar einer leichten Schrumpfung. Technisch gesehen wäre das eine Rezession.

Das Land „flirtet mit einer Rezession“, hieß es nach der jüngsten Prognose des Independent Treasury Economic Model (Item) Club. Chefökonom Matt Swannell sagte: „Die explodierenden Energiekosten und die Störungen in den Lieferketten werden Großbritannien Mitte dieses Jahres an den Rand einer technischen Rezession bringen.“ Das habe deutliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, der den „größten Rückschlag seit der Pandemie“ erleiden werde, warnten die Ökonomen des Item Club. Nach ihrer Prognose könnte die Zahl der Erwerbslosen in diesem Jahr um 250.000 steigen. Bei einem Anstieg auf 5,8 Prozent laut Prognose gäbe es so viele Arbeitslose wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Inflationsrate steigt schon auf 3,3 Prozent

Die schlechten Nachrichten häufen sich. Wie das Statistikamt ONS bekannt gab, ist die Inflationsrate im März von 3,0 auf 3,3 Prozent gestiegen. Grund dafür war vor allem teureres Benzin. Die Notenbank geht davon aus, dass die Preissteigerungsrate im dritten Quartal auf 3,5 Prozent klettern werde. Viele Ökonomen sind pessimistischer als die Bank of England und sehen einen Anstieg bis auf vier Prozent noch in diesem Jahr. Für viele Bürger ist die „Cost of Living Crisis“ seit Jahren ihre Hauptsorge.

Die wirtschaftliche Schwäche und der abermalige Inflationsanstieg belasten die regierende Labour-Partei. Premierminister Keir Starmer kämpft in diesen Tagen wegen des Mandelson-Skandals um sein politisches Überleben. Er muss erklären, warum er den Ex-Labour-Politiker Peter Mandelson zum Botschafter in Washington ernannte, obwohl dieser – wie nun herauskam – die Sicherheitsüberprüfung des Außenministeriums nicht bestand. Mandelson war langjähriger enger Freund des verurteilten US-Sexualstraftäters Epstein. Die zähe Affäre hängt der unpopulären Regierung Starmer wie ein Mühlstein um den Hals. Bei den Kommunalwahlen in England und Regionalwahlen in Schottland und Wales im Mai drohen Labour katastrophal schlechte Ergebnisse.

Die Labour-Regierung ist daher angeschlagen. Auch Schatzkanzlerin Rachel Reeves steht unter Druck. Im Parlament hat die Finanzministerin abermals ihren Kurs verteidigt. „Diese Regierung hat den richtigen Plan für unsere Wirtschaft“, insistierte sie. Doch Wirtschaftsvertreter beklagen, dass Reeves mit Steuer- und Abgabenerhöhungen die Unternehmen übermäßig belastet habe. Schon vor dem Irankrieg war die Konjunktur eher schwach.

Großer Streit um die Energiepolitik

Die Labour-Regierung betont, das Königreich sei vor allem wegen seiner Abhängigkeit von fossiler Energie durch den Energiepreisschock verletzlich. Um die Krise abzufedern, präsentierte Reeves „ein Maßnahmenpaket, um unsere Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas zu reduzieren, die Nutzung Erneuerbarer zu steigern und die Auswirkungen der Energiepreisschocks abzufedern“. Kritiker aus Opposition, Industrie und Gewerkschaften fordern, grünes Licht für die Produktion in den schottischen Öl- und Gasfeldern Rosebank und Jackdaw zu geben. Dazu äußert sich die Regierung noch immer nicht. Als kleines Zugeständnis hat sie beschlossen, dass in schon bestehenden Ölfeldern zusätzlich gebohrt werden darf.

Energie- und Klimaminister Ed Miliband setzt weiter vor allem auf den raschen Ausbau von erneuerbaren Energien wie Windparks und Solaranlagen. Eine Abkehr von fossilen Energien sei „der einzige Weg zur Energiesicherheit, der unsere Rechnungen reduziert“, sagte Miliband diese Woche abermals. Allerdings sind viele ältere Windparks und Solaranlagen hoch subventioniert, die garantierten Einspeisevergütungen liegen oberhalb des Marktpreises für Strom. Diese Anlagen produzieren fast ein Drittel des Stroms im Königreich. Der Labour-Politiker will nun die älteren Windkraft- und Solaranlagen drängen, diese Subvention aufzugeben.

Hohe Energiekosten sind eine der Hauptklagen der britischen Industrie. Der britische Strommarktpreis wird stark durch Gaskraftwerke bestimmt, die etwa 30 Prozent des Strombedarfs decken. Miliband möchte den Strompreis vom Gaspreis abkoppeln. Die neuen Fixpreisverträge für ältere Windräder oder Solaranlagen sollen allerdings freiwillig bleiben. Anlagenbesitzern, die sie nicht unterschreiben, droht von Juli an aber ein zehnprozentiger Steueraufschlag. Das soll den Druck zum Wechsel erhöhen. Auf diese Weise hofft Miliband, die Strompreise senken zu können. Viele Fachleute bleiben indes skeptisch, ob die Reform wirkungsvoll sein werde. Energiebranchenexpertin Deepa Venkateswaran vom Beratungsunternehmen Bernstein sagte, die neuen Maßnahmen würden „sehr wenig Auswirkungen“ haben.