US-Start-up „Objection“: Die KI-Guillotine saust

Ein neuer Sheriff ist in der Stadt und schickt sich an, vermeintlich für Ordnung zu sorgen. Für Ordnung in der Medienwelt und Gerechtigkeit für diejenigen, die von Berichterstattung der Medien betroffen sind oder Zweifel an der Arbeit von Journalisten haben. Wer 2000 Dollar zahlt, kann bei dem Start-up „Objection“, wie der Name des Unternehmens verspricht, „Einspruch“ gegen eine Darstellung erheben. Der Fall wird von angeblich hoch qualifizierten Ermittlern geprüft, und dann – fällt eine Künstliche Intelligenz ein Urteil und stellt fest, ob es sich um eine korrekte Darstellung handelt oder um „Verleumdung“. Das Urteil wird öffentlich gemacht.

„Objection“ sei kein Gericht und betreibe keine Rechtsberatung, heißt es auf der kürzlich gestarteten Website, sondern eröffne jedem den „schnellsten, zugänglichsten und einfachsten Weg“, seinen Ruf zu wahren und „zur Wahrheit zu gelangen, ohne jemals einen Anwalt zu benötigen“. In Wahrheit ist „Objection“ ein Schnellgericht, ein Pranger für Journalisten und eine KI-Guillotine für den investigativen Journalismus.

Denn lässt man sich als Journalist auf das Verfahren ein und tritt Vorwürfen unsauberer Arbeit entgegen, kommt man unter Umständen nicht umhin, seine aus guten Gründen geschützten Quellen offenzulegen. Erst dann hat die Widerrede für die KI Gewicht. Wie diese schließlich zu ihrem Urteil kommt, ist eine Blackbox.

Ehemalige CIA-, NSA- und FBI-Agenten ermitteln

Von ihrem Verfahren schwärmen die „Objective“-Macher in den höchsten Tönen: Ehemalige CIA-, NSA- oder FBI-Agenten, Wissenschaftler, preisgekrönte Journalisten und führende Experten leisteten die Ermittlungsarbeit. Sie prüften unabhängig und unvoreingenommen die Fakten, wie es investigative Reporter auch täten. Das Ergebnis ihrer Ermittlung gehe dann an das „Einspruchsgericht“. In dem sitzen allerdings keine Richter aus Fleisch und Blut. „Das Gremium“, so heißt es in der Selbstdarstellung, „besteht aus spezialisierten und nicht-spezialisierten KI-Modellen“. Es arbeite „wie eine Jury, berücksichtigt nur die vorliegenden Beweise und entscheidet, welche Seite am überzeugendsten ist. Die Jury wird von einem Judicial-Purpose Transformer (JPT) angewiesen, Vorurteile und Halluzinationen zu beseitigen.“

Die KI hat also – aus angeblichen Objektivitätsgründen – das letzte Wort. Wie fiele das wohl im Fall des Artikels aus, den das Magazin „The Atlantic“ gerade über den FBI-Chef Kash Patel veröffentlicht hat? Patel erscheint dort als trunksüchtig und durchgedreht, inkompetent, rachsüchtig und gefährlich für die innere Sicherheit der USA. Seine angeblichen Ausfälle werden en détail beschrieben; zwei Dutzend Zeugen führt die Autorin Sarah Fitzpatrick für ihre gemeinsam mit drei Kollegen recherchierte Geschichte an.

Doch alle diese Whistleblower bleiben anonym. Vor Gericht könnte „The Atlantic“ gezwungen sein, seine Quellenarbeit genauer zu dokumentieren, um Patel Paroli zu bieten. Er streitet an der Story schließlich alles ab und spricht von böswilliger Verleumdung. Was macht eine KI daraus? Kann sie beurteilen, was für oder gegen eine Publikation spricht, zwischen Tatsachenbehauptung und Wertung unterscheiden? Warum soll sie es besser wissen als menschliche Faktenchecker, und wieso soll ihre Rechnung schwerer wiegen als die Entscheidung eines Gerichts oder einer Schiedsstelle, wie wir sie in Deutschland mit dem Deutschen Presserat haben? Wieso hat die Maschine das letzte Wort?

Weil, so heißt es im Mission Statement von „Objection“, die Presse „seit Jahrhunderten“ faktisch als „Richter der öffentlichen Wahrheit“ fungiere, es viel zu teuer, von menschlichen Unzulänglichkeiten geprägt sei und viel zu lange dauere, sich vor Gericht gegen – vermeintlich – falsche oder rufschädigende Berichterstattung zu wehren: „Heute endet diese Asymmetrie“, posaunen die „Objection“-Macher.

Zwei „Gewalten“ mit einer Klappe

Das ist Disruption, wie man sie vom Silicon Valley kennt. Und so ist es auch kein Wunder, dass hinter der von Aron D’Souza, der zuletzt mit dem Plan für „Enhanced Games“ auf sich aufmerksam machte, eine Olympia-Konkurrenzveranstaltung, bei der Doping erlaubt ist, gegründeten Firma die Investoren Peter Thiel und Balaji Srinivasan stehen. Srinivasan war Technikchef der Handelsplattform Coinbase, ist ein bekannter Krypto-Investor und Verfechter von Ideen, wie sie auch der milliardenschwere Mitgründer von Paypal und Palantir und MAGA-Unterstützer Peter Thiel vertritt. Nach dessen Dafürhalten sollten Konzerne an die Stelle von Staaten treten. Mit seinem Verständnis von Freiheit (des Stärkeren) ist die Demokratie nicht vereinbar, Gewaltenteilung schon gar nicht.

Da nimmt es wenig Wunder, mit der KI zwei „Gewalten“ mit einer Klappe zu erschlagen – die Justiz und die Medien. Als deren Vertreter landet man nach dem „Objection“-Prozess auf einem „Ehrenindex“ (Honor Index), einer „kumulativen Leistungsbilanz“, die „misst, wie sich Journalisten und andere Akteure verhalten, wenn ihre Behauptungen auf den Prüfstand gestellt werden“. So bekommt dann jede Autorin und jeder Autor eine Haltungsnote von der KI.

Und das alles gibt es für 2000 Dollar. Konzernen und denen, die es sich leisten können, legt „Objection“ ein KI-Werkzeug in die Hand, mit dem sie Journalisten und Medienhäuser mit Anfragen ersticken und deren Reputation eindampfen können. Sie stehen schlecht da und werden an den Pranger gestellt, wenn sie sich der KI nicht unterwerfen; tun sie es doch, sind sie dem vermeintlich objektiven Urteil, dessen Zustandekommen man nicht wirklich nachvollziehen kann, ausgeliefert. Der Judicial-Purpose Transformer hat das letzte Wort, und schon saust das Fallbeil.

Source: faz.net