TV-Kritik „Maischberger“: „Wir sollen dies schaffen“

Es muss sich dringend etwas verändern. Aber verändert sich eigentlich irgendetwas hier? Oder jedenfalls an der Zusammenarbeit der schwarzroten Koalition? Beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken hatte Bundeskanzler Merz jetzt einen Satz zur Zukunft der Rente fallen lassen, der seinen sozialdemokratischen Koalitionspartner in Aufruhr versetzt: „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“, so hatte Merz erklärt.
Dieser Satz war in der neuen Ausgabe von „Maischberger“ am späten Mittwochabend wieder und wieder zu hören, so wie vor Wochen die abkanzelnden Sätze der CDU-Bundeswirtschaftsministerin über den SPD-Finanzminister und dessen Ideen einer Übergewinnsteuer angesichts steigender Benzinpreise in den Talkshows der Woche zu hören waren.
Was war noch mal „Bullshit“?
Die Streitereien von davor hat man fast schon wieder vergessen. Welche Ansichten der Bundeskanzlers hatte die SPD-Vorsitzende und Arbeitsministerin Bärbel Bas noch mal „Bullshit“ genannt? Bald ist diese Koalition ein Jahr alt und genauso alt (und sogar noch älter, wenn man nur an die Konflikte der Ampel-Koalition davor denkt) die Routinen gegenseitiger Bezichtigung von Koalitionsparteien angesichts einer Lage, in der sich dringend etwas verändern muss, denn das muss es ja schon seit langem.
In der maschinellen Logik der Konfliktaufbereitung per Talkshow äußern sich in solchen Fällen, im Grunde egal in welchem Format, dann einige eingeladene Vertreterinnen und Vertreter der Medien dazu (hier diesmal: Mariam Lau von der „Zeit“, der dpa-Chefredakteur Sven Gösmann und die langjährige ZDF-Moderatorin Petra Gerster). Politisches Spitzenpersonal aus der Koalition wird danach im Einzelgespräch vernommen (hier diesmal: die schon genannte die SPD-Vorsitzende und Arbeitsministerin Bärbel Bas) und zu harten Kommentaren („Ich habe die Formulierung nicht verstanden“) oder Einfühlung ( „Er hat das so nicht sagen wollen“) gedrungen.
Wovon die Zukunft der SPD abhängt
Es war dann schon fast witzig, dass die SPD-Vorsitzende an diesem Mittwochabend auch noch einmal zu Klingbeil versus Reiche in Sachen Übergewinnsteuer befragt wurde. Und aufdröseln sollte, was da nur passiert sei. Steht die Koalition, wie schon vermutet wird, vor dem Aus? „Wir müssen das schaffen“, erklärte Bärbel Bas, sie redete da nicht von ihrer eigenen Partei, aber deren Zukunft hängt eben auch vom Erfolg dieser Koalition ab.
Doch der Irankrieg geht eben weiter, Übergewinnsteuer oder nicht, die Straße von Hormus ist immer noch oder schon wieder nicht frei befahrbar, der US-Präsident Donald Trump, auch das verändert sich nicht, formt sich weiter die Wirklichkeit passend zurecht, wirkt aber, darin waren sich Lau, Gerster und Gösmann einig, zunehmend wie der Verlierer des Konflikt, der „Popelstaat“ (Mariam Lau, Tochter eines Vaters aus Teheran) Iran dagegen zwar vielleicht nicht wie dessen Gewinner, aber doch wie im Besitz des längeren Hebels.
Russland als Kriegsgewinnler des Iran-Konflikts
Lau beschwor dann auch gleich das Ende der Großmächte, weil das riesige Russland gegen die viel kleinere Ukraine ja ebenfalls nicht erreiche, was es kriegerisch erreichen wolle. Zumindest aber sei Russland der Kriegsgewinnler des Iran-Konflikts, weil in Washington, so hatte es der ukrainische Präsident Selenskyi in der vergangenen Woche in Berlin erklärt, niemand Zeit habe für die Ukraine, weil die Amerikaner ständig mit Teheran redeten.
Aus der deutschen Innenpolitik über den Irankrieg in die Ukraine zu wechseln, wirkte dann fast zwangsläufig. Maischberger hatte für das letzte Viertel dieser Sendung Ursula Wagner eingeladen, die Mutter von Savita Wagner, die am 31. Januar 2024 als Kriegsfreiwillige an der ukrainischen Front gefallen war. Ihrer Mutter hatte Savita Wagner bis zu ihrem Tod vorgemacht, dass sie als „medizinische Hilfskraft“ im Einsatz sei, tatsächlich, Videos zeigen dies, ließ sie sich aber für den Kampf an der Waffe ausbilden.
1000 ausländische Kriegsfreiwillige in der Ukraine
Es gibt, das trug der Fernsehjournalist Vassili Golod bei, ARD-Studioleiter in Kiew, ungefähr 1000 solcher ausländischer Soldatinnen und Soldaten, die für die Ukraine kämpfen, ein paar Dutzend sollen aus Deutschland kommen. Selbst wenn sie gewusst hätte, was ihre Tochter wirklich vorhabe, erklärte Ursula Wagner in bemerkenswerter wie berührender Gefasstheit, hätte sie Savita nicht davon abhalten können zu tun, was sie dann tat. Savita Wagner zog in den Krieg für die Ukraine. Und sie starb, als sie versuchte, zwei Verwundete zu bergen.
Seit 2024 hat sich die ukrainische Front in eine „Todeszone“ verwandelt, berichtet Vassili Golod, was solche Rettungseinsätze extrem gefährlich mache. Aber auch das hat sich verändert: Im Drohnenkrieg habe die Ukraine sich entschlossen, die kleinere Größe des Landes durch schnelleren Fortschritt auszugleichen und selbst Drohnen zu produzieren.
Savita Wagner hatte sich, Wochen nach dem 24. Februar 2022, entschlossen, in die Ukraine zu gehen, um zu helfen, weil, in den Worten ihrer Mutter, sie etwas habe tun wollen, wenn schon die anderen nichts tun. Damit habe sie gerade auch die deutsche Regierung gemeint. Nach ihrem Tod an der Front wurde die Deutsche in Kiew begraben. Ihre Mutter habe bei einem Besuch am Grab gespürt, wie sehr ihre Tochter im Land verehrt werde. Aber Ulrike Wagner sagt auch: „Ich bin nicht die einzige Mutter, die weint.“
Source: faz.net