Probenbesuch Theater: Mit dem Liebemachen fängst Du an

Die Premiere ist erst in ein paar Tagen, aber schon jetzt ist der Saal voll. Die deutschen Theater haben sich von ihren angloamerikanischen Counterparts abgeschaut, wie man durch sogenannte Voraufführungen schon vor der eigentlichen Premiere möglichst viele Tickets verkauft. Nur dass am Broadway bei den „Previews“ in den allermeisten Fällen alles schon wie am Schnürchen läuft. Das ist hier nicht so. Zu Beginn bereitet Intendant Oliver Reese das Publikum darauf vor, dass nicht alles glattgehen wird. Es sei davon auszugehen, dass der Spielfluss unterbrochen, Szenen wiederholt und Probleme auftreten würden – „Sie wissen, worauf Sie sich eingelassen haben“. Aber weiß es das Publikum wirklich?
Kaum ist das Saallicht verloschen, beginnt am Regietisch das Getuschel, diktiert die Regisseurin ihrer Assistenz Fehler und mögliche Verbesserungen, wird geflüstert, geschimpft, geflucht. Nach einer Viertelstunde dreht sich eine mit den Theatergepflogenheiten offenbar unbekannte Zuschauerin um und beschwert sich über die Belästigung. Als Erwiderung hört man die Regisseurin nur kurz hell auflachen. Die dreiundsechzigjährige Mateja Koležnik, die als Star des slowenischen Theaters seit gut einem Jahrzehnt erfolgreich an deutschsprachigen Bühnen inszeniert, gilt als unerbittliche Perfektionistin. Die Chance, sie bei einer Probe zu erleben, bekommt man nicht alle Tage. Allerdings sind die meisten Besucher offenbar nicht deshalb gekommen, sondern weil sie das Stück und die darin auftretenden prominenten Schauspielerinnen schon ein paar Tage vor der Premiere sehen wollen.
Ausgelassenes Tanzen zum italienischen Liebelei-Klassikern
Denn sie verhalten sich so, als wäre es ein ganz normaler Theaterabend, es wird kommentiert, es wird an den ungünstigsten Stellen gehustet und es gibt sogar Szenenapplaus – für die abergläubischen Theaterleute, die sich bekanntlich nicht einmal für ein „Toi, Toi, Toi“ vor der Premiere bedanken, das größte anzunehmende Sakrileg. Wobei die Tanzeinlage der drei Schwestern, für die Bettina Hoppe, Constanze Becker und Lili Epply frenetisch beklatscht werden, wirklich wunderschön ist: Zum emanzipatorischen Liebelei-Lied „A far l’amore comincia tu“ von Raffaella Carrà tanzen die drei in anziehend ausgelassener Weise, mit ihren hin und her wiegenden Körpern zeichnen sie die Ausbruchssehnsucht des Songs nach, mit ihren Händen suchen sie den Anschluss an Höheres, das diese „katastrophalen Menschen“ nie ganz zu fassen bekommen. „Nach Moskau“ heißt für sie vor allem: „Auf zu neuen Formen der Liebe“.
Alles geht ums Timing
Für vier Stunden ist die Probe angesetzt, gute anderthalb Stunden läuft alles ohne größere Zwischenfälle, aber dann springt Koležnik plötzlich auf und stürmt nach vorn auf die Bühne. Es ist ein fast gewalttätiger Augenblick, den man da miterlebt, wenn die Regisseurin plötzlich in die Szene hineinläuft, sich unzufrieden mit irgendeinem Vorgang zeigt und unberührt von der Aura des durch sie unterbrochenen Spiels hastig auf die Darsteller einredet. Ungestüm werden die Schauspieler aus ihren Rollen geworfen und wirken ein bisschen so wie Menschen, die man beim leidenschaftlichen Liebesspiel entdeckt. Koležnik scheint sich vor allem für die Abläufe, für das richtige Timing der Auf- und Abtritte zu interessieren, dafür, dass die Bombentöne – Tschechows Landgut ist hier eine Atomstreitkräfte-Zentrale aus der Zeit des Kalten Krieges – in der richtigen Lautstärke eingespielt werden. Ihre Art der Regieführung wirkt unpsychologisch, fast technisch. Immer wieder klatscht Koležnik, um ihre Schauspieler zu einem Auf- oder Abtritt zu animieren.
Nur einmal führt sie eine der Schwestern eine Treppe hinauf und macht ihr eine Geste des Entsetzens vor, ansonsten beschränken sich ihre Hinweise auf rein Formales. „Die Hauptsache in jeglichem Leben ist seine Form. Was seine Form verliert, das geht zu Ende“, der Ausruf des Gymnasiallehrers Kulygin im 2. Akt hallt an diesem eindrucksreichen Probenabend wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung durch den Saal.
Source: faz.net