Vom Windfang zum Blickfang: Das Geheimnis welcher Eifel-Hecken

Sie widerstehen Wind, Wetter und bisher zum Glück auch befremdlichen Moden. Buchenhecken schützen seit Jahrhunderten Häuser, eine ebenso geniale wie einfache Idee. Zu bestaunen sind die oft ein Meter tiefen, bis zu zehn Meter hohen Wände, die sich zurzeit von einem satten Rotbraun in ein helles Grün verwandeln, in der Eifel.

Ortstermin in Steckenborn, ein 1600-Seelen-Dorf auf den Höhen des Rursees, eine halbe Stunde Fahrt von Aachen entfernt, nahe Belgien gelegen. Im zum Mehrgenerationenhaus ausgebauten Fachwerkhaus von 1750 sitzt Peter Stollenwerk, hier aufgewachsen und hier verwurzelt. Ein Feldhase saust am Wintergarten vorbei, während draußen ein frischer Frühlingswind das launische Aprilwetter aufmischt. Stollenwerks unerschütterliche Liebe zur Landschaft, die in ihrer herben Schönheit an Nordfrankreich und England erinnert, zeigt sich in Tausenden Fotografien und sorgsam recherchierten Büchern über seine Heimat.

Seit Jahrhunderten gelebte Tradition

Den Band „Hinter Hecken“ hat er den sogenannten Viehhecken gewidmet, mit denen die Menschen in dieser armen, einst als Preußisch-Sibirien geschmähten Region seit dem 17. Jahrhundert Weiden einzäunten. Nach etwa sechs Jahren Wuchs wurden die Äste miteinander verflochten und Stöcke eingearbeitet, die die lebenden Zäune stabiler machten. Gestutzt wurde zweimal jährlich mit der Handschere, einmal der Junitrieb und dann noch mal im Spätsommer. So wuchs die Hecke dichter.

Zur Wetterseite hin ragen die Hecken hoch auf. Das schützt vor Wind und Regen.
Zur Wetterseite hin ragen die Hecken hoch auf. Das schützt vor Wind und Regen.

Längst stärkt Stacheldraht die Schutzhecken. „Eifler Pragmatismus“, sagt Stollenwerk. Der 72-Jährige hat den herben Schönheiten fotografische Denkmäler gesetzt, Jahrzehnte bevor die Eifel als touristische Nationalparkregion entdeckt worden ist.

Stollenwerk war mehr als vier Jahrzehnte Redakteur der „Aachener Zeitung“. Seine künstlerische Ader lebt der zugewandt-zurückhaltende Mann in der Landschaftsfotografie aus. Er lichtet Kühe im sich hebenden Nebel ab und rückt knorrige Wuchsformen der Hecken in den Mittelpunkt, die wie Wolkenbilder Rätsel aufgeben, Gesichtszüge und Fabelgestalten erahnen lassen. Sein Blick auf die herbe Schönheit der bäuerlichen Kultur verrät, wie sehr er der Gegend verbunden ist.

Postkartenschöne, romantische Hecken finden sich hier überall, ganz besonders aber in den Orten Eicherscheid und Höfen. Angepflanzt wurden die Hecken ursprünglich aber nicht als Blickfang, sondern um den eisigen Wind und peitschenden Regen abzuhalten, für den die Region berüchtigt ist. Die Häuser standen quer zur Windrichtung und Wetterseite, das Dach war an dieser Seite tief heruntergezogen – erst kam die Scheune, dort wurde das Heu gelagert, das eine Dämmschicht bildete, dann folgten die Stallungen, danach Wohnräume.

Peter Stollenwerk erzählt von der Geschichte seiner Heimat. Den Viehhecken hat er einen Bildband gewidmet.
Peter Stollenwerk erzählt von der Geschichte seiner Heimat. Den Viehhecken hat er einen Bildband gewidmet.Peter Stollenwerk

Der Rolle als Windfang ist es dienlich, dass die Hecke ihr Laub verliert, wenn schon neue Blätter austreiben. Das alles schafft ein ausgeglichenes Mikroklima für Haus und Garten. Wuchtige, rund geschnittene Torbögen, Eingänge und Vierecke, die wie Fenster wirken, machen die verwunschenen grünen Wände zauberhaft. Durch die Aus- und Einschnitte gelangt zugleich mehr Licht in die eher düsteren Häuser mit ihren kleinen Fenstern und niedrigen Decken.

Vom Windfang zum Blickfang

Enthusiastisch feiert die Rureifeltouristik eine Erkundung durch die Gemeinden Roetgen, Simmerath und den malerischen Ort Monschau. Allein im Monschauer Land gibt es etwa 1000 Schutzhecken mit mehr als drei Metern Höhe. Ausgeklügelte Touren führen durch die alte Flurheckenlandschaft und pittoreske Dörfer, wie beispielsweise der fünf Kilometer lange Höfener Heckenweg.

„Das sind massive Hecken, nicht so lieblich wie die Hecken in den Romanen Jane Austens und Thomas Hardys“, charakterisiert Laura M. Reiling die eifeltypische Bepflanzung. Die promovierte Kultur- und Literaturwissenschaftlerin hat sich tief ins Heckenwesen gegraben und ist fündig geworden. Die 36-Jährige arbeitet im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und hat dort den lesenswerten Blog „Durch die Hecke sagen“ verfasst.

Was heute ein postkartenschöner Blickfang ist, war früher vor allem nützlich.
Was heute ein postkartenschöner Blickfang ist, war früher vor allem nützlich.Peter Stollenwerk

Reiling hat beobachtet, dass die Hecke gerade in deutschen Gefilden wenig Vielfalt bietet. Berberitze, Haselnuss, Weide, Schlehe, Weißdorn oder Hundsrose dürfen nur selten in Heckenflor. Von Flensburg bis Oberammergau markieren, wenn nicht Zäune oder Gabionen, meist Buchsbaum und Kirschlorbeer Grundschutzgrenzen. Ihr Vorteil: immergrün, günstig, schnell wachsend. Ihr Nachteil: Mangels Biodiversität, wie Reiling sagt, sind sie ökologisch unbefriedigend.

Dann lieber mal zwecks Inspiration in die Eifel reisen und erleben, wie Goldammer und Neuntöter ihre Nistplätze bauen und ihre Jungen im Schutz der Hecken großziehen, mitunter genervt von temperamentvollen Meisen, die durch die Zweige kaspern. So manche Eidechse und mancher Igel flüchtet sich unters Buchenlaub vor den inzwischen auch in der Eifel surrenden Mährobotern.

Ansehnlicher als von Plastikbändern durchflochtene Zäune, blickdicht und an Hochsicherheitstrakte erinnernd, sind die Rotbuchenhecken auf jeden Fall. Manche wirken geradezu kunstvoll – auch deshalb, weil bei ihnen in regelmäßigen Abständen Buchentriebe weiter wachsen, sogenannte Durchschießer. Aus ihnen werden mit der Zeit stabile Bäume, die kleine Alleen bilden; und wenn Holz gebraucht wird, liefern sie bis heute Brennmaterial.

Es ist wohl kein Zufall, dass Hecken längst auch als Motiv entdeckt sind. Der britische Künstler David Hockney malt sie. Und seit 2023 gibt es in Ostwestfalen auf dem Nieheimer Kunstpfad den „Hedge Walk“, von Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy realisiert: ein 180 Meter langer Tunnel aus mehr als 1000 Weißdornpflanzen, gerade breit genug für eine Person. „Das ist das Gegenteil von niedrigen Buchsbaumhecken in Barockgärten, durch die man tanzen kann“, sagt Reiling. Und erst recht von den Rotbuchenwänden in der Eifel.

Jede Generation sorgte vor für die nachfolgende

Von Kunst war dort allerdings im Zusammenhang mit den Hecken lange keine Rede. In der Kargheit ging es knallhart um Broterwerb – und um robustes Material. So wurden die sogenannten Kummete oder Hamen aus den Rotbuchen gewonnen: wuchtige Holzkragen, die Fahrkühen, Ochsen oder Pferden übergestülpt wurden, damit sie Karren zogen. Die Stellmacher, die Räder und Kummets herstellten, bogen die Äste in den Hecken oval vor, für die nächste Generation.

Nach rund 20 Jahren wurden die Kummete herausgesägt. Der natürliche Wuchs brachte Stabilität. Die war nötig, denn die mächtigen Holzkragen mussten einiges aushalten, wenn die Tiere Pflüge und Eggen durch den steinigen Boden oder mit ihnen über Kopfsteinpflaster und sumpfige Feldwege zogen. Zusammengeleimt hätte das Holzoval der Zugkraft nicht standgehalten. Peter Stollenwerk hat den letzten Eifeler Hamenmacher in den Achtzigerjahren porträtiert.

In die Hecken geschnittene Torbögen, Eingänge und Fenster sorgen für ausreichend Licht in den Häusern.
In die Hecken geschnittene Torbögen, Eingänge und Fenster sorgen für ausreichend Licht in den Häusern.

Den Luxus, sich an den herrlichen Naturwänden einfach nur so zu erfreuen, konnte sich anno dazumal keiner leisten. Generationen später surren im Spätsommer Elektrosägen aus dem Baumarkt, um die grüne Pracht im Zaun zu halten. Wacklige Leitern sieht man selten, dafür professionelle Hebebühnen, um die hohen Heckentore in Form zu bringen. Das Interesse am Altbewährten wächst. In der Nähe bietet der Heimat- und Eifelverein Rott seit mehr als 40 Jahren Setzlinge an, um Zugezogene wie Einheimische zu ermutigen, sich auf die traditionellen Bäume zu besinnen.

Reiling hat noch einen Literaturtipp parat, nämlich „Hinter der Hecke die Welt“ von Gianna Molinari. Der Roman spielt in einem Dorf in der Arktis, in dem eine geheimnisvolle Hecke die Attraktion ist, als Wunderwerk gilt und Touristen anzieht. „Das könnte auch die Eifel sein“, sagt sie. „Die Hecke ist ein vitaler, bevölkerter Ort.“ Die Exemplare aus der Eifel erwecken sogar im fernen Ausland Aufsehen. Peter Stollenwerk hat Fotos der Hecken aus Höfen entdeckt – in einem Bildband aus Japan.