Druschba: Wie eine Pipeline aus dem Kalten Krieg die EU spaltet
Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sorgt eine Pipeline regelmäßig kurz für Schlagzeilen, um dann ebenso schnell wieder aus der Aufmerksamkeit zu verschwinden. Die Rede ist nicht von Gas, sondern von Öl, und nicht von North Stream 2, sondern ihrem deutlich älteren Schwesterprojekt: der Druschba-Pipeline.
Als sie 1964 eröffnet wurde, war die Druschba die längste Erdölleitung der Welt. Sie verband die Förderregion um Almetjewsk in Tatarstan mit Schwedt in der DDR.
Für den ostdeutschen Energiesektor hatte die Pipeline massive Konsequenzen: Hatte zum Beispiel in der DDR Rohöl zuvor nur 2,5 Prozent des Energiemix ausgemacht, so stieg dieser Anteil auf etwa 13 Prozent im Jahr 1970 und rund 20 Prozent 1980. Ähnlich entwickelten sich die Dinge anderswo. Dank der Druschba wurde Öl zum Schmiermittel des Ostblocks.
Kein Diktat aus Moskau
„Druschba“ ist Russisch und heißt Freundschaft. Die Druschba-Pipeline war kein Projekt der Sowjetunion, sondern des Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe. Der RGW wurde 1949 als Wirtschaftsbündnis sozialistischer Staaten gegründet und stellte eine Reaktion auf den im Vorjahr von den USA initiierten Marshallplan dar. Als Antwort des Ostens stand der RGW für den Versuch, die wirtschaftlichen Kosten der zunehmenden Abschottung des Ostblocks vom Weltmarkt durch planwirtschaftliche Koordination zwischen den beteiligten Ländern abzufedern.

Natürlich spielte Moskau die erste Geige. Aber auch zentraleuropäische Staaten wie Polen und die Tschechoslowakei waren grundsätzlich an einer Intensivierung des Austauschs untereinander interessiert, um den Wegfall westlicher Handelspartner auszugleichen. Sie waren mehr als Satelliten der Sowjetunion. Trotz vieler repressiver Elemente gab es auch Kooperationsstrukturen, die für die Länder unter sowjetischer Vorherrschaft ökonomische Vorteile mit sich brachten und bei denen sie über Handlungsspielräume verfügten.
In diesem Kontext entwickelte sich die Druschba-Pipeline nicht nur zu einem Flaggschiff-Projekt des RGW. Sie war auch ein Kind der Entstalinisierung.
Nach dem Tod des Diktators 1953 musste die Sowjetunion den zentraleuropäischen Ostblockstaaten nolens volens ein verstärktes Mitspracherecht einräumen. Die „Erdölleitung Freundschaft“, wie man sie in der DDR nannte, verstand sich nicht nur ökonomisch, sondern auch ideologisch als Vorzeigeprojekt sozialistischer internationaler Kooperation.
Glaubt man Erinnerungsberichten, entstand die Idee zu dem Vorhaben Mitte der fünfziger Jahre beinahe zufällig als polnisch-sowjetische Initiative. Damals ließ sich aufgrund langjähriger Wirtschaftsprognosen absehen, dass die bestehenden Transportkapazitäten für Erdöl bei Weitem nicht ausreichen würden. Das Schienennetz war überfordert, der Erdölbedarf stieg dramatisch an. Überall in der Welt nahm die Zahl von Pipelines massiv zu. Auch im Ostblock galten Bau und Betrieb einer solchen Leitung als die billigste und zuverlässigste Lösung.

Die Druschba-Pipeline steht für staatssozialistischen Internationalismus, der sich von der Praxis westlich-liberaler internationaler Organisationen deutlich unterschied. Sie war ein Gemeinschaftsprojekt der Sowjetunion, Polens und der DDR (Nordstrang) sowie der Tschechoslowakei und Ungarns (Südstrang). Allerdings finanzierte und baute jeder der beteiligten Staaten das Teilstück auf seinem eigenen Territorium. Ausnahme war die DDR, wo die Pipeline nur eine geringe Länge aufwies, weshalb Ostberlin Kompensationen an Polen bezahlen musste. Schnell erwies sich dieses Projekt als ein Erfolg, weshalb der RGW ab Ende der sechziger Jahre parallel zur bestehenden eine zweite Rohrleitung baute, um die Kapazität zu erhöhen.
Washington war es ein Dorn im Auge
Angesichts des Kalten Krieges war die Druschba der US-amerikanischen Regierung von Anfang an ein Dorn im Auge. Washington war überzeugt, dass die Pipeline nicht nur ökonomisch eine Lebensader des Ostblocks bildete, sondern dass sie auch militärisch-strategisch überaus wichtig war.
Da aus Westdeutschland jene Rohre kamen, die der RGW für den Bau benötigte, übte die US-Regierung Druck auf die Bundesrepublik aus. Bonn beugte sich der westlichen Vormacht. Schnell konnte der Ostblock den Lieferstopp jedoch durch Bauteile aus Schweden und Japan ausgleichen, später auch durch Rohre aus eigener Produktion.
Ein ikonisch gewordenes Foto zeigt die letzten verbauten Rohre mit der Aufschrift „Truba tebe, Adenauer!“ (in etwa: Ein Rohr für dich, Adenauer!). In der Sowjetpropaganda wurde die Pipeline so zum Symbol der Überwindung westlicher Sanktionen und damit des Triumphs über den Westen. Diese Lesart herrscht in Russland bis heute vor.
Ohne den Kontext des Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe hätte die Pipeline nicht funktioniert. Die Details sind etwas kompliziert, aber für das Verständnis der Gegenwart wichtig. Der RGW bildete den breiteren Rahmen der Verhandlungen über die bilateralen Rohöllieferungen zwischen den Pipeline-Anrainerstaaten und der Sowjetunion.
Der Handel innerhalb des Ostblocks war durch gegenseitige Warenlieferungen geprägt, wobei informell zwischen „harten“ und „weichen“ Waren unterschieden wurde: „Harte“ waren auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig, „weiche“ nur innerhalb des Ostblocks. In der Praxis tauschten die zentraleuropäischen Ostblockstaaten „weiche“ Maschinen oder Konsumgüter gegen „harte“ sowjetische Rohstoffe, inklusive Erdöl. Da die Währungen der RGW-Staaten untereinander nicht konvertibel waren, wurde im Handel eine komplizierte Recheneinheit zwischengeschaltet, der „Transferrubel“.
Ein großes Problem blieb jedoch der Preisbildungsmechanismus: Da die Preise in den jeweiligen Mitgliedstaaten planwirtschaftlich festgelegt wurden und eine Koordination der nationalen Pläne innerhalb des RGW nie ganz gelang, nahm man die aggregierten Weltmarktpreise der vergangenen fünf Jahre als Basis, wobei kapitalistische „Spekulationseffekte“ herausgerechnet wurden.
Das billige Öl hielt den Ostblock zusammen
Vor allem nach der Ölkrise 1973 war dieser Ansatz für die zentraleuropäischen Staaten attraktiv, weil die Preise nunmehr weit unter den tatsächlichen Weltmarktpreisen lagen. Die Ostblockländer profitierten zudem von Reexporten sowjetischen Erdöls in den Westen, im polnischen Fall etwa nach Schweden, wo das reexportierte polnische Öl sogar dem aus der Sowjetunion Konkurrenz machte. Die Öllieferungen waren so Teil eines umfassenden Handelssystems, für das der RGW das Fundament und der Transferrubel das institutionelle Gerüst bildete.
Insgesamt war der RGW-Handel, wie er sich in den Öllieferungen durch die Druschba-Pipeline ausdrückte, der wirtschaftliche Preis, den die Sowjetunion für die politische Stabilität ihres osteuropäischen Imperiums zu zahlen hatte. Das billige Öl hielt den Ostblock zusammen, wobei Moskau einen großen Teil der Zeche zahlte. In den achtziger Jahren geriet dieses System jedoch immer mehr ins Wanken.
Der Beschluss, ab 1991 den RGW-Rohstoffhandel in US-Dollar abzuwickeln, versetzte der moribunden Organisation den Todesstoß. Kurz vor dem Ende der Sowjetunion 1991 löste sich der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe auf. War die Druschba-Pipeline bisher eine Lebensader ökonomischer Kooperation im Ostblock gewesen, drohte sie nun zusammen mit den Gaspipelines zu einem toxischen Erbe zu werden.
Und dennoch floss das Öl weiter. Dafür gab es im Wesentlichen zwei Gründe – einen technisch-administrativen und einen ökonomischen. Auf institutionell-administrativer Ebene erklärt sich das Überleben der Druschba trotz des Endes von Ostblock, Sowjetunion und RGW, auch im Vergleich zu anderen Infrastrukturprojekten, aus ihrer dezentralen Funktionsweise.
Deswegen war sie von der Auflösung des RGW nicht direkt betroffen. Weiterhin blieb jeder Staat für seinen Streckenabschnitt selbst zuständig. Der Nordstrang nach Polen und in die DDR sowie der Südstrang, der über die seit 1991 unabhängige Ukraine nach Ungarn und in die Tschechoslowakei führte, funktionierten außerdem relativ autonom voneinander, die jeweiligen Dispatcher trafen nur vierteljährlich zusammen.
Beispiel Slowakei
Als ökonomischer Grund kam die Rückbesinnung auf die Handelspraktiken des RGW nach dem Ende des Kalten Krieges hinzu. Die Slowakei bietet hierfür ein gutes Beispiel. Die Wirtschaft des Landes war in besonderem Maße von Großbetrieben geprägt und spürte somit den Wegfall der sowjetischen Absatzmärkte stärker als die Tschechische Republik, von der sich die Slowakei 1993 vollends trennte.
Ihr erster Regierungschef, der autoritär und nationalistisch regierende Vladimír Mečiar, strebte eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation an. Da es beiden Ländern an Devisen mangelte, setzten Moskau und Bratislava auf das alte System: Wie in Ostblock-Zeiten tauschte man slowakische Konsumgüter, Maschinen und Chemieprodukte gegen russische Rohstoffe.
In den neunziger Jahren arbeitete das slowakische Wirtschaftsministerium zusammen mit Diplomaten und Firmenvertretern fieberhaft daran, Russland als Absatzmarkt zurückzugewinnen und gleichzeitig langfristige Lieferverträge für Öl und Gas abzuschließen. Die slowakische Seite setzte dabei bewusst auf eine Kooperation mit rohstoffreichen russischen Regionen, etwa der Provinz Orenburg. Beide Seiten nahmen dabei immer wieder auf die verlorenen RGW-Strukturen Bezug, die es zu kompensieren gelte.
Verstärkt wurde dieser Ansatz selbst da, wo er sich auf den ersten Blick von den Logiken der Ostblock-Kooperation zu unterscheiden schien. Eine ab Mitte der achtziger Jahre gebaute Pipeline, die die damalige Tschechoslowakei mit dem jugoslawischen Adria-Hafen Omišalj verband, verstand man in Bratislava in den neunziger Jahren nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur Druschba.
Diese Sicht wirkte lange weiter. Darüber hinaus sahen slowakische Diplomaten der Zeit nicht in Russland, sondern im Transitland Ukraine den eigentlichen geopolitischen Unsicherheitsfaktor, den es im Zweifelsfall zu umgehen galt, nicht zuletzt aufgrund der politischen Instabilität der ehemaligen Sowjetrepublik und wegen ihres angespannten Verhältnisses zu Russland.
Auch daran hat sich bis heute wenig geändert. All das untermauerte letztlich die engen Bindungen nach Moskau. In der Slowakei verstand man die partielle Rückkehr zu den Handelsbeziehungen der Zeit des Kalten Krieges jedoch nicht als ein strategisches Problem, ganz im Gegenteil. Dieser Ansatz sei vielmehr das Beste aus beiden Welten: Die Slowakei konnte ihre Waren im Gegenzug für billige russische Rohstoffe nach Osten exportieren, gleichzeitig aber ihre Westintegration in NATO und EU weiter vorantreiben.
Polen hat sich erst spät vom russischen Öl abgekoppelt
Allerdings gab es zu diesem Weg auch Alternativen, zumindest ansatzweise. Dafür steht das Beispiel Polen, das einen ziemlich anderen Pfad einschlug als die Slowakei. Warschau hatte schon in den siebziger Jahren im Danziger Hafen den Bau eines Ölterminals geplant, das für Rohöl aus Libyen und dem Irak vorgesehen war und schließlich 1992 in Betrieb ging.
Da das russische Rohöl jedoch deutlich billiger blieb und zudem die polnischen Raffinerien technisch auf die russische Ölreferenzsorte Ural eingestellt waren, sollte man diese Diversifizierungsstrategie nicht überschätzen. Noch 2009 deckte das Rohöl aus der Druschba-Pipeline 95 Prozent des polnischen Bedarfs ab. Das Danziger Terminal diente bei relativ niedriger Auslastung hauptsächlich zum Transit von russischem Rohöl, unter anderem in die USA und nach China.
Noch 2005 wurde in einer polnischen Studie nicht die Abhängigkeit von Russland als strategisches Risiko betrachtet, sondern die Konkurrenz zum Hafen in Rostock, von wo aus ebenso Öl aus der Druschba-Pipeline über die Ostsee verschifft werden konnte.
Immerhin hatte man eine Alternative zur Druschba, die sich aktivieren ließ, als sich der politische Wille dafür endlich fand. Angesichts der vorhandenen Wahlmöglichkeiten war es für Polen wie auch für Deutschland ohne große wirtschaftliche Verwerfungen möglich, seit 2023 vollständig auf russisches Rohöl zu verzichten.
Das bedeutete jedoch nicht das vollständige Aus des Nordstrangs der Druschba, sehr wohl aber erstmals eine Trennung der vorhandenen Infrastruktur von russischem Öl: Seitdem wird die Pipeline für den Transport von kasachischem Rohöl nach Deutschland genutzt.
Anders haben sich die Dinge auf dem Südstrang der Druschba-Pipeline entwickelt, der durch die Ukraine verläuft. Das Land versuchte seit den neunziger Jahren, sich vom Erbe der Druschba zu lösen. Es war die ukrainische Druschba-Betreibergesellschaft selbst, die den Bau einer neuen Erdölleitung vom Hafen Odessa ins westukrainische Brody vorantrieb, wodurch das russische Rohöl langfristig durch aserbaidschanisches oder kasachisches ersetzt werden sollte.
Die Odessa-Brody-Pipeline wurde jedoch von Anfang an zum Spielball der ukrainischen Außenpolitik: Nachdem sie 2004 für einige Monate in umgekehrter Richtung zum Export von russischem Öl benutzt worden war, stellte in der Folge der Orangenen Revolution die neue, prowestliche Premierministerin Julia Tymoschenko diese Lieferungen ein. Aber auch der ursprüngliche Plan, sich durch die neue Erdölleitung von der Druschba etwas unabhängiger zu machen, ging nicht auf. So blieben etwa die von der EU unterstützten Pläne, die Odessa-Brody-Pipeline bis nach Polen zu verlängern, Makulatur.
Strukturelle Abhängigkeit war kein Masterplan des Kreml
Nicht nur die RGW-Kooperation im Kalten Krieg, sondern auch ökonomische Krisen und politische Weichenstellungen der neunziger Jahre erklären so das Fortleben der Druschba in die Gegenwart. Dadurch setzte sich letztlich die strukturelle Abhängigkeit vom großen Nachbarn im Osten in vielen Staaten Ostmitteleuropas fort.
Allerdings gab es dafür keinen Masterplan im Kreml; ganz im Gegenteil. Seit den sechziger Jahren hatte die Sowjetunion die RGW-Mitgliedstaaten dazu angehalten, ihre eigene Erdölproduktion auszubauen und sich nach anderen Lieferanten umzusehen, um die sowjetische Wirtschaft zu entlasten.
Seit den neunziger Jahren gefährdete diese Abhängigkeit vom Osten auch über das slowakische Beispiel hinaus zu keinem Zeitpunkt die sich anbahnende Westintegration von Staaten wie Polen oder Ungarn in NATO und EU. Billige Energie war nicht nur in der Bundesrepublik beliebt – egal, wo sie herkam. Unter der Leitidee, Russland kommerziell an den Westen binden zu wollen, wurde letztlich ein Ostblock-Projekt aus dem Kalten Krieg erstaunlich einfach in das neue, sich westlich-liberal verstehende Europa eingefügt.
Selbst nach Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 erfüllte die Druschba-Pipeline beinahe vier Jahre lang weiter ihre ursprüngliche Aufgabe, russisches Rohöl nach Zentraleuropa zu liefern. Länder wie Ungarn und die Slowakei haben sich aus ökonomischen, aber auch aus politischen Gründen nie darauf festgelegt, ihre Abhängigkeit radikal und abrupt zu reduzieren.
Daran änderten der russische Angriffskrieg und die Sanktionen, Hunderttausende Tote, die Verschleppung unzähliger Kinder aus der Ukraine und der Massenterror gegen deren Zivilbevölkerung nichts.
Als die Ukraine im August letzten Jahres die Lieferung endlich beenden wollte, unterbrach sie die Leitung nicht einfach auf ihrem eigenen Territorium, sondern schickte Drohnen über die russische Grenze, um die Pipeline dort zu zerstören. Diese Schäden ließen sich schnell reparieren. Es handelte sich eher um einen Nadelstich und eine Drohung als eine Maßnahme in voller Konsequenz.
Insgesamt lief die technische Kooperation in Bezug auf die Öllieferungen zwischen der Ukraine und Russland ziemlich geräuschlos weiter.
Noch nicht einmal die ökonomischen Daumenschrauben, die Kiew gegen die Pipeline ansetzte, ändern das Bild wesentlich. Seit Kriegsbeginn erhöhte die ukrainische Regierung mehrmals die Transitgebühren für die Druschba. Lagen diese vor dem Krieg bei neun Euro pro Tonne Rohöl, hob man die Summe in mehreren Schritten auf 21 Euro im August 2023 an. Das war substanziell, hat den Ölfluss aber nicht gestoppt.
Kiew leidet und profitiert
Außerdem waren ziemlich akrobatische Verrenkungen notwendig, um diese Zahlungen sanktionskonform zu gestalten: Seit September 2024 nahm der ungarische Ölkonzern MOL direkt an der weißrussisch-ukrainischen Grenze das Öl aus der Druschba-Pipeline in Besitz und zahlte die Transitgebühren an die Ukraine, um direkten Kontakt zum russischen Pipelinebetreiber Transneft zu vermeiden.
Absurderweise profitiert der ukrainische Staat so finanziell von jenen russischen Öllieferungen, mit denen Putin den Krieg gegen das Land finanziert. Das verweist jedoch weniger auf ukrainische Doppelmoral als vielmehr auf die immense Abhängigkeit des Landes von der EU.
Bis heute besteht besonders Ungarn auf eine fortgesetzte Lieferung russischen Öls durch die Druschba. Trotzdem stand diese seit dem 27. Januar still – laut ukrainischen Angaben wurde die Pipeline durch russischen Beschuss stark beschädigt. Ungarns bisheriger Ministerpräsident Viktor Orbán knüpfte seine Zustimmung zu einem europäischen 90-Millionen-Euro-Darlehen an die Bedingung, dass das Öl wieder fließe.
Ihr endgültiges Aus zu konstatieren, wäre daher verfrüht. Während sich momentan die Verantwortung für den Schaden nicht final klären lässt, ist eindeutig belegt, dass die EU seit 2026 technisch und finanziell die Reparatur der Ölleitung unterstützte, um die ungarisch-slowakische Blockade des Hilfskredits über 90 Milliarden Euro für die Ukraine zu durchbrechen.
Der ungarische Wahlsieger Péter Magyar hat zwar angekündigt, eine langfristige Unabhängigkeit von russischen Energieimporten anzustreben, allerdings nicht vor 2035. Für die Slowakei besteht Robert Fico weiterhin auf der Wiederherstellung der Druschba-Pipeline.
Tatsächlich dürfte es nicht zufällig nach der ungarischen Parlamentswahl vom 12. April, bei der Orbáns Herausforderer Magyar triumphierte, so weit sein. Das hat EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos im Europäischen Parlament angekündigt.
All das zeigt, wie stark das Erbe des Kalten Krieges nachwirkt. Ebenso wichtig ist die tiefgreifende Transformation der neunziger Jahre mit ihren Krisen. Beides zusammen hilft zu erklären, warum manche Staaten Ostmitteleuropas im Energiebereich auf eine Fortsetzung des Bisherigen setzen. Geographie ist keine harte Determinante, sondern es entscheiden der politische Wille und die Bedrohungsperzeption. Das zeigt der Kurswechsel Polens und, mit gewisser Verzögerung, Deutschlands.
Von der Lebensader des Ostblocks ist die Druschba längst zur toxischen Verbindung zwischen Moskau und Kiew sowie zwischen Russland und der Europäischen Union geworden – und zum Spaltpilz zwischen den EU-Mitgliedstaaten und im Verhältnis zur Ukraine. All das verweist auf die andauernde Abhängigkeit von russischen Ressourcen. Das betrifft übrigens nicht nur Öl und Gas, sondern etwa auch Kernbrennstoffe sowie bestimmte medizinische Radioisotope, die etwa für die Krebsbehandlung in Europa benötigt werden. Von Letzteren ist fast nie die Rede. Trotz 19 Sanktionspaketen seit Februar 2022 ist Europa in manchen Fragen immer noch erschreckend abhängig von Putins Reich und zeigt nur in ausgewählten Bereichen wirkliche Bereitschaft, das zu ändern. Für einen Nekrolog auf die Druschba als Symbol bleibender Verbindungen nach Russland ist es noch zu früh.
Source: faz.net