Maurizio Cattelan: Tausche Erkennungsmarke gegen Lichtschalter

An diesem Montag hat in Mailand die Design Week begonnen und der Konzeptkünstler Maurizio Cattelan deshalb zu einer lustigen Aktion eingeladen: Ein Frühstück mit dem Tausch von Designobjekten. Die vorab in den sozialen Medien verbreiteten Regeln sind einfach: Man solle einen Gegenstand mitbringen, der seltsam, lustig oder originell ist und nur so groß, dass man ihn in Händen halten kann. Treffpunkt und Uhrzeit: Um sieben Uhr morgens an der Piazza Duomo am Palazzo dell’Arengario, einem faschistischen Monumentalbau, der Mussolini als Bühne für seine Reden dienen sollte, wozu es wegen des Krieges aber nicht mehr kam.

Gut dreihundert Leute stehen dort kurz nach Morgengrauen; jüngere und ältere Mailänder, Besucher der Designwoche und Bewunderer des Künstlers, der durch eine für mehrere Millionen Dollar verkaufte, mit Klebeband an der Wand befestigte Banane bekannt wurde. Auf der Piazza gibt es Kaffee von Lavazza und für jeden eine Brioche. Der Trompeter Raffaele Kohler spielt von der Terrasse des Palazzos einen Weckruf. Mailands Kulturrat Tommaso Sacchi sagt ein paar Worte, und damit ist die Design Week offiziell eröffnet. Los geht’s mit dem Tauschen.

Fast wie in einem Film von Fellini

Jeder will sehen, was der andere zu bieten hat: Tassen, Lampen, viel Selbstgebasteltes und Kitsch werden in die Höhe gehalten; ein Gameboy und auch ein Spiegel mit wuchtigen Holzrahmen wechseln – erstaunlicherweise – sofort den Besitzer. Dazu spielt die vor 170 Jahren gegründete Mailänder Blaskappelle La Banda d’Affori in historischer Uniform schmissige Märsche und „Volare“. Salvo, stadtbekannter Alleinunterhalter, auch „König der Plätze“ genannt, führt in regenbogenfarbenem Outfit eine Tanzshow zu Musik der Achtzigerjahre auf. Innerhalb von Sekunden entfaltet sich vor dem Dom eine fellinihafte Szenerie. Sie ist ganz nach dem Geschmack von Cattelan, der zuletzt damit von sich reden machte, per Telefonhotline anderen die Beichte abzunehmen.

Seltsam, lustig oder originell: bei der Tauchbörse von Maurizio Cattelan zur Eröffnung der Mailänder Design Week
Seltsam, lustig oder originell: bei der Tauchbörse von Maurizio Cattelan zur Eröffnung der Mailänder Design WeekEPA

Jetzt mäandert er mit Sonnenbrille und einem Dog Tag, wie man militärische Erkennungsmarken auch nennt, gut gelaunt durch die Menschenmenge. Jeder will in seiner Nähe sein, Worte mit ihm wechseln. Eine Gruppe Studenten schwenkt gelb-schwarze Fahnen und Schals – „It’s fake but we like it“ steht darauf. „Wir sind Ultras für Maurizio“, erklärt eine Studentin. Auch das italienische Establishment, vor allem in Mailand, wo Cattelan einen Teil des Jahres lebt, vergöttert ihn: als Künstler, Hofnarr, Aushängeschild. Ob man auch mit ihm selbst etwas tauschen könne?

Cattelan hat nur einen großen Stempel in der Hand. Er drückt ihn auf seinem Weg über den Platz fröhlich auf Handrücken und Unterarme, auch ich bekomme einen verpasst. Er hinterlässt den schwarzen Schriftzug „White Trash“. „Siete tanti!“, ruft er: „Ihr seid viele!“ Einer der Ersten, der den Abdruck auch am Hals zu spüren bekommt, ist Gianfranco Maraniello, der Direktor des Museo del Novecento, das im Palazzo dell’Argenario beherbergt ist. Maraniello nimmt den Schriftzug am Hals gelassen; er hat als Tauschobjekt einen Pappaufsteller mitgebracht, der den Anführer des Arbeiterzugs aus dem Gemälde „Il Quarto Stato“ (Der vierte Stand) von Giuseppe Pellizza da Volpedo zeigt.

Vor dem Mailänder Dom: Maurizio Cattelan mit Kulturrat Tommaso Sacchi, Salvo und Gianfranco Maraniello, dem Direktor des Museo del Novecento während der Tauschbörse
Vor dem Mailänder Dom: Maurizio Cattelan mit Kulturrat Tommaso Sacchi, Salvo und Gianfranco Maraniello, dem Direktor des Museo del Novecento während der TauschbörseAP

Auch ein paar echte Designer sind gekommen: Marcantonio hat einen Schubladengriff an einen großen Kieselstein montiert; Stefano Seletti einen bunten Abflussstampfer aus dem Hause Seletti dabei. „Möchtest du damit eine Botschaft senden?“, fragt der Kunstkritiker Nicolas Ballario ihn durchs Megafon. „Ich denke, das ist selbsterklärend“, antwortet Seletti. „Pace, è per la pace!“, ruft Cattelan: „Für den Frieden!“

Mein mit Strass besetzter Kerzenleuchter, der eine Weile als Geschenk im Haushalt geduldet wurde, gefällt der Textilkünstlerin Laura Guilda. Sie gibt mir dafür einen rot-weiß gepunkteten Wecker. Das andere Objekt, das ich mitgebracht habe, trage ich an einem Band um den Hals, es ist ein Schnurschalter Typ 450, entworfen 1968 von Achille und Pier Giacomo Castiglioni. Man knipst mit ihm normalerweise Lampen an. Vor gut einem Jahr habe ich ihn im Museumsshop der Fondazione Castiglioni gekauft. Sie fertigt aus den Schaltern Halsketten. Castiglioni hat einmal gesagt, von all seinen Objekten erfülle ihn dieser Schalter mit größtem Stolz, wegen des angenehmen Klickgeräuschs, das er macht, und weil er in Elektrofachgeschäften unzählige Male gekauft werde, ohne dass die Menschen den Namen des Designers kennen.

Auf der Piazza zeigt sich der Industrie- und Möbeldesigner Stefano Giovannoni, bekannt für seine farbenfrohen Haushaltswaren und Kunststoffmöbel, an der Kette interessiert. Er hält mir einen Strauß Papierblumen in einem Joghurtbecher entgegen: „Den habe ich während eines Urlaubs bei einem Straßenhändler in Marrakesch erstanden, er hat ihn selbst gebastelt.“ Der in London lebende Designer Mathias Hahn ist bereit, einen seiner Parker-Schreiber aus Edelstahl, mit dem er, wie er sagt, am liebsten zeichne, gegen die Schalterkette einzutauschen. Ein Lieblingsschreibgerät habe ich aber schon.

Der niederländische Industriedesigner Marcel Wanders hatte einen Füller aus Glas mit goldener Tinte im Angebot. Er habe ihn gleich eingetauscht, erzählt er, und danach noch achtzehnmal weitergetauscht. Das Endergebnis ist äußerst bemerkenswert: ein gusseiserner, hüfthoher Stab mit einer Halterung für ein Weinglas. Nach gut zwei Stunden, kurz bevor das Spektakel endet, steht Maurizio Cattelan wieder vor mir. Er sieht die Kette. „Castiglioni“, sagt er, nimmt sein Dog Tap ab, gibt es mir. Auf der Erkennungsmarke steht: „Do nothing“.

Source: faz.net