Satz übrig „Tyrannen“: Warum spült sich dieser Papst im Streit mit Trump plötzlich weich?
Man kennt das von Besuchen von Staats- und Regierungschefs bedeutender regionaler Mittelmächte – sagen wir Brasilien oder Deutschland – im Weißen Haus: Der Präsident und sein Gast sitzen im Oval Office, geben sich die Hand – und den Pressevertretern die Gelegenheit zu einigen Fragen. Die Journalisten aus dem Land des Besuchers bitten ordnungsgemäß um Auskunft über den Zustand der bilateralen Beziehungen.
Dann sind die US-Kollegen an der Reihe. Die kümmern sich nicht darum, wer da gerade neben dem Präsidenten sitzt – und erweisen sich als dessen Claqueure oder stellen ihm Fragen zum gegenwärtigen Zwist mit dem Kongress, zum bevorstehenden Urteil des Supreme Court oder zum jüngsten Schulmassaker.
In Afrika leben 288 Millionen Katholiken
Etwas Vergleichbares erlebt zurzeit Papst Leo XIV., der erste US-Amerikaner (mit zusätzlich peruanischer Staatsbürgerschaft) als Nachfolger Petri, auf seiner Reise durch vier Länder Afrikas: Die Medien, nicht nur die in den USA, schauen auf ihn und die Welt durch die „amerikanische Brille“. In Afrika leben zurzeit gut 288 Millionen Katholiken. In keinem anderen Kontinent gewinnt die Weltkirche Jahr um Jahr so viele Seelen hinzu wie in Afrika. Auch die Zahl der Priester und Ordensschwestern wächst überproportional. In den USA gibt es rund 72 Millionen Katholiken, viermal weniger als in Afrika. Ihre Zahl stagniert bestenfalls. In Priesterseminaren und Frauenorden gibt es Nachwuchssorgen – wie in allen Ländern des Westens.
Nach den Stationen Algerien und Kamerun befindet sich der Papst nun in Angola. An diesem Dienstag reist er nach Äquatorialguinea, von dort geht es am Donnerstag zurück nach Rom. Zu sagen, die Berichterstattung über diese für den Papst, die Weltkirche und die vier afrikanischen Länder so bedeutsame Reise würde vom Streit zwischen Trump und Leo überschattet, wäre eine Untertreibung. Es begann schon am Montag vergangener Woche, auf dem Flug von Rom nach Algier, als sich der Papst veranlasst sah, auf die jüngsten Injurien des US-Präsidenten zu reagieren.
Er habe „keine Angst vor der Trump-Regierung“ und werde weiter die Friedensbotschaft des Evangeliums verkünden, sagte Leo vor den mitreisenden Journalisten. Und schon wurde aus dem „stillen Amerikaner“, der in den ersten Monaten seiner Amtszeit das Schiff der Kirche mit ausgleichender Hand gesteuert und den Streit zwischen progressiven und konservativen Katholiken in den USA entschärft hatte, der „Anti-Trump“.

Dem medialen Kurzschluss versuchte der Papst dann seinerseits etwas entgegenzusetzen. Wiederum im Flugzeug, diesmal von Yaoundé in Kamerun nach Luanda in Angola, sagte er den Berichterstattern, seine letzten Ansprachen und Predigten seien in den Medien „nicht in allen Aspekten korrekt“ gedeutet worden. Namentlich seine Klage bei einem Friedenstreffen in Bamenda im Nordwesten Kameruns, wonach die Welt „von einer Handvoll Tyrannen zerstört“ werde, sei keine Widerrede gegen Trump gewesen: Die Ansprache sei schon „vor zwei Wochen“ vorbereitet worden, mithin lange „bevor der Präsident etwas über mich gesagt hat“. Es sei irrig, die Rede von Bamenda so aufzufassen, „als wollte ich dem Präsidenten widersprechen“, sagte der Papst. „Das war überhaupt nicht meine Absicht.“
Aus „Tyrannen“ werden „Herrschende“
Die Rede hielt der Papst auf Englisch. In seiner Muttersprache wurde sie auch verfasst. Leo dürfte sie überprüft und redigiert haben, ehe er sie vortrug. Die besagte Stelle lautet im Original: „The world is being ravaged by a handful of tyrants, yet it is held together by a multitude of supportive brothers and sisters!“ In der offiziellen deutschen Übersetzung des Vatikans wird daraus ein verquastes, gendergerechtes Monstrum: „Die Welt wird von wenigen Herrschenden zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten!“
Hätte das Maskulinum „Herrscher“ nicht besser für „tyrants“ gepasst, wenn man schon nicht die wörtliche Übersetzung „Tyrannen“ nehmen will, weil die Weltgeschichte so viele weibliche Tyrannen eben nicht kennt? Oder hat den Text im Vatikan eine politisch korrekt eingenordete KI übersetzt? Nicht viel besser sind die offiziellen Übertragungen in die romanischen Sprachen, in denen das Presseamt des Heiligen Stuhls die Reden und Predigten des Papstes verbreitet. Im Französischen, Italienischen, Portugiesischen und Spanischen werden aus den englischen „tyrants“ dann „dominateurs“, „dominatori“ sowie „dominadores“. Obschon es in den vier Sprachen die korrekten Entsprechungen „tyrans“, „tiranni“ sowie „tiranos“ gibt und dieser Ausdruck jeweils auch gebräuchlich ist.
Dass die deutschsprachige Version des vatikanischen Medienportals Vatican News die offizielle Übersetzung des Presseamts des Heiligen Stuhls mit den „wenigen Herrschenden“ übernimmt, statt korrekt „eine Handvoll Tyrannen“ zu schreiben, kann man nachvollziehen: Vatican News gehört dem Heiligen Stuhl und vertreibt dessen „amtliche“ Version. Aber muss die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) in ihrer Berichterstattung über die Afrikareise Leos den sprachlichen Weichspülgang mitmachen, statt nach Hausverstand und Sprachgefühl wie „weltliche“ Agenturen „eine Handvoll Tyrannen“ zu schreiben?
Die KNA gehört mehrheitlich dem Verband der Diözesen Deutschlands, es sind aber auch katholische Verlage und die Caritas beteiligt. Die KNA ist nicht das Verlautbarungsorgan der Deutschen Bischofskonferenz. Die deutsche Ausgabe der amerikanischen Catholic News Agency (CNA) hat den ominösen Satz so übersetzt: „Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen verwüstet, doch sie wird von einer Vielzahl unterstützender Brüder und Schwestern zusammengehalten!“ Wenn das Wort vom „tyrant“ gerade nicht auf Trump gemünzt gewesen sein soll, wie der Papst nun beteuert, dann gibt es auch keinen Grund, es in den nachträglichen Übersetzungen des englischen Originals zu verleugnen.
Source: faz.net