Hannover Messe: Mit jener Künstlichen Intelligenz aus jener Krise

Besucher auf der Messe Hannover

Stand: 20.04.2026 • 16:11 Uhr

Bei der Hannover Messe ist Künstliche Intelligenz ein Schwerpunkt. Viele Unternehmen in Deutschland nutzen schon KI. Viele kleine und mittlere Unternehmen tun sich damit aber schwer – oder stehen noch am Anfang.

„KI wird eine größere Bedeutung als die Erfindung der Dampfmaschine haben. Wir stehen vor großen Veränderungen“, sagt Mathias Schmidt, während er durch die Werkshalle läuft. Er leitet die Werkzeugbaufirma K.H. Müller Präzisionswerkszeuge im rheinland-pfälzischen Sien.

Der Betrieb hat mehr als 70 Beschäftigte und fertigt Sonderwerkzeuge für unterschiedliche Wirtschaftszweige – etwa die Automobil-, Energie- oder die Medizinbranche.

Kooperation mit Hochschule in Kaiserslautern

Die Sonderwerkzeuge gehen vor allem nach Deutschland. Kundinnen und Kunden gibt es aber auch in Mexiko oder Indien. „Um auch international mithalten zu können, ist KI auch für uns als kleiner Betrieb eine zwingende Voraussetzung“, so Schmidt.

Viele größere Industrieunternehmen kommen bei der Integration von KI gut voran. Kleinere Firmen stehen aber aufgrund ihrer geringeren Personalstärke vor großen Herausforderungen. „Ich habe als Maschinenbau-Informatiker die jahrzehntelange Entwicklung mitverfolgt. Jetzt ist KI so weit, dass man sie auch im Alltagsgeschäft betrieblich nutzen kann.“

Deshalb arbeitet der Betrieb derzeit gemeinsam mit der Hochschule in Kaiserslautern (RPTU) an einem Projekt, um KI in der Firma einzuführen. Konkret geht es dabei um die Großserienfertigung mit Sonderwerkzeugen. „Bei einem neuen Kunden haben wir früher zunächst Tests durchgeführt. Wir haben überprüft, wie lange das Werkzeug optimal verwendet werden kann – mit mehreren Tausend Bohrungen“, erklärt Schmidt. Das sei etwa von Temperatur, Kühlmitteln oder dem Material abhängig.

Einsparung von bis zu 30 Prozent

„Bislang wurden die Werkzeuge aus Sicherheitsgründen zu früh ausgetauscht. Jetzt kann die KI die genaue und optimale Anzahl der Bohrvorgänge errechnen. Statt 10.000 Bohrungen sagt uns jetzt die KI, es sind 11.782 – für das beste Ergebnis“, so Schmidt. Das spare Zeit, Material, sorge für eine schnellere und sicherere Produktion.

Schmidt rechnet zusammen: „Am Ende haben wir deutlich geringere Kosten – bis zu 30 Prozent.“ Peter Simon begleitet das Projekt. Er forscht an der Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) Er forscht dort im Bereich Digitale Technologien für Produktionssysteme, insbesondere in der Anwendung von KI.

„Noch handelt es sich hier um einen Prototyp unter Laborbedingungen. Bis zur industriellen Alltagsreife dauert es noch“, so Simon. „Insgesamt sehe ich auch bei kleinen Firmen ein wachsendes Interesse an KI.“

Wie weit ist KI in Deutschland?

Die neue Technik setzt sich inzwischen in der deutschen Industrie durch. Zu diesem positiven Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Netzwerk-Ausrüsters Cisco. Für die Untersuchung wurden weltweit mehr als 1.000 Führungskräfte aus Unternehmen in 19 Ländern befragt. Fast zwei Drittel der Industriebetriebe in Deutschland setzen laut der Umfrage KI bereits ein.

Deutsche Unternehmen seien damit im internationalen Vergleich sogar mit an der Spitze. Mit 65 Prozent liege der Anteil der Industrieunternehmen, die KI aktiv einsetzen, deutlich höher als in Europa und auch höher als im weltweiten Durchschnitt. KI werde vor allem eingesetzt, um die Produktivität zu verbessern und Kosten zu senken.

Die anfänglichen Investitionen machten sich nach spätestens zwei Jahre bezahlt, so die Untersuchung. Allerdings habe mehr als ein Drittel der Firmen KI noch nicht in ihre Betriebsabläufe integriert.

Ein deutlich kritischeres Fazit als die Cisco-Studie zieht Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und forscht unter anderem zur digitalen Zukunft. Zwar habe der KI-Einsatz in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen, aber „im internationalen Vergleich sind andere weiter. Insgesamt befinden wir uns im Mittelfeld.“

Bessere Qualifizierung gefordert

Weber spricht sich für eine bessere Qualifizierung der Beschäftigten aus, damit KI selbstverständlicher Teil in der Industrie werden kann. Zudem fehle es in Deutschland auch an Risikoinvestitionen in diesem Bereich. Auch deshalb bleibe trotz des stärkeren KI-Einsatzes die Produktivitätsentwicklung bis zuletzt schwach.

„Deutschland befindet sich in einer Erneuerungskrise: Die Investitionen sind seit Jahren gesunken, es werden so wenig neue Stellen geschaffen wie noch nie. Deshalb ist eine wirtschaftliche Erneuerung mit technologischen Innovationen zentral“, analysiert Weber.

Jobkiller KI?

In der Debatte um die Folgen von KI sorgen sich viele, dass die neue Technologie zu einem Kahlschlag am Arbeitsmarkt führen werde. Weber teilt diese Sorge nicht. „KI wird zunehmend Tätigkeiten übernehmen, damit fallen auch Jobs weg. Auf der anderen Seite entstehen aber neue Möglichkeiten“, so der Arbeitsmarktexperte.

„Wir erwarten einen Umbruch, aber keinen Einbruch bei der Beschäftigung. Entscheidend ist, nicht darauf zu schielen, was KI für Menschen übrig lässt, sondern darauf zu schauen, welche neuen Tätigkeiten Menschen in Zukunft ausüben können.“ Nach Berechnungen des IAB könnte ein umfassender KI-Einsatz das Wirtschaftswachstum sogar um jährlich 0,8 Prozent erhöhen.

Roboter sollen Kollegen nicht ersetzen

In Sien läuft bei der Werkzeugbaufirma das Pilot-Projekt mit der RPTU Kaiserslautern weiter. Mathias Schmidt sammelt aber schon weitere Ideen aus der Belegschaft.

„Ein System läuft bei uns bereits. Die Kollegen sprechen dabei neue Kundenaufträge einfach in die KI ein. Die füllt automatisch die entsprechenden Formulare aus und leitet die relevanten Informationen in die jeweilige Abteilung weiter“, erzählt Schmidt. Das spare sehr viel Zeit.

Und: Der Firmenchef plant sogar den Kauf von Robotern. Diese sollten die Kollegen aber nicht ersetzen. „Die Roboter können etwa in der Nacht arbeiten oder körperlich schwere Arbeiten übernehmen. Es gibt viele Möglichkeiten. Auch große Datenpakete kann die KI vorab ordnen und so die Kollegen unterstützen.“

Langfristig wolle das Unternehmen seine Spezialwerkzeuge zusammen mit KI als Gesamtpaket anbieten. „Die neuen Geschäftsmodelle sind in Gänze noch gar nicht absehbar“, so Schmidt, „aber ersetzen wird die KI den Menschen sicher nicht. Für mich bietet die Technik neue Chancen.“

Source: tagesschau.de