„Einmal geprostet, schon war die Vereinigung gleichstimmig imaginär“
Die Fäden zog Walter Ulbricht: Am 21./22. April 1946 vereinigten sich KPD und SPD in der Sowjetischen Besatzungszone zur SED. Faktisch wurde die Sozialdemokratie östlich der Elbe damit bedeutungslos. Die Kommunisten, die immer die ganze Macht gewollt hatten, triumphierten.
Festlich geschmückt war der Admiralspalast in Berlin am 21. April 1946. An diesem Ostersonntag hatten sich mehr als tausend Delegierte im einzigen unzerstörten Saal der Innenstadt versammelt. Ihre Aufgabe: Sie sollten eine neue Partei aus der Taufe heben. Eine offene Debatte, gar abweichende Meinungen waren nicht vorgesehen. Am Ergebnis des Treffens gab es keinen Zweifel: Sowohl Wilhelm Pieck, der Vorsitzende der KPD, als auch der Vorsitzende der SPD in der sowjetischen Besatzungszone, Otto Grotewohl, hatten sich klar für die „Hochzeit“ ihrer beiden Parteien ausgesprochen. Auch wenn beide gerade erst seit zehn Monaten wieder existieren durften.
Im Saal herrschte eine „herzliche, optimistische Stimmung“, erinnerte sich der 25-jährige Wolfgang Leonhard, der als Heimkehrer aus dem Moskauer Exil als führender Nachwuchskader der KPD galt. Das war allerdings kein Zufall: „Es waren nur Mitglieder anwesend, die hinter der Vereinigung standen.“ Zum Auftakt erklang Beethovens „Fidelio“.
Dann betrat Pieck von der linken Seite die Bühne des Operettentheaters, während zeitgleich Grotewohl von rechts kam. In einer sorgfältig vorbereiteten Szene gingen sie aufeinander zu und reichten einander die Hände. Beifall brandete auf, dann verkündete Grotewohl mit bewegter Stimme: „30 Jahre Bruderkampf finden in diesem Augenblick ihr Ende.“
Tatsächlich hatte die Konfrontation des pragmatisch-demokratischen und des ideologisch-radikalen Flügels der deutschen Arbeiterbewegung die deutsche Geschichte seit Jahrzehnten geprägt. Schon 1914 hatte sich die SPD aufgespalten in eine Mehrheit, die für die Kriegskredite der kaiserlichen Regierung stimmte, und eine Minderheit, die sich pazifistisch gab, aber innenpolitisch für eine gegebenenfalls auch gewaltsame Revolution eintrat.
Zum Jahreswechsel 1918/19 entstand aus dem Spartakusbund, dem nochmals extremeren Teil der USPD genannten SPD-Abspaltung, die KPD. Sie offenbarte wenige Tage nach ihrer offiziellen Gründung ihr Verhältnis zu fairen und freien Wahlen eindeutig: Mit dem „Spartakus-Aufstand“ in Berlins Regierungs- und Zeitungsviertel versuchten die von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg angeführten Kommunisten, die ersten allgemeinen, gleichen, freien und geheimen Wahlen der deutschen Geschichte, die Abstimmung zur Zusammensetzung der Nationalversammlung, zu verhindern. Denn sie wussten, dass sie bei einer fairen Abstimmung nie eine Chance haben würden.
Fortan standen die KPD und die SPD (zu der die USPD größtenteils zurückgekehrt war) einander verfeindet gegenüber. Zeitweise bezeichneten die von Stalin ferngesteuerten Kommunisten um Ernst Thälmann die SPD gar als „Sozialfaschisten“. Ein böser Reim machte die Runde: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ In Wirklichkeit hatten SPD-Politiker wie Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann oder Gustav Noske 1918/19 lediglich den Putschismus einer brutalen Minderheit unterbunden.
Die KPD unterminierte weiterhin nach Kräften die erste Demokratie auf deutschem Boden. 1920/21 und 1923 gab es gewaltsame Aufstände, die allesamt niedergeschlagen werden mussten – und die Akzeptanz für pragmatische Politik schwächten.
Ähnlich in der Phase der beginnenden Beruhigung der Weimarer Republik: Bei der Reichspräsidentenwahl 1925 bestand die KPD im zweiten Wahlgang gegen jede Vernunft auf Thälmann als eigenem Kandidaten für das höchste Amt. Die direkte Folge: Der erzreaktionäre frühere Feldmarschall Paul von Hindenburg erhielt drei Prozent mehr als der gemeinsame Kandidat der Demokraten und wurde neues Staatsoberhaupt. Weniger als die Hälfte der für Thälmann abgegebenen Stimmen hätte gereicht, das zu verhindern.
Auch als Anfang der 1930er-Jahre Hitlers Nationalsozialisten immer stärker wurden, ließ die KPD nicht ab von ihrer dauernden Aggression gegen die SPD. Beim BVG-Streik im November 1932 traten Nazis und Kommunisten Seite an Seite sogar gegen die SPD-nahen Gewerkschaften auf. Auf KPD-Seite mitverantwortlich war ein sächselnder Apparatschik ohne jedes Charisma; der Mann hieß Walter Ulbricht.
Trotz dieser Zusammenarbeit schlug die NSDAP, ab Ende Januar 1933 an der Macht, gegen beide Arbeiterparteien mit der gleichen gnadenlosen Härte zu: Allein im größten Land Preußen wurden jeweils zehntausende Kommunisten und Sozialdemokraten verschleppt, gequält, in vielen Fällen auch getötet. Für die Nazis waren sie alle „Marxisten“.
Ohne das Zerbrechen der Arbeiterbewegung in einen moderaten und einen radikalen Flügel hätte es wahrscheinlich nie eine NS-Diktatur in Deutschland gegeben. Offiziell sollte die Vereinigung von SPD und KPD diese Spaltung heilen. Doch in Wirklichkeit ging es dem Regisseur der Veranstaltung, Walter Ulbricht, um die Macht in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) Deutschlands.
Eine Urabstimmung bei den SPD-Mitgliedern konnte nur in den drei westlichen Sektoren Berlins stattfinden: Vier Fünftel der SPD-Mitglieder lehnten einen sofortigen Zusammenschluss mit der KPD ab.
In der SBZ sollten die Gremien der SPD entscheiden. Wie das ablief, berichtete Hermann Kreutzer rund 60 Jahre später. 1924 geboren, war er als Wehrpflichtiger an der Westfront desertiert und hatte sich den Amerikanern ergeben. Im Sommer 1945 kehrte er heim nach Saalfeld und beteiligte sich mit seinem Vater an der Wiedergründung der SPD in Thüringen.
Im Frühjahr 1946 wurden Vater und Sohn Kreutzer zu einem „Festmahl“ mit dem gesamten SPD-Vorstand Thüringens in die sowjetische Kommandantur eingeladen. Hinter jedem Platz an der Tafel stand ein weiterer Stuhl: „Da saßen Offiziere, die darauf achten sollten, dass wir im ,richtigen Moment‘ die Gläser heben. Einmal geprostet, schon war die Vereinigung einstimmig angenommen“, erzählte Hermann. Weil er weiter für eine unabhängige SPD eintrat, wurde er später verhaftet und saß 1949 bis 1956 im Zuchthaus Bautzen.
Gestützt auf so oder ähnlich zustande gekommene Zustimmung wie in Thüringen konnte die Vereinigung am 21. und 22. April 1946 in Ost-Berlin stattfinden. Die neue Organisation bekam den Namen „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED), ihr Symbol wurde der stilisierte Handschlag von Pieck und Grotewohl, den sie am 21. April 1946 noch mehrfach für Kameraleute und Fotografen wiederholten.
Pieck und Grotewohl wurden offiziell Parteivorsitzende der SED, doch klar war stets, wer die Macht in Händen hielt: Walter Ulbricht. Ob der ehemals gewerkschaftsnahe Sozialdemokrat Grotewohl von den Sowjets zum Mitmachen erpresst oder doch eher durch die versprochene Funktion als DDR-Regierungschef gekauft wurde, ist ungeklärt.
Schon wenige Tage nach der Zwangsvereinigung zeigte die neue Parteiorganisation, die in Wirklichkeit auf allen wichtigen Positionen identisch mit der KPD war, ihr wahres Gesicht: Wer der in Ost-Berlin wegen des Viermächte-Status formal weiter existierenden SPD angehörte, bekam massiv Druck von SED-Kadern, den Sowjets und bald auch der politischen Polizei.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt neben dem Nationalsozialismus die SED-Diktatur. Sowohl mit Wolfgang Leonhard wie mit Hermann Kreutzer führte er 2005/06 ausführliche Zeitzeugengespräche.
Source: welt.de