Hoffnung hinaus Aufträge: So soll die Rüstung zum Rettungsanker werden
Andreas Evertz ist zwar Vorstandsvorsitzender des Getriebeherstellers Flender aus Bocholt am Niederrhein, der mit rund zwei Milliarden Euro Jahresumsatz zu den Schwergewichten des deutschen Maschinenbaus gehört – aber er war auch mal Soldat, und zwar Hauptmann bei seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr Ende der Neunzigerjahre. Er kann sich noch gut daran erinnern, dass er in einer Innenstadt mal angespuckt wurde, weil er Uniform trug. Es seien „schwierige Zeiten“ gewesen, sagte er kurz vor dem Start der Hannover Messe in einem Doppelgespräch mit der F.A.Z., an der Seite von Bertram Kawlath, Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA. Anfeindungen gegen einfache Soldaten seien das eine gewesen, aber auch Banken hätten sich bisweilen zurückgehalten, wenn es um die Finanzierung von Projekten mit militärischem Bezug gegangen sei. In der Forschung sei die Stimmung nicht weniger ablehnend gewesen.
Durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine hat sich das Bild komplett gedreht. Heute sagt Evertz: „Das Feindbild ist weg.“ Für den deutschen Maschinenbau, dem es seit Jahren nicht gut geht, soll das eine große Chance sein. Kawlaths konkrete Erwartung lautet so: „Eine Verdoppelung des Umsatzes im Defense-Bereich in den nächsten drei bis fünf Jahren ist für unsere Branche realistisch.“ Gerade erst hat Klaus Rosenfeld, Vorstandschef des Autozulieferers Schaeffler AG, im F.A.Z.-Interview erklärt, wie er mit den neuen Geschäftsfeldern Rüstung und humanoide Robotik in den nächsten Jahren einen Umsatz von drei Milliarden Euro aufbauen will. Kein Wunder, dass die weltgrößte Industriemesse in der niedersächsischen Hauptstadt so viele Rüstungsthemen auf dem Programm hat wie noch nie. An diesem Montag wird Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) auftreten, am Dienstag kommt Armin Papperger, der Vorstandsvorsitzende des Branchenführers Rheinmetall. Alle wollen ein Stück vom großen Kuchen abhaben.
Deprimierende Kennzahlen
Der Maschinenbau hätte es auch bitter nötig, hat er doch in den vergangenen Jahren deutlich an Produktionsvolumen und Umsatz verloren. Das Minus in der Produktion lag 2024 bei acht Prozent, 2025 bei fast fünf Prozent. Die Auslastung liegt aktuell bei gerade mal 77 Prozent – das klingt viel, ist aber im Vergleich mit besseren Jahren besorgniserregend. Auch die jüngsten Auftragseingänge waren rückläufig, und die vom Verband per Umfrage ermittelte Stimmung in den Unternehmen ist im Keller.
Für 2026 rechnet der VDMA gerade mal mit einem Miniwachstum von einem Prozent. Da ist jeder Hoffnungsschimmer recht. Der größte derzeit: üppige Aufträge aus Rüstungsunternehmen infolge der immensen Investitionen in Militärtechnik, national wie international. Kommt es so, könnte die Rüstungsindustrie das wieder reinholen, was der Maschinenbau in der strauchelnden Autoindustrie, seit Langem seine größte Kundenbranche, in den vergangenen Jahren verloren hat. Jedenfalls in den optimistischsten Szenarien.

Der VDMA weiß inzwischen sehr gut, wie die Stimmung in seinen vielen Hundert Mitgliedsunternehmen ist. In einer Mitglieder-Erhebung mit dem knappen Titel „Defense“ nennen 63 Prozent die Verteidigungsindustrie als wichtige oder sogar sehr wichtige künftige Kundenbranche; zwei Drittel beliefern diese schon heute, mit Produktionstechnologie oder Komponenten, auch wenn der damit erzielte Umsatz noch nicht berauschend ist; die Wachstumsphantasien gehen trotzdem so weit, dass mehr als 40 Prozent der Unternehmen schon im Jahr 2026 mit einem Plus im zweistelligen Bereich rechnen. Zumal unliebsame Konkurrenten außen vor bleiben könnten.
Noch fehlen die Kontakte und militärisches Wissen
„Durch den Ausschluss chinesischer Technologien“ entstehe für europäische Zulieferer „ein realistischer Wettbewerb“, heißt es in der Umfrage. Eigentlich sind die Maschinenbauer seit Längerem anderes gewohnt: Unternehmen aus China haben auf fast allen Feldern des Maschinenbaus technologisch enorm aufgeholt, außerdem produzieren sie deutlich günstiger – was ihren deutschen Rivalen, die jahrzehntelang Marktführerschaft gewohnt waren, stark zusetzt.
Allerdings fällt den hiesigen Unternehmen nichts in den Schoß. Vielmehr ist die Liste der Risiken und Schwierigkeiten lang, bevor aus einem – zumeist mittelständischen – deutschen Maschinenbauer ein Lieferant von Rheinmetall, Airbus Defense, Hensoldt, Helsing, Diehl und Co. wird. Genannt wurden in der VDMA-Umfrage unter anderem fehlende Ansprechpartner, Kontakte und Referenzanlagen, die hohen Eintrittsbarrieren sowie regulatorische und bürokratische Anforderungen durch neue Schnittstellen wie BWB (Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung) oder BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle). Ein ebenfalls genanntes Argument: „Viele militärische Normen und Standards sind uns derzeit noch nicht bekannt.“

Kein Wunder, dass VDMA-Präsident Kawlath sagt: „Wir sind kein Rüstungsverband!“ In den Auftragsbüchern jedenfalls sei „die größere Bedeutung der Rüstungsindustrie für uns noch nicht sichtbar angekommen“. Dort müsse aber so oder so kostengünstig und effizient produziert werden, wie in jeder Industrie. „Und der Maschinenbau kann skalieren, hier sehen wir unsere Rolle.“
Die Zertifizierung aber dürfte „ein großes Thema“ werden, sie sei sehr zeitaufwendig und teuer. „Das kann mittelständische Unternehmen überfordern. Wir müssen hier pragmatischere Lösungen finden, als es derzeit der Fall ist.“ Er kann sich noch an seine Arbeit als junger Mann in einer Gießerei erinnern, wo es um die Herstellung von Panzerstahl gegangen sei – die Genehmigung habe fast sieben Jahre in Anspruch genommen. So etwas könne man sich heute nicht mehr leisten.
Mit dynamischem Wachstum könne seine Branche durchaus rechnen – „allerdings wird das den Rückgang der Aufträge aus der Autoindustrie nicht ersetzen“. Es würden viele Bausteine gebraucht für größeres Wachstum im deutschen Maschinenbau. „Defense allein wird uns da nicht rausholen.“
Das sieht Andreas Evertz ähnlich. „Der Bereich Defense wird für uns nicht die rettende Insel für die angeschlagene Autoindustrie sein – also in diesem Sinne kein neuer Volkswagen, sondern eher eine Edelklasse-Manufaktur wie Aston Martin“, sagt der Flender-Chef. „Die Stückzahlen, um die es am Ende gehen wird, lassen sich einfach nicht miteinander vergleichen.“ Gleichwohl seien der VDMA und seine Unternehmen „das Rückgrat der Rüstungsindustrie“. Es gebe „keine Flugzeuge, Fregatten oder Panzer, ohne dass VDMA-Unternehmen involviert sind“. Er sei – zumal als Vorsitzender des neu gegründeten VDMA-Forums Security & Defence, kurz SDI, überrascht, wie viele Unternehmen der Branche für dieses Feld Interesse angemeldet hätten.
Tempo so hoch wie nie
„Wir sind durch Trump und den Ukrainekrieg brutal aufgeweckt worden – und die Unternehmen stehen mehr und mehr dazu, auch im Bereich Defense aktiv zu sein“, sagt er. Für Flender ist das naheliegend, können die Getriebe der Bocholter doch auch in Militärfahrzeugen Verwendung finden – und nicht nur in Windturbinen, einem klassischen Einsatzgebiet von Flender-Produkten. Mit der Produktion eigener Militärtechnik durch Maschinenbauunternehmen sei zwar nicht zu rechnen, die Branche sei nun mal vor allem Lieferant von Komponenten. Andererseits rechnet er mit mehr Kooperationen – und erinnert in diesem Zusammenhang an das Maschinenbau-Schwergewicht Heidelberger Druckmaschinen, das einem Joint Venture zur Herstellung von Drohnen beigetreten ist.
Zuletzt hatte auch Nicola Leibinger-Kammüller, die Vorstandsvorsitzende des Laserspezialisten Trumpf, in einem F.A.Z.-Interview berichtet, warum sich ihr Unternehmen für die Produktion von Waffen geöffnet habe. Es gehe schlicht um die Sicherheit des Landes und somit um Verantwortung, nicht um Profit.
Der deutsche Maschinenbau habe die erforderlichen Kapazitäten und könne „das gefragte Volumen stemmen“, sagt Evertz. Und nicht nur dort sieht er Bewegung: „Trotz aller Hindernisse und Herausforderungen wie etwa die Überregulation und die Komplexität von Zertifizierungsprozessen muss man sagen: Der Wille in der Politik, die Dinge voranzubringen, und das derzeitige Tempo sind so hoch wie nie.“