„Tatort“ aus Freiburg: Reise ans Ende jener Nacht

„Wann geht’s denn endlich los?“ mag man sich beim neuen Freiburger „Tatort“ eine Weile lang fragen. Die Folge „Innere Angelegenheiten“ findet nämlich im Wesentlichen an drei Schauplätzen statt, und es wird viel geredet, doch es geschieht wenig.

Trotzdem ist die Spannung hier wie dort groß: In seinem Büro verhört Kommissar Friedemann Berg zu später Stunde einen Mann mit Migrationshintergrund, der einen anderen in einem Club erschlagen haben soll. Den Club wiederum können einige Gäste, darunter der Bruder des Verdächtigen, nicht verlassen, weil draußen eine Rockermeute Selbstjustiz verüben will, schließlich gehörte der Tote zu ihnen.

Unter der düsteren Hochstraßenbrücke

Und dann ist da noch eine düstere Hochstraßenbrücke, unter der sechs Bereitschaftspolizisten ihren Mannschaftswagen geparkt haben. Zuvor fuhren sie mit betretenen Gesichtern durch die Nacht, vermieden Blickkontakte untereinander, schwiegen gequält. Sie wurden in den Club gerufen, in dem es bereits Querelen gab, ehe die Schlägerei mit tödlichem Ausgang ausbrach. Was war eigentlich los? Und was passierte danach?

Alles bleibt lange in der Schwebe, und die balanciert der Regisseur Robert Thalheim nach dem Drehbuch von Bernd Lange meisterlich aus. Selbstverständlich wollen sie zeigen, wer hinter dem Mord steckt, oder war es Notwehr? Totschlag? Allerdings erzählen sie die Geschichte quasi in Echtzeit. Die Zuschauer müssen ebenso viel Geduld aufbringen wie die ermittelnden Beamten. Aber es empfiehlt sich unbedingt, diese komplex angelegte Tour inklusive ihrer Hürden mitzumachen.

Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) verhört den Verdächtigen Ramin Taremi (Omid Memar).
Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) verhört den Verdächtigen Ramin Taremi (Omid Memar).SWR/Benoît Linder

Die Darsteller sind dabei, jeweils auf ihre Art, höchst sehenswerte Reiseführer in soziale Grauzonen: Die von Eva Löbau betont kühl und sachlich gezeichnete Kommissarin Franziska Tobler räumt gerade das Haus des verstorbenen Vaters aus, da ruft sie – Einsatz! – ihr Kollege Berg an. Den lässt Hans-Jochen Wagner als bei aller routinierten Gefasstheit ungeduldig-neugierigen Haudegen die zahllosen Halbwahrheiten abklopfen. Bloß was ist die ganze Wahrheit? Während die Kommissare recherchieren, verstecken sich die Bereitschaftspolizisten – bis auf den Dienstältesten lauter junge Leute – unter der Brücke, einem urbanen Unort, der nichts Gutes verheißt.

Dank des Kameramanns Andreas Schäfauer wirkt er wie das finsterste Areal in einem sehr finsteren Freiburg. Irgendetwas ist vorgefallen, das alle verschweigen wollen. Also behelfen sich die sechs mit Lügen, doch zugleich fragen sie sich als Polizisten: Wollen wir tatsächlich Beweismaterial vernichten? Und was, wenn unsretwegen ein Unschuldiger für Jahre ins Gefängnis muss? Mit diversen Argumenten suchen sie in einem wilden, mitunter gehässigen Diskurs eine konsensfähige Lösung.

Robert Thalheim und sein eindringlich aufspielendes Ensemble um Andreas Anke als resolut-grimmiger Dienstältester gestalten aus wechselnden Perspektiven eine fesselnde, hellwache Pingpong-Tragödie mit fluiden Allianzen. Themen sind nicht nur Schuld und Unschuld oder Gesetz und Willkür, sondern überdies Gewissen, Korpsgeist und Karriere. Oder Alltagsrassismus.

Warum soll der Hauptverdächtige Taremi Details aus dem Club berichten, wenn er sich wegen seiner Vorstrafen als Intensivtäter und seiner iranischen Wurzeln ohnedies keine Gerechtigkeit verspricht? Ein Polizist mit Migrationshintergrund kennt Taremi aus seinem Viertel. Was werden die Leute aus der Community, die ihn wegen seiner Uniform jetzt schon anspucken, erst sagen, wenn er „einen der ihren“ ins Gefängnis gebracht hat? Auch einige seiner Kollegen haben migrantische Hintergründe und noch andere Probleme.

Wie auf einer Drehbühne bei einem Theaterstück frei nach der Dramaturgie des Aristoteles mit der Einheit von Raum, Zeit, Handlung werden schrittweise die Ereignisse geklärt: Im Büro, wo Berg unermüdlich und empathisch verhört, unter der Brücke, wo sich alle wütend misstrauen, und im Club, wo Tobler nie die Nerven verliert. Dort wird am Schluss das Geschehen bei einem szenischen Ortstermin nachgestellt – und dann geht die Sonne auf. Während die Stadt frühstückt, beenden die Kommissare ihre harte Nachtschicht. In dieser raffiniert erzählten, packend unspektakulären Folge haben sie ihre Arbeit richtig gut gemacht.

Der Tatort: Innere Angelegenheiten läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Source: faz.net