Frisuren in welcher Kulturgeschichte: Einmal tief ins volle Haar gegriffen

Warum trug Frankreichs „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. eigentlich eine mächtige, bis weit über die Schultern hinabwallende Lockenperücke? Er kaschierte damit seinen schon in jungen Jahren einsetzenden Haarausfall, und zugleich steigerte diese von ihm selbst bei Hofe eingeführte Mode seine imposante barocke Erscheinung. Die Höflinge folgten schmeichlerisch seinem Vorbild und drückten so Nähe zur Macht aus. Haar kann also als Statussymbol herhalten und Hierarchien sichtbar machen.

Auch der weibliche Adel orientierte sich tunlichst an königlichen Köpfen, mochten die turmartigen Gebilde, die Marie Antoinettes Hoffriseur kreiert hatte, noch so alltagsuntauglich sein. Doch Damen wie jene Schöne in lachsfarbener Seide am Spinett, die der ältere Johann Baptist Lampi in den Achtzigerjahren des 18. Jahrhunderts porträtierte, konnten schließlich viel Zeit für ihr Äußeres erübrigen.

Zwar wirkt ihre mächtige Hochfrisur hübsch gepflegt, aber wie es im Innern solcher Abstrusitäten zugehen konnte, beschreibt zur selben Zeit Louis Sébastien Mercier höchst anschaulich in seinem kritisch-ironischen Reportagewerk „Tableau de Paris“: „Abgesehen von falschen Haaren, gehört zu dieser Art Frisur ein enormer, mit Seegras gestopfter falscher Dutt und ein ganzer Wald von langen Nadeln, deren scharfe Spitzen auf die Kopfhaut zielen“, auch von alsbald ranzig werdenden Pomaden schreibt er, von Entzündungen sowie Läusebefall und Kratzstäbchen, mit denen „allzu starkes Jucken“ beruhigt wurde. Nicht einmal im Bett lege man diese „Poufs“ ab, sondern erst, wenn sie „vom widerlichen Schmutz, der sich unter diesem brillanten Diadem aus Haaren angesammelt hat, zerfressen“ seien. Wer schön sein will, muss leiden. Ob es im alten Ägypten hygienischer zuging? Jedenfalls trug man das eigene Haar unter den Ponyperücken, wie sie die Kalksteinskulptur eines hochrangigen Paares der Zeit um 1200 v. Chr. zeigt, meist kurz geschnitten.

Nietzsches Seehundschnauzer als Markenzeichen

Dies ist das älteste Exponat der großartigen, Kopf- und Körperbewuchs gewidmeten Ausstellung in der Kunsthalle München, die, von Juliane Au und Roger Diederen kuratiert, einen dankbaren Erzählstoff ohne kahle Stellen kultur- und kunsthistorisch durch 3000 Jahre verfolgt. In viele Kapitel unterteilt, sieht man Haar in Machtverhältnissen gespiegelt und als politisches Statement eingesetzt, ins launenhafte Spiel von Moden und Schönheitskult verwickelt, in diversen Rollen in Mythos und Religion, an erotischem Versprechen und Verhängnis beteiligt, als Wirtschaftsfaktor oder auch Objekt nüchterner Wissenschaft. Haar kann wie ein Markenzeichen wirken, der dicke Seehundschnauzer Nietzsches zum Beispiel: Max Klinger verewigte ihn an seiner Büste des Philosophen.

Retrospektives Haar: Ernst Julius Haehnels Büste von Gottfried Wilhelm Leibniz zitiert 1881 bewusst die Allongeperücken des Barock als bewegtes Beiwerk
Retrospektives Haar: Ernst Julius Haehnels Büste von Gottfried Wilhelm Leibniz zitiert 1881 bewusst die Allongeperücken des Barock als bewegtes Beiwerk

Dann wieder dokumentiert es Gruppenzugehörigkeit, etwa zu Religionsgemeinschaften; Mario Testino fotografierte einen hinduistischen Sadhu, der als Zeichen asketischer Lebensweise bodenlange Dreadlocks trägt. Auch Samson durfte als Gottgeweihter nie das Schermesser an sich heranlassen, ein Gemälde Luca Giordanos zeigt, wie die bestechliche Delila dem schlafenden Geliebten das Haar kürzt, wodurch er seine legendäre Stärke einbüßt. Wie liebevoll dagegen die heilige Verena, die auf einem Gemälde des 16. Jahrhunderts einem Schwerkranken die Haare wäscht; neben dieser Samariterin zeigt ein Helfer ihr Attribut, den Doppelkamm, ganz so wie 1930 der Friseur aus August Sanders Fotoreihe „Menschen des 20. Jahrhunderts“ sein Rasiermesser präsentiert. Wertvolle gravierte Schildpattkämme, ein elfenbeinerner Bartkamm zum Ausklappen und hübsche Rasierschalen illustrieren das Friseur- und Barbierhandwerk von einst. Doch wer zum Bader ging, musste noch übers Mittelalter hinaus schon mal allen Mut zusammennehmen. Denn in Doppelfunktion rückte dieser Berufsstand seiner Klientel auch in schmuddeligem Ambiente rustikal medizinisch mit Zähneziehen und Aderlass zu Leibe.

„Sisi! Franz!“ Eberhard Riegeles Bildnis Elisabeths von Österreich  bestrickt vor allem durch die ausladende Frisur der Kaiserin
„Sisi! Franz!“ Eberhard Riegeles Bildnis Elisabeths von Österreich  bestrickt vor allem durch die ausladende Frisur der KaiserinThurn und Taxis Kunstsammlungen

Dass abgeschnittenes Haar zu schade für die Tonne ist, findet nicht nur der exzentrische Haarkünstler Charlie Le Mindu, der daraus Kleider für Celebritys wie Lady Gaga schuf; im Ersten Weltkrieg rief auch die Rüstungsindustrie zu Haarspenden auf für die Herstellung von Treibriemen und Filzdichtungen. Starken Haarwuchs mit Fell zu assoziieren und daraus folgend mit animalischer Triebhaftigkeit und niedrigem Intelligenzquotienten gipfelt in mythologische Geschöpfe wie den mit tierhaften Zügen ausgestatteten Satyrn und Silenen, die zu Trunksucht neigen und den Nymphen nachstellen. Haar betrifft jeden. Kein Haar zu haben kann ein Problem sein, zu viel davon aber auch. Menschen mit Hypertrichose, genetisch bedingter übermäßiger Ganzkörperbehaarung, landeten als lebendes Inventar in Wunderkammern, oder sie tingelten als Jahrmarktsattraktionen herum wie Barbara van Beck, deren um 1650 gemaltes Konterfei ihr Gesicht hinter dichtem Bewuchs allenfalls ahnen lässt.

Von Simonetta Vespucci bis zur Medusa

Unabhängig von Frisurmoden galt und gilt in den meisten Kulturen langes, dichtes, glänzendes Haar als Attribut weiblicher Schönheit. Selbst wenn Sandro Botticelli etwas übertrieben haben mag mit der Haarpracht, die er dem Profil einer jungen Frau hinmalt, steigert just der Kontrast zwischen kompliziert geordneten Locken, perlenbesetzten Zöpfen und ein paar ungezähmten Strähnchen die Attraktivität dieser Bellezza, hinter der man Simonetta Vespucci, die schönste Florentinerin ihrer Zeit, vermutet. Wird jedoch prachtvolles Haar im übertragenen Sinn zum „Fangnetz“ vermeintlich wehrloser Männlichkeit, war wohl eine verführerische Femme fatal am Werk, zu schweigen vom schlangenbewachsenen Medusenhaupt, das anzusehen den Tod brachte.

Das jüngste Ausstellungsstück, Anja Kuzmics Aquarellporträt von Cole Escola, feiert die erste nichtbinäre Person, die 2025 einen Tony Award als bester Schauspieler gewann. Bei der Verleihung trug Escola eine Hochsteckfrisur, die mit dem lockigen Brusthaar im tiefen Abendkleiddekolleté kontrastierte. Solch normensprengende Genderperformances, die Kombinationen und Wechselspiele mit weiblich und männlich konnotierten Merkmalen inszenieren, behandelt das Kapitel „Haar und Geschlecht“; desgleichen sexuelle Selbstbestimmtheit, wie Valie Export sie 1969 in ihrer provokant ausgeschnittenen „Aktionshose: Genitalpanik“ postulierte. Damals brachte Haar Protest zum Ausdruck, bei den Hippies gegen den Krieg, bei Punks gegen Spießertum, der „Afro“ bei Afroamerikanern gegen Rassismus. Ebenfalls in Richtung Black Power zielt heute die ivorische Künstlerin Laetitia Ky, wenn sie ihr Haar mit Extensions und Draht zu Boxhandschuhen ausbaut. Hochgefährlich wäre so ein Kopfputz in Iran, wo Frauen, die mit unbedecktem Haar rebellierend Rechte einfordern, Haft und Tod riskieren.

Haar – Macht – Lust. Kunsthalle München; bis 4. Oktober. Ab 14. November im Augustinermuseum Freiburg. Der Katalog im Hirmer Verlag kostet 45 Euro.

Source: faz.net