Regime vor dem Kollaps?: Trump ist nicht schuld an Kubas Elend

Die Yankees können diese Revolution nie zerstören“, sagte Fidel Castro 1989. Das ganze Volk habe gelernt, mit Waffen umzugehen, und werde es niemals zulassen, zur Kolonie der Amerikaner zu werden. Kuba feierte damals den 30. Jahrestag der Revolution, die die Insel dem Einflussbereich Washingtons entrissen und zum wichtigsten Außenposten der Sowjetunion gemacht hatte. Diese Woche wurde der 65. Jahrestag begangen. Auch nach Fidel Castros Tod sind seine Ideologie und Strukturen noch da. Ist es an der Zeit, das Regime in Rente zu schicken, wie es US-Präsident Donald Trump fordert, mit Drohungen unterlegt?
1989 fiel die Berliner Mauer, die Weltordnung des Kalten Krieges geriet ins Wanken. Rückblickend stellte sich schon damals weniger die Frage, ob Castros Revolution einem Angriff aus Washington militärisch standhalten könnte, als ob sie innenpolitisch, wirtschaftlich und moralisch auf Dauer überhaupt noch tragen würde.
Projektionsfläche linker Romantiker
Doch das Regime in Havanna erwies sich als widerstandsfähig. Während die Sowjetunion zerfiel, hielt Kuba am Kommunismus fest und wurde zur Projektionsfläche linker Romantiker, deren antiamerikanische Rhetorik bis weit ins politische Establishment hinein Resonanz fand.
Verwiesen wurde auf ein Bildungs- und Gesundheitswesen, das vielen Ländern der Region überlegen war, und auf das amerikanische Embargo, das Kubas Entwicklung über Jahrzehnte lähmte. Washington lieferte Havanna den äußeren Feind, auf den sich die eigenen Versäumnisse abladen ließen, und nährte den Mythos der kleinen Nation, die den „Imperialisten“ im Norden trotzt.
Das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte beginnt mit einer politischen Entscheidung, die Fidel Castro schon kurz nach der Revolution traf, als er die Idee verwarf, die neue Ordnung dem Volk zur Bestätigung vorzulegen. Stattdessen wurde sie institutionell abgesichert.
Immer noch hält ein Castro die Hebel des Machtapparats in der Hand
Die Macht konzentrierte sich im Staats- und Parteiapparat, Widerspruch wurde kriminalisiert. So entstand jener autoritäre Staatsapparat, der Fidel Castro die Macht sicherte und dessen Hebel bis heute in den Händen seines Bruders Raúl und dessen Umfeld liegen. Die Kubaner hatten darüber nie eine Wahl.
Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wurde der Antiimperialismus zum politischen Ersatzprogramm. Der Wegfall der Subventionen aus Moskau stürzte das Land in eine tiefe Krise. Erst ein Jahrzehnt später, als Hugo Chávez in Venezuela an die Macht kam und Kuba mit Erdöl versorgte, wurde diese Lücke teilweise geschlossen. Doch die Hilfe aus Caracas ersetzte keine Reformen, sondern verschaffte dem Regime nur Zeit.
Darin liegt der Kern der heutigen Krise. Das Regime in Havanna hat sich über Jahrzehnte behauptet, aber nie grundlegend verändert. Weil es intern nie ernsthaft herausgefordert wurde, musste es seine Fehler nicht korrigieren, sondern nur verwalten. Es verlangte Opfer und Loyalität, konnte aber immer weniger Perspektiven bieten. An die Stelle von Legitimität traten Kontrolle, Repression und revolutionäres Pathos.
Kontrolle, Repression und Pathos reichen nicht mehr aus
Seit diesem Jahr reicht das nicht mehr aus. Die Energieblockade Washingtons hat die Not vertieft und die Erschöpfung greifbar gemacht. Die revolutionäre Vergangenheit liefert keine Antworten mehr, wenn die Gegenwart von Stromausfällen, Mangel und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Ein Regime, das seine Bevölkerung nicht mehr ausreichend versorgt, kann nicht auf Dauer deren politische Unterordnung verlangen.
Die Revolution droht deshalb nicht daran zu scheitern, dass die Yankees sie zerstören, wie Fidel Castro 1989 beschwor. Das Embargo hat Kuba geschadet, Trump setzt dem Land zusätzlich zu. Aber die historische Entscheidung, Macht zu monopolisieren und Widerspruch zu unterdrücken, hat dieser Krise über Jahrzehnte den Boden bereitet. Sichtbar wird heute nicht nur äußerer Druck, sondern das Ergebnis jahrzehntelangen inneren Stillstands.
Donald Trump hat diese Schwäche erkannt. Sein Druck auf Kuba ist eine Wette auf die innere Brüchigkeit des Systems. Wenn das Regime nur noch von Repression, Gewohnheit und revolutionärer Selbstbeschwörung zusammengehalten wird, könnte ein zusätzlicher Stoß von außen genügen, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen, so Washingtons Kalkül.
Ganz so einfach ist es nicht. Das kubanische Regime hat Krisen überlebt, die viele schon als sein Ende deuteten. Es verfügt über Sicherheitsapparate, soziale Kontrolle und eine politische Kultur, in der Unzufriedenheit nicht automatisch in organisierten Widerstand umschlägt. Viele Kubaner würden jede Öffnung begrüßen, die ihr Leben konkret verbessert. Ebenso groß wäre aber die Sorge vor Chaos, Instabilität und einer Zukunft, in der Kuba zwar nicht mehr von einer kommunistischen Elite beherrscht wird, dafür aber in neue Abhängigkeiten gerät. Gerade weil die Revolution auch reale soziale Errungenschaften hervorgebracht hat, wäre ihr mögliches Ende nicht automatisch der Beginn einer heilen Ordnung, sondern zunächst eine Phase großer Ungewissheit.
Source: faz.net