„Der fette Staat versagt in welcher Krise“ – Hönes klare Ansage an die Politik

NRW-Landeschef Henning Höne will die deutschen Freidemokraten in eine neue Zukunft führen. In Konkurrenz mit dem 74-jährigen Wolfgang Kubicki setzt der 39-Jährige auf einen stramm-traditionellen FDP-Kurs.

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Liberaler geht’s wohl nicht: Kaum hatte Wolfgang Kubicki angekündigt, er werde gegen Henning Höne um den FDP-Bundesvorsitz konkurrieren, jubelte Höne. Wettbewerb sei immer gut, er freue sich über den Gegenkandidaten. Freude über die womöglich erste heftige Niederlage seiner Karriere? Das ist wahrhaft freidemokratisch – so, wie Höne insgesamt wie die Fleisch gewordene FDP wirkt. Sein Bildungsweg erinnert an eine Stellenausschreibung der Jungen Liberalen: Industriekaufmann, BWL-Studium, Schwerpunkt Marketing, Auslandsaufenthalte in den USA, an denen er Optimismus und Freiheitsgeist liebte. Dass er ein urliberales Gewächs ist, belegt auch sein Parteiaufstieg: jüngster FDP-Kreisvorsitzender, jüngster Landtagsabgeordneter, jüngster Fraktionschef in NRW – bis auf einen, der noch jünger war: Christian Lindner.

Mit diesem mustergültig liberalen Werdegang bewirbt Höne sich nun als das kommende Gesicht der deutschen Freidemokratie. Auf dem Bundesparteitag am 30. Mai wird sich der Vorsitzende von Fraktion und Partei in NRW zur Wahl stellen – gegen FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki. Fragt sich nur, ob Höne nicht zu traditionell, zu mustergültig liberal ist, um in dieser Konkurrenz zu siegen.

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Denn auch die programmatische Ausrichtung des 39-Jährigen zeugt von stramm-liberaler Traditionsverhaftung, wie er im Gespräch mit WELT verdeutlicht – während sein populärer 74-jähriger Kontrahent der FDP neue Akzente und begrenzte Traditionsbrüche empfiehlt – im Stil, aber auch bei Themen wie Migration und Meinungsfreiheit. Jung und traditionell gegen alt und aufmüpfig sozusagen.

Seinen inhaltlichen Traditionalismus beweist Höne bereits mit dem Feindbild des „fetten Staates“, das er so hingebungsvoll pflegt. Neu ist am Schreckgespenst des fetten Staates nichts. Schon in den 1990er-Jahren machte es in der FDP die Runde. Aber immerhin: Höne versteht sich darauf, dieses Feindbild der luftabschnürend-lähmenden Staats-Krake mit ihren tausend Tentakeln zu beschwören.

Und ob man dieses Feindbild nun teilt oder nicht, Höne weiß, wie man es im Alltag der Bürger andockt – zum Beispiel als in einigen NRW-Städten morgens Glatteis zu erwarten war und daraufhin landesweit alle Schulen geschlossen blieben. Da schimpfte Höne den Betroffenen aus dem Herzen: „Wenn ein bisschen Schnee und Glatteis kommt, dann stellt als Erstes der Staat den Betrieb ein: Bürgerbüro zu, Bahn fährt nicht, Schulen geschlossen.“ Dieser Staat versage in der Krise, während er im Alltag die „Bürger hemmt und gängelt!“

„Die Lust auf morgen“ – ein alter, zugkräftiger Hut?

In eine lange Tradition reiht Höne sich auch mit seinem Versuch ein, die Kraft der Zuversicht an die FDP zu binden. So ergeht Höne sich geradezu in Fortschritts-Verheißungen, ob er Chancen der Kernfusion und künftiger Smartphones, der Biotechnologie für die Landwirtschaft oder der KI für Schule und Krebsbekämpfung preist. Passioniert wirbt er für „die Lust auf morgen“ – und knüpft dabei an die nicht gerade taufrische Rhetorik des Freiburger Programms von 1971 an.

Immerhin: Anno 2026, während alle Umfragen den Deutschen eine Es-geht-bergab-Stimmung diagnostizieren, zeugt diese Zuversicht von Mut. Denn natürlich weiß Höne nicht, ob die Bürger sich nach solch forciertem Optimismus sehnen oder ihn als befremdlich realitätsfern abtun.

Auch Hönes inhaltliche Schwerpunkte stehen in urliberaler Kontinuität – vor allem das ewige Duo Wirtschaft und Bildung. Geht es um die Entfesselung von Marktkräften, ist der studierte BWLer mit ganzer Seele dabei. Dann spitzt er zu, will anecken und empören – wohl wissend, dass Antipathien bei 80 Prozent ein fairer Preis sind, um Sympathien bei 20 Prozent zu wecken. Geradezu lustvoll schockiert er dann SPD, Grüne und Teile der CDU, wenn er die Erbschaftssteuer streichen oder milliardenschwere Experimente mit grünem Strom eindampfen will, ja, wenn er sogar den Gott-sei-bei-uns des Establishments, „den Kapitalismus“ besingt.

Bei diesen Themen verwandelt sich der sonst eher bedächtige Redner in einen rhetorischen Alleinunterhalter, lacht breit, schaut gewitzt, sticht lustvoll Löcher in die Luft und lässt die Abgeordneten von Grün bis Schwarz stöhnen. Natürlich ist Marktwirtschaft der älteste aller liberalen Hüte – aber, da hat Höne recht, wenn die FDP aktuell denn ein glaubwürdiges Alleinstellungsmerkmal besitzt, dann hier.

Anders steht es um die Bildung. Die rangiert spätestens seit dem Freiburger Programm oben auf der liberalen To-do-Liste. Und seit 15 Jahren fordert die FDP auch in NRW „beste Bildung“ für alle – allerdings genauso wie alle anderen Parteien. Zudem liegt wenig Verheißung darauf, wenn Höne „beste Bildung“ fordert. Denn in NRW haben auch FDP-Minister für Kita und Schule wenig an den Nöten in Kita und Schule geändert. Andererseits: Wer könnte angesichts der Mängel deutscher Bildungseinrichtungen vor die Wähler treten, ohne an dieser Front vollen Einsatz zu versprechen?

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Eine letzte Kontinuität: Regelmäßig beteuert Höne im Genscher-Ton, die FDP dürfe keinem Lager zugehören, sie sei „nicht rechts und nicht links, sondern liberal“. Dazu passend grenzte er sich nach der verlorenen Bundestagswahl 2025 behutsam von Lindners Versuch ab, im Wahlkampf mit rechtsliberal-migrationskritischen Tönen AfD und Union Stimmen abzujagen. Zwar lehnt auch Kubicki die Zuordnung zu einem Lager ab, dennoch nuanciert er ganz anders: Viel häufiger und ausführlicher als Höne warnt er seine Partei vor einem „linksliberalen Kurs“ oder spießt vermeintlich „sozialistische“ Tendenzen bei allen anderen Parteien auf.

Zudem hat Kubicki Lindners damaligen Wahlkampfkurs mitkonzipiert und empfiehlt ihn noch heute: Die FDP habe bei der Bundestagswahl 2025 rund 2,2 Millionen Stimmen an Union und AfD verloren, an SPD, Grüne oder Linke aber nur 360.000. Darauf müsse man reagieren. Thematisch – und im Ton. Kubicki will, wie er freimütig einräumt, nicht nur Wähler der CDU, sondern auch der AfD betören. Höne dagegen vermeidet jede Erwähnung der AfD. Gegenüber WELT fand er sich nur zu der vagen Zielbestimmung bereit, er wolle „ehemalige Wählerinnen und Wähler zur FDP zurückzuholen“. Das Wort „AfD“ nimmt er nicht in den Mund.

Schon daraus erwachsen bedeutsame Unterschiede zwischen den beiden Liberalen. Für Kubicki sind Migrationsprobleme, Gefährdung der Meinungsfreiheit und Aufarbeitung der Corona-Jahre vorrangige Themen – die er nicht nur beherzter, sondern auch früher als Höne aufgriff.

So warnt Kubicki unablässig vor „Angriffen auf die freie Rede“ durch Trusted Flagger, Meldestellen oder Staatsanwaltschaften im Einsatz gegen „Hass-Kriminalität“ und Politiker-Beleidigung. Angesichts von Umfragen, nach denen rund 50 Prozent der Bevölkerung die Meinungsfreiheit als stark eingeschränkt wahrnehmen, hat Kubicki damit ein Ass im Ärmel. Auch Höne geht da ein Stück weit mit. So möchte auch er den Paragrafen zur Politiker-Beleidigung streichen, weil dieser die Meinungsfreiheit unzulässig einschränke.

Nur warnt er zugleich vor einem weitgehenden Verzicht auf Rechtsdurchsetzung im Internet. Den könne eine Rechtsstaatspartei wie die FDP nicht hinnehmen. Bei der Verfolgung schwerer Straftaten im Netz fordert er daher nicht weniger, sondern mehr Eifer. Auf unterschiedlichen Seiten stehen die beiden daher auch bei der Umsetzung des „Digital Services Act“ der EU, der große Online‑Plattformen verpflichtet, illegale (laut Kritikern aber nicht nur illegale) Inhalte effektiver zu bekämpfen.

Differenziert über Zuwanderung

Auch in der Migrationsfrage scheut Höne den Bruch mit der traditionellen FDP-Linie. Gewiss, der Westfale verteidigt einen Kurs des konsequenten Abschiebens und verkündet: „Wer Menschen am Hauptbahnhof belästigt, Behörden an der Nase herumführt und den Sozialstaat ausnutzt, hat die unzähligen Chancen, die unser Land bietet, nicht verdient.“ Zugleich aber betont er die prinzipielle Zuwanderungsfreundlichkeit seiner Partei und rühmt die „überwältigende Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund, die hier lebt“, als „Freunde, Nachbarn, Kollegen, Unternehmer“ und „Menschen, die schon lange eine Bereicherung sind“. Da hat er auch keine Scheu, den Begriff „Bereicherung“ zu verwenden, obgleich dieser rechts der Mitte weithin zur ironischen Bezeichnung einer gerade nicht bereichernden Zuwanderung degeneriert ist.

Kubicki hingegen erhebt rhetorische Zuspitzung und Bereitschaft zum Unkorrekten zur Tugend einer liberalen, außerparlamentarischen Opposition. Eine solche müsse sich mit scharfen Kanten und Klartext profilieren, nicht mit Brückenbau und Koalitionssprech. Höne betont stattdessen, die Partei brauche „beides – die Fähigkeit zum Brücken-Schlagen und die zur scharfkantigen Profilierung“. Zudem definiert Höne scharfe Rhetorik anders als Kubicki. Von Hönes Unterstützern heißt es, wer Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach als „Spacken“ beschimpfe und immer wieder mal rhetorisch entgleise, diskreditiere eines der wichtigsten Versprechen der FDP: das auf seriöse Politik. Wer aber sagt, dass die alten Versprechen die FDP in der neuen Zeit noch über fünf Prozent hieven?

Source: welt.de