Meloni und jener Irankrieg: Warum die „Trump-Flüsterin“ ihren Kurs geändert hat

Der Kampagnenauftritt vom amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance mit Orbán in Budapest fünf Tage vor der Wahl, einschließlich Telefonbotschaft Trumps, war ein Danaergeschenk für den ohnedies angeschlagenen Gastgeber. Wenig spricht dafür, dass sich die Lage bis zu den italienischen Parlamentswahlen im Herbst 2027 ändern wird. Und die will Meloni mit ihrer rechtskonservativen Partei Brüder Italiens gewinnen.
Hinzu kamen die Angriffe Trumps gegen Papst Leo XIV. Der kritisierte am Montag seinen Landsmann im Vatikan als „sehr schwach“. Die Außenpolitik des Papstes, namentlich dessen eindringliche Friedensappelle zu und nach Ostern, geißelte Trump als „schrecklich“. Meloni wies tags darauf die Kritik Trumps am Papst als „inakzeptabel“ zurück. Es sei richtig, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche zum Frieden aufrufe und jede Form von Krieg verurteile, sagte Meloni.
Nähe zum Papst ist für jeden italienischen Politiker wichtig
Das war doppelt klug gesprochen. Erstens war es für die „Trump-Flüsterin“ Meloni der opportune Schritt, sich vom Präsidenten zu distanzieren: Knapp vier Fünftel der Italiener zeigen sich laut jüngsten Umfragen besorgt über den Krieg der USA und Israels in Iran. Zweitens ist die Nähe zum Papst für italienische Politiker jeder Couleur angezeigt: Das katholisch geprägte Italien ist das „Heimatland“ des Vatikans und der Papst ist zudem Bischof von Rom.
Die Reaktion Trumps auf Meloni ließ nicht lange auf sich warten. In einem (telefonischen) Kurzinterview mit dem „Corriere della Sera“ zeigte sich der Präsident „schockiert“ über Meloni. „Ich dachte, sie hätte Mut. Ich habe mich geirrt“, sagte Trump: „Sie ist ganz anders, als ich dachte.“ Melonis Kritik sei ihrerseits „inakzeptabel“, denn es sei ihr – wie dem Papst – „egal, ob Iran eine Atomwaffe hat“.
Noch am Dienstag verteidigte Meloni ihre Kritik an Trump, zu dessen engsten Verbündeten in der EU sie bisher gehört hatte. Bei der Weinmesse „Vinitaly“ in Verona sagte sie: „Wenn man mit einem Verbündeten nicht übereinstimmt, muss man das auch sagen. Ich würde mich in einem Land nicht wohlfühlen, in dem religiöse Führer das tun, was politische Führer ihnen sagen.“
Verteidigungsabkommen mit Israel ausgesetzt
In Verona teilte Meloni auch mit, dass Italien die automatische Verlängerung eines 2006 geschlossenen Verteidigungsabkommens mit Israel aussetzt. Der Vertrag sieht den Austausch militärischer Ausrüstung und technologischer Erkenntnisse vor. Er wurde bisher alle fünf Jahre verlängert, dies werde „angesichts der aktuellen Lage“ nun nicht geschehen, sagte Meloni am Dienstag. Von israelischer Seite wurde die Bedeutung der Entscheidung und des Militärabkommens insgesamt heruntergespielt.
Zuletzt wurden die Beziehungen zwischen Italien und Israel wegen der anhaltenden israelischen Offensive in Libanon belastet, weil dabei auch Einrichtungen und Fahrzeuge der UN-Truppe UNIFIL getroffen wurden. Italien stellt mit derzeit gut 750 Soldaten das größte nationale Kontingent der UNIFIL und kommandiert zudem den westlichen Sektor des UNIFIL-Einsatzgebiets.
Der italienische Außenminister kritisierte bei einem Besuch in Beirut am Montag die israelischen Angriffe auf Zivilisten als „inakzeptabel“. Daraufhin wurde Roms Botschafter in Jerusalem ins israelische Außenministerium einbestellt.
Beziehung zu Trump und Netanjahu lange aufrechterhalten
Die jüngste Eskalation zwischen Italien und den USA sowie Israel wegen des Irankriegs ist der vorläufige Höhepunkt einer graduellen Zuspitzung. Zunächst hatte sich Rom mit Kritik an Washington und Jerusalem zurückgehalten, eine militärische Beteiligung Italiens an dem Waffengang aber ausgeschlossen.
Meloni versuchte sich weiter als Brückenbauerin zwischen europäischer und atlantischer Flanke der NATO, jedoch im Einklang mit den EU-Partnern. Die Beziehungen zu den politischen Verbündeten Trump und Netanjahu versuchte sie intakt zu halten. Als Italien Ende März den Luftwaffenstützpunkt Sigonella auf Sizilien für US-Flugzeuge sperrte, wurde dies noch als eine Art prozedurales Missverständnis während des Anflugs beschrieben.
Nun gibt es einen offenen Dissens, ja Streit. Dieser wurde von Trumps Papstschelte zwar nicht ausgelöst, aber dadurch verschärft. Für ihre kritische Haltung gegenüber dem Weißen Haus wird Meloni jetzt sogar von der heimischen Opposition gelobt. Die Mehrheit der Bevölkerung weiß sie ohnedies hinter sich. Ob das Tischtuch zwischen Meloni und Trump endgültig zerschnitten ist, muss sich zeigen.
Source: faz.net