Und dieser Mensch heißt Mensch: Oben Justin Biebers Sensationsauftritt beim Coachella
Natürlich habe ich den Auftritt von Justin Bieber nicht in Gänze gesehen. Nicht im Fernsehen. Nicht live. Nur unzählige Clips auf Instagram. Und damit fängt die Gesamterzählung dieses herausragenden Popmoments schon an. Denn auf dem Coachella Festival, dem wichtigsten Musikfestival der USA, hat der ehemalige Kinderstar als Headliner den Zeitgeist in den Pop gebracht, wie wirklich lange keiner mehr vor ihm.
Und dass die Algorithmen zu diesem Auftritt gehören, Teil der Crew sind, wie Lichttechniker, ist bereits Bestandteil der Erzählung. So ist meine Für-Dich-Seite voll davon wie sonst nur im Januar mit Ski-Clips. Ich sehe dort Justin Bieber in schwarzen Stiefeln (Loewe), langen Baggy-Shorts (Lu’u Dan). Am Anfang unter Hoodie (Biebers Eigenmarke Skylrk). Ich sehe, wie er an einem kleinen Tisch sitzt auf dem ein Laptop steht, ich sehe die Youtube-Clips, die er damit abspielt. Das virale Video davon, wie der junge Justin vor einem Bart-Simpson-Poster ein Cover singt. Da war er 13.
Oder das Video seiner Single Baby, mit der er zum Superstar wurde. Da war er 15. Ich sehe seine Ehefrau Hailey im Publikum. Frauen, die glücklich und textsicher mitsingen. Ich sehe Feuerwerk. Ich sehe eine Bühne, die wie eine Mischung aus Skateplatz in Los Angeles, Hundenapf und Sofalandschaft aussieht. Reduziert, karg. Bieber muss darauf manchmal bergauf gehen. Allein, wie in einer Welt, die nicht existiert und die nicht existieren muss, weil der moderne Mensch nichts braucht, außer die Bildschirme ringsherum, auf denen das Leben spielt.
Justin Biebers Konzert beim Coachella ist eines der komplexesten Kunstwerke der Festivalgeschichte
Unter diesen Konzert-Clips stehen Kommentare. Zuschauer sind außer sich, manchmal vor Begeisterung, weil sie eines der komplexesten Kunstwerke in der Festivalgeschichte gesehen haben. Manchmal vor Empörung. Das soll das Comeback von Justin Bieber sein? Ein Typ, der über große Teile des Auftritts damit verbringt, Youtube-Videos abzuspielen? Eine Frau aus seiner Branche wäre damit niemals durchgekommen.
Zehn Millionen Dollar soll Bieber für zwei Auftritte an den zwei Festivalwochenenden bekommen haben – ein Gagenrekord soll das sein, und betrachtet man das Ganze mit der guten alten Arbeitsmoral, könnte man schon finden, dass er sich dafür vielleicht hätte etwas mehr anstrengen können. Der Auftritt von Nine Inch Nails beim Coachella war vom Bühnenbild her und auch musikalisch interessanter. Und den Aufwand, den Sabrina Carpenter etwa mit einer Wasserfontäne betreiben hat lassen, wurde dem Publikum, das viel Eintritt gezahlt hat, sicherlich gerechter – wenn es um den Unterhaltungsaspekt geht.
Aber es geht hier um mehr, nämlich um die große Pop-Erzählung. Und die gesamte Aussage. Und das große Einfangen von Zeitgeist, auf diese Art, wie es nur der Pop kann. In Referenzen, Gesten und Kontexten. Und als solchen muss man den Auftritt folgendermaßen lesen.
Als der Musiker ein Jugendstar war, galt der Ausdruck Justin-Bieber-Fan als ein Schimpfwort. Er wuchs zwischen gleichaltrigen und unkontrolliert schreienden Fans auf. Es folgten Ärger mit dem Manager, mit Drogen, mit Paparazzi, und aus dem jungen Star wurde ein öffentlich diskutiertes Sorgenkind.
Konzert wie ein Reaction-Video
2022 hatte er aus gesundheitlichen Gründen seine Tour abgebrochen, danach machte sich das Internet Sorgen, weil Bieber mit seinen Freunden kiffte oder Kajaken ging, in der Schweiz in einem eher unluxuriösen Gasthof weilte, oder im Internet über Gott oder falsche Freunde schrieb. Doch man braucht diesen ganzen Klatschquatsch gar nicht, um gerührt zu sein, wenn Justin Bieber, nun 32-jährig, da steht und ein Duett mit seinem 13-jährigen Ich singt. Zu ihm auf dem Bildschirm sieht, während die erwachsene Stimme mit der Kinderstimme harmonisiert, das ersetzt vermutlich diverse Therapiestunden. Bieber singt sich frei.
Dass er keine große Choreografie tanzt, dass er auf das Brimborium verzichtet, kann man als Abkehr von überstimulierender Opulenz verstehen, unter der die Bieber-Generation leidet. Es wirkt aber auch wie die Verweigerung seiner Vergangenheit als Kinderarbeiter. Hier führt er die Arbeit seiner Generation aus, die Produkte in die Kamera hält, die nebenbei streamt, was sie auf Bildschirmen sieht und dabei ein bisschen labert. Die Kamera filmt ganz nah an seinen Fingern, wie sie etwas in die Suchliste auf Youtube eingeben, dem Ort, an dem er bekannt wurde. Natürlich kämpft er auch mit schlechtem Wifi. Wir sehen also die Konzertversion eines Reaction-Videos. Einen Zehn-Millionen-Dollar-Twitch-Livestream.
Bei dem gezeigt wird, wie er vom Zettel abliest, was er als nächstes eintippt. Das Video, in dem er gegen eine Glastür läuft, das, wie er von einer Bühne fällt und dann das Video, in dem er Paparazzi verzweifelt erklärt, dass er ein Vater sei, ein Mensch, der das Recht auf ein Leben habe. Wie er also all das zu seinem Werk erklärt, wie er so den Kontakt aufnimmt zu dem geschundenen Künstler, das ist tragisch berührend. Und das ist die größte Menschwerdung, die es auf einer derart großen Popbühne je gab.
Auch Katy Perry surft auf der Bieber-Welle
All das kann man aber auch als Referenz an eine diverse Sloppiness, also Nachlässigkeit, lesen, wie man sie seit einiger Zeit in Kunst, Design und Internetkultur findet. Und das Abspielen alter Musikvideos oder der Meme-Klassiker „Double Rainbow“ wird auch dem großen Phänomen der Gen-Z-Nostalgia gerecht. Einer Generation, die sich nach Tamagotchi und Low-Waist-Jeans sehnt, weil es in den Mittneunzigern bis 2000ern angeblich alles angenehmer war und Nostalgie den Wumms der Krisen weicher macht.
Und so produziert auch dieser Auftritt gleich neue Memes. Etwa von Popstar Katy Perry, die mit Boyfriend Justin Trudeau, ehemals Premier von Kanada, im Publikum steht und sagt: „Thank god he has [YouTube] Premium, I don’t wanna see no ads.“ Aber natürlich kommt dieser Stream nicht ohne Werbung aus. Immer wieder zeigt die Kamera den scheinbar nur noch zu Werbezwecken existierenden Körper von Kylie Jenner oder Biebers Ehefrau Hailey, die besingt er mit einem Liebesschwur. Das sind perfekte Clips, die da produziert werden, um die neuen Pickel-Patches zu bewerben, die Hailey gerade zusammen mit ihrem Mann designt hat.
Ich habe den Auftritt dann doch noch ganz gesehen. Wie man es heute so macht, durch einen Link auf Reddit. Am Ende folgt ihm die Kamera, wie er von der Bühne geht. Doch in Internet-Clips sehen wir, was danach passiert, wie seine Frau auf ihn zuläuft und ihn umarmt. Wir sehen hier einen Popstar, der darum bittet, als Mensch gesehen zu werden. Aber nie mehr einer sein kann und deswegen gelernt hat, wie er die Blicke durch Tausende Kameras lenken kann, die seit vielen Jahren auf ihn gerichtet sind. Wie er Bildschirme orchestriert. Am Ende des Konzerts sitzt er nah vor der Kamera, dreht sich weg von ihr und schaut in den Feuerwerkshimmel, den das Publikum nur durch seine Handykameras sieht.