Barbara Bonney 70: Kunstvoll natürlich

Barbara Bonney ereilte die Karriere wie die Jungfrau das Kind. In Montclair, New Jersey, zur Welt gekommen, lernte die Sopranistin, die heute ihren siebzigsten Geburtstag feiert, zunächst Klavier und Violoncello spielen, später beschäftigte sie sich auch unter fachlicher Anleitung mit Gesang. Doch erst als sie nach Salzburg kam, um Deutsch zu lernen, ergab sich eine klare Priorität. Ihre Stimme fiel auf, sie studierte am Mozarteum, betätigte sich als Chorsängerin und landete bald auf der Opernbühne: Darmstadt zunächst, 1979, bald schon Frankfurt, 1983, und München, 1984. Sir Georg Solti holte sie als Sophie in Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ nach London, von dort ging es auf die großen Bühnen und Podien der Welt.

Hinter jeder großen Karriere steckt harte Arbeit, was bei Bonney die Fähigkeit, sich beschenken zu lassen, nicht ausschloss. Nur so ist wohl die außerordentliche Schönheit ihres Gesangs erklärbar, die sich ungezwungen zu ergeben schien – ganz ähnlich wie ihre Karriere. Übermäßiges Wollen oder ein besonders ehrgeiziger Ausdruckswillen: Damit stand sie ihrer Kunst nie im Weg. Klug ist ihr Singen, ohne den Hörer bevormunden zu wollen, süß ohne Süßlichkeit, kindlich ohne Naivität, kunstvoll ohne Künstelei, dramatisch ohne Theatralik.

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All das macht sie – unter anderem – zu einer unvergesslichen Mozart- und Strauss-Sängerin. Wenn sie „Bei Männern welche Liebe fühlen“ sang – als Pamina in der „Zauberflöte“, eine Rolle für die sie oft gefeiert wurde –, dann konnte man vor allem auch die Liebe Bonneys zu dieser Musik hören. Aus dieser Zuneigung erst, so schien es, ergab sich die technische Perfektion: das geschmeidige Legato, die überlegene Phrasierung, das bruchlose Tragen der Stimme auf dem Atem. Wenn Bonney „Im Abendrot“, dem letzten der „Vier letzten Lieder“ von Strauss (sie nahm das Werk gemeinsam mit Malcolm Martineau in der Klavierfassung auf), bei der staunenden Schlussfrage anlangt: „Ist dies etwa der Tod?“, bleibt ihr Gesang, anders als bei vielen ihrer Kolleginnen, frei von jeglicher Mystifikation. Die Fülle des Wohllautes teilt sich bei Bonney auch noch in gedämpftester Lautstärke mit, das Mysterium des Todes – Strauss verleiht ihm mit überraschenden Modulationen Ausdruck – wird zum ganz natürlichen, sehr akzeptablen Teil der Realität. Tröstlicher hat das bislang keine Sängerin gesungen.

In all ihrer Schönheit war Bonneys Kunst nie eine des Elfenbeinturms, sondern der Nahbarkeit und Zugänglichkeit. Wer könnte von dieser Stimme, von ihrer Kraft, von ihrer beruhigenden Selbstgenügsamkeit unberührt bleiben? Ihre Offenheit machte Bonney auch zur gefragten Lehrerin, die ungern von Technik sprach, lieber von der geistigen und körperlichen Haltung, die gelungenem Singen zugrunde liegt. Trennende Unterschiede wollte sie auch da nicht sehen, sie unterrichtete nicht nur Studenten sondern auch Laien, in Salzburg etwa, wo sie an der Universität Mozarteum lehrte, dort, wo sie selbst einst ihre Laufbahn begann. In Salzburg, für sie die Stadt der Musik schlechthin, eröffnete sie 2011, drei Jahre nach ihrem Bühnenabschied auch ein Modegeschäft mit dem Namen „Bonney & Kleid“. Man konnte darin den Ausdruck einer kecken Freiheit gegenüber dem musikalischen Betrieb sehen.

Source: faz.net