Exit-Strategie | Hybris ohne Exit-Strategie: Warum Trumps Iran-Feldzug in die historische Falle tappt
Zu Beginn dieser Woche hat Donald Trump seinem gegen den Iran gerichteten Zerstörungsfuror freien Lauf gelassen, ohne auch nur einen Gedanken an die dadurch heraufbeschworenen regionalen Kettenreaktionen zu verschwenden. Seine Tiraden brachten zu Bewusstsein, wie sehr dieser Krieg nicht nur ein Angriff auf das Völkerrecht, sondern ebenso auf den Verstand und die Vernunft ist.
Kanzler Friedrich Merz hat dies – spät zwar, aber immerhin – auf Distanz gehen lassen, ohne jedoch den Vorwurf zu erheben, wie verheerend es ist, wenn die USA und Israel ihre militärische Übermacht so ungezügelt einsetzen, wie das seit mehr als einem Monat geschieht. Dieses „Because we could“ erinnert an George W. Bushs Irak-Aggression 2003, nur ist das Eskalationspotenzial heute gravierender – allein schon, weil der Iran deutlich größer ist als der Irak.
Kriegsminister Pete Hegseth bediente sich einer christlich-apokalyptischen Bildsprache,
Donald Trump hat sowohl die regionale Virulenz seines Feldzugs als auch die Fähigkeiten der iranischen Verteidiger unterschätzt, gezielt verwundbare Punkte der Golfstaaten, des Welthandels und der Weltökonomie anzugreifen. In Anlehnung an das Dollar-Verständnis des einstigen US-Finanzministers John Connally – „unsere Währung, aber euer Problem“ – von 1971 ließe sich, bezogen auf die „Operation Epic Fury“, formulieren: „Es ist unser Krieg, aber euer Problem.“
Trump prahlte Anfang April, der Iran werde „ausgeweidet“, in die „Steinzeit zurückgebombt“ und sei schon nach einem Monat „im Wesentlichen keine Bedrohung mehr“. Kriegsminister Pete Hegseth bediente sich einer christlich-apokalyptischen Bildsprache, um den Konflikt als heiligen Endkampf zu beschreiben, als sei man zu einem Kreuzzug angetreten. Dabei hatte Trump das Muster „forever wars“ eigentlich vermeiden wollen – endlose Militäreinsätze ohne klar definiertes Ziel, das sich als Sieg feiern ließe, vor allem ohne Exit-Strategie. Noch im Wahlkampf 2024 hatte er sich als einen künftigen Präsidenten gepriesen, an dem sich messen lasse, in wie wenige Kriege die USA in seiner Amtszeit hineingerieten.
Nun verlangt Trump, man müsse die Kampfhandlungen „in der richtigen Perspektive“ sehen. Er behilft sich mit dem Verweis auf die Dauer früherer US-Kriege – der in Vietnam habe „mehr als 19 Jahre“ gedauert (was nicht stimmt, die ersten regulären US-Marineinfanteristen landeten 1965, 1973 waren alle US-Truppen wieder weg), „der im Irak mehr als acht Jahre und der Zweite Weltkrieg drei Jahre, acht Monate und 25 Tage“. Dagegen zeige man gegen den Iran seit gerade einmal 30 Tagen „eine kraftvolle, brillante Operation“. Es gelte, die 13 bisher gefallenen US-Soldaten „zu ehren, indem wir die Mission vollenden, für die sie ihr Leben gaben“.
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„Mission creep“ – die schleichende, ungeplante Ausweitung eines Militäreinsatzes
Dieses Handlungsraster ist nur allzu bekannt. Zwischen 1776 und 2026 haben die Vereinigten Staaten etwa 400 bewaffnete Interventionen gegen andere Länder ausgeführt, was in der Regel mehr Probleme verursacht hat als gelöst. Die höchst durchwachsene Bilanz solcherart globaler Machtprojektion nach 1945 – man denke an Korea, Vietnam, den Nahen Osten, Grenada, Panama, Somalia, Afghanistan, den Irak und Libyen – sollte zu nüchterner Bestandsaufnahme nötigen. Dazu kam es freilich nie. Die USA hatten allein aus Statusgründen kein Interesse daran. Und niemand konnte sie dazu zwingen.
Das Phänomen „Mission creep“ – die schleichende, ungeplante Ausweitung eines Militäreinsatzes über die ursprüngliche Absicht hinaus – war nur allzu oft die Konsequenz fataler Fehlurteile. In Vietnam wurde aus einigen hundert Militärberatern um 1960 herum ein Armeekorps von zeitweise 543.000 Mann. Keine zehn Jahre später, dem der durchschlagene Erfolg versagt und 1972/73 nur der Abzug blieb.
Somalia wurde 1992/93 zu einem von US-Streitkräften getragenen Testfall für eine UN-Intervention neuen Typs, bei dem die Weltorganisation erstmals in ihrer Geschichte Frieden mit Waffengewalt erzwingen wollte („peace enforcement“) und scheiterte. Im Irak wurde zwischen 2003 und 2011 aus einem Eroberungs- ein Besatzungskrieg, der angeblich dem Nation Building diente und das Gegenteil bewirkte.
Die Afghanistan-Mission kostete etwa 2,2 Billionen Dollar
In Afghanistan hatte die Sowjetarmee in den 1980er Jahren leidvoll erfahren, wie schwer es war, diesem Land eine Regierungsform gewaltsam aufzudrängen. Diese Erkenntnis bestätigte sich ab 2001 durch die von der NATO geführte ISAF-Mission. Mit dem Sturz des Taliban-Regimes hatte die Terrorgruppe al-Qaida 2001 zunächst ein Rückzugsgebiet verloren. Zehn Jahre später – am 2. Mai 2011 – wurde deren Anführer Osama bin Laden bei einer US-Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad getötet. Das unmittelbare Ziel einer globalen Anti-Terror-Kampagne, dschihadistischen Gegnern sichere Rückzugsorte zu entziehen, wurde rasch erreicht, doch damit war ein Land wie Afghanistan mitnichten befriedet.
Da es dafür kein schlüssiges politisches Konzept gab und die Taliban nicht geschlagen waren, sondern stärker wurden, mussten Ende August 2021 die letzten verbliebenen Soldaten aus NATO-Staaten das Land überstürzt verlassen. Allein die USA kostete die Afghanistan-Mission etwa 2,2 Billionen Dollar. Man beklagte zudem 2.459 gefallene Militärs. Dauerhaft erreicht wurde nichts, die Taliban kehrten zurück und mit ihnen das islamische Kalifat als Staats- und Gesellschaftsform.
Für ein vergleichbares Desaster sorgte ab 2003 der Einmarsch im Irak. Zwar wurde der Diktator Saddam Hussein gestürzt, doch führte ein danach ausufernder innerer Krieg zu Hunderttausenden von Toten und zu fanatischen Terrorgruppen wie dem Islamischen Staat (IS). Von Afghanistan abgesehen, hat es keinen vergleichbaren strategischen Fehlschlag gegeben.
Der Luftkrieg einiger NATO-Staaten 2011 über Libyen hinterließ ein bis heute destabilisiertes Land mit Bürgerkrieg und Milizen-Chaos. Es gibt keinen belastbaren Stabilisierungsplan, stattdessen latente Gewalt, konkurrierende Regierungen in Tripolis und Bengasi, einen inhumanen Umgang mit Migranten aus Afrika.
Es fehlte in allen Fällen eine realistische Exit-Strategie
Stets ging es für die Amerikaner darum, unerwünschte Neben- und Folgewirkungen eines Eingreifens frühzeitig zu berücksichtigen. Aber es fehlte in allen Fällen, vom Zweiten Weltkrieg einmal abgesehen, eine realistische Exit-Strategie. Es kam zu einem Überschätzen eigener Möglichkeiten in zumeist asymmetrischen Konflikten, es gab stets das Problem, sich nicht zurückziehen zu können, ohne einen Gesichtsverlust hinnehmen zu müssen, sowohl im eigenen Lager als auch im eigenen Land.
In den Grundzügen wiederholt sich das gegen den Iran. Wie so oft beim Einsatz militärischer Gewalt werden erste Ziele schnell erreicht, aber deren Nutzen nimmt im weiteren Verlauf der Angriffshandlungen klar ab. Es fehlt an einer realitätsbezogenen Agenda, die dem Gegner zugesteht, sich behauptet zu haben.
Misslungen erscheint überdies eine enge Vernetzung zwischen militärischen und zivilen Akteuren, wobei als Faustformel gilt, bei der Friedenssuche so viel Militär wie nötig und so wenig wie möglich einzusetzen. Wieder einmal zeigt sich, wie fragwürdig doch der Versuch sein kann, in fremden politischen Kulturen das westliche Wertesystem zum Maßstab für oktroyierten Wandel zu erheben.
Unter Donald Trump verschärfen sich der Fehlermodus durch Irrationalität und Hybris
Eine im Bewusstsein der Bevölkerung fest verankerte Staatsform kann sich auf Dauer nur von innen heraus verändern. Wird der Druck von außen auf Traditionen und den Willen der Menschen zu stark, finden sich westliche Militärs, Diplomaten, Polizeiberater und Entwicklungshelfer allzu rasch in der gegen ihren Willen zugeschriebenen Rolle eines Besatzers wieder – womit ihr Auftrag letztlich undurchführbar wird.
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Territorien können erobert werden, Regime stürzen, politische Ziele aber kaum mit Waffengewalt erzwingen. Ein militärisch dominiertes Krisenmanagement erweist sich politisch langfristig als nutzlos. US-Regierungen verfallen immer wieder dem gleichen Fehlermodus, unter Donald Trump verschärft durch Irrationalität und Hybris. So hinterließen die Interventionen der vergangenen Jahrzehnte stets politische Ruinenfelder in Größenordnungen.
In der griechischen Mythologie folgt auf Hybris die Nemesis – die Göttin des „gerechten Zorns“ und der Vergeltung.