Chemieindustrie: Spielt Dow Chemical im Chemiedreieck gen Zeit?

Am Chemiestandort Schkopau in Sachsen-Anhalt geht nichts ohne Dow Chemical. Denn seit der amerikanische Chemiekonzern kurz nach der Wende die ehemaligen Buna-Werke übernommen hat, ist die deutsche Tochtergesellschaft Dow Olefinverbund nicht nur eines der größten Unternehmen im mitteldeutschen Chemiedreieck. Als Eigentümer von Flächen und Infrastruktur kümmert sich Dow auch um die Versorgung und Entwicklung des Chemieparks Schkopau. Doch nachdem Dow im vergangenen Sommer angekündigt hat, bis Ende 2027 neben dem „Cracker“ im sächsischen Böhlen auch die Chlor-Alkali- und Vinyl-Anlagen in Schkopau zu schließen, ist unklar, welche Rolle das Unternehmen künftig spielen wird.
„Wir haben Dow viel zu verdanken und verstehen auch, dass das Unternehmen in Zukunft eine andere Rolle in Mitteldeutschland einnehmen möchte“, sagt Torsten Ringling, parteiunabhängiger Bürgermeister der Gemeinde: „Die aktuellen Entscheidungsprozesse dauern jedoch viel zu lange, und das verbessert die Stimmung am Standort nicht.“ Mitte Februar organisierte er ein Treffen von Vertretern des Chemiestandorts mit Sven Schulze (CDU), dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Die Teilnehmerliste lässt aufhorchen.
Zu dem nicht öffentlichen Wirtschaftsgespräch im Ratssaal der Gemeinde kamen fast zwei Dutzend Vertreter von Unternehmen am Standort, darunter die Niederlassungsleiter der brasilianischen Braskem, des US-Konzerns DuPont und der polnischen Chemiefirma Synthos. Ein Dow-Vertreter war nicht dabei. „Es gab den Wunsch, sich auch einmal ohne Dow auszutauschen“, sagt Ringling.
Chemiestandort steht unter Druck
Die Situation der Chemieindustrie ist in ganz Deutschland angespannt. Die Binnenlage des mitteldeutschen Chemiedreiecks, das seit dem russischen Angriff auf die Ukraine zudem von Gas und Öl aus Russland abgeschnitten ist, bringt eigene Probleme. Der Chemiepark Schkopau steht seit der Ankündigung von Dow, zwei Großanlagen in der Region zu schließen, besonders unter Druck. Denn der Steam-Cracker in Böhlen liefert auch Vorprodukte für Anlagen in Schkopau. Woher diese Produkte nach dem Jahr 2027 kommen, ist offen. Die Versorgung im Chemiepark droht ohnehin teurer zu werden. Denn die Infrastruktur wird ohne die Großanlagen von Dow schlechter ausgelastet sein.
Zunächst war man im mitteldeutschen Chemiedreieck optimistisch, Interessenten für den Weiterbetrieb der Anlagen in Böhlen und in Schkopau zu finden. Doch die Gespräche mit möglichen Käufern scheiterten schon in einem frühen Stadium, wofür die Gewerkschaft IGBCE vor allem Dow verantwortlich macht. Auch für die Chlor-Alkali- und Vinyl-Anlagen soll es mehrere Kaufinteressenten geben. Eine Entscheidung steht aber noch aus. Wie groß der Frust darüber ist, lässt sich im Protokoll der Sitzung des Wirtschaftsausschusses des sachsen-anhaltischen Landtags aus dem November nachlesen.
Dieter Macke, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Dow Olefinverbund, war einer der Branchenvertreter, die vor dem Ausschuss ausführten. „Das Versprechen war, wenn ihr uns jemanden bringt, der Interesse oder Konzepte hat (…), dann sind wir dazu bereit, für einen symbolischen Euro die Anlage abzugeben“, berichtete er über die Gespräche mit Dow: „Jetzt hat man uns erklärt, es ist schön, dass es Interessenten gibt, wir haben uns aber entschieden, wir wollen den Cracker doch nicht mehr verkaufen oder verschenken“, sagte Macke.
Bundeskanzler macht Dow zur Chefsache
Einen Monat später stand das Thema im Zentrum einer Debatte im Landtag in Magdeburg, in der die Fraktion der Linken den Antrag einbrachte, Dow notfalls zu enteignen, um einen Verkauf der Anlagen an Nachnutzer zu ermöglichen. „Es geht nur mit Dow und nicht gegen Dow“, entgegnete Sven Schulze in der Debatte. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nahm im Dezember ebenfalls zu dem Thema Stellung. Sollte sich der Vorwurf bestätigten, dass Dow eine Nachnutzung in Böhlen systematisch verhindere, werde er Konzernchef Jim Fitterling erklären, dass das aus deutscher Sicht nicht hinnehmbar sei, sagte er im Bundestag.
Ute Spring, die Vorstandsvorsitzende von Dow in Deutschland, wies im Dezember auf dem ostdeutschen Chemiegipfel in Böhlen auf die schwierigen Standortbedingungen für die gesamte Branche hin. „Das nächste Jahr wird entscheiden“, sagte Spring über die Aussichten für die Chemieindustrie in Deutschland und nahm die Politik in die Pflicht. „Wir sind nach wie vor bereit, konstruktiv zusammenzuarbeiten“, sagte sie. Die Sprachregelung von Dow ist unverändert.
„Seit der Ankündigung der Stilllegung arbeiten wir nicht nur intensiv an Lösungen für die betroffenen Mitarbeitenden, sondern auch für die Chemiestandorte Böhlen und Schkopau“, heißt es auf Anfrage vom Dow Olefinverbund. Es würden verschiedene Optionen geprüft, auch für den Infrastrukturbetrieb. Daneben werde die Vermarktung der Chemieparks in Schkopau und Böhlen für neue Ansiedlungen vorangetrieben. „Wir stehen dazu in engem Austausch mit unseren Betriebsräten, den Gewerkschaften und Vertretern der Landespolitik“, erklärte ein Sprecher. Details und Inhalte der Gespräche könnten zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht geteilt werden.
Marktbereinigung geht vor Nachnutzung
„Es wird regelmäßig miteinander gesprochen, aber es ist noch ein langer Weg, bis der Chemiestandort von neuen Akteuren aktiv entwickelt werden kann“, sagt Torsten Ringling, Bürgermeister von Schkopau. Nicht nur bei der Gewerkschaft IGBCE hegt man den Verdacht, dass Dow auf Zeit spielt. Der Konzern habe sich entschieden, „in Mitteldeutschland nicht weiter an der Zukunft zu bauen“, sagt Stephanie Albrecht-Suliak, Landesbezirksleiterin Nordost der IGBCE. Nach der Ankündigung aus der US-Konzernzentrale, auf der Welt 4500 Stellen zu streichen, befürchtet die Gewerkschaft einen Kahlschlag.
Verkauf und Nachnutzung der Anlagen in Böhlen und Schkopau würden statt der angestrebten Marktbereinigung neue Konkurrenz bedeuten und seien nicht im Interesse von Dow, hört man am Chemiestandort. „Das bisher wahrnehmbare Muster von aktivem Tun und Nichttun lässt Beobachter diese Möglichkeit zumindest nicht ausschließen“, sagt auch Thomas Brockmeier, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau.
Für die unternehmerische Entscheidung, den Cracker in Böhlen zu schließen, gebe es viel Verständnis, sagt er. „Aber das lange Schweigen darüber, wie die Strategie von Dow aussieht, ob und wie es wann und womit weitergeht, sorgt verständlicherweise für Unmut“, sagt Brockmeier. Der Standort sei stark verflochten. Es gebe vielfältige wechselseitige Abhängigkeiten. „Offenheit und Transparenz aller Akteure sind gerade an solchen Standorten von besonderer Bedeutung, um Verbindlichkeit und dadurch Planbarkeit für die Verbundpartner zu schaffen“, sagt Brockmeier.
Risse im Stoffverbund bedrohen Arbeitsplätze
Dow verfügt in Deutschland über 13 Standorte und beschäftigt hier rund 3400 Mitarbeiter. Knapp die Hälfte davon arbeitet im mitteldeutschen Chemiedreieck. Neben den zur Schließung angekündigten Anlagen betreibt der Konzern Kunststoffanlagen in Schkopau und Leuna, eine Anlage zur Herstellung von Materialien für die Bauindustrie in Schkopau und eine Anilin-Anlage in Böhlen. Im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen nutzt Dow weitere Anlagen zur Herstellung von Materialien für die Bauindustrie. Hinzu kommt ein Sol- und Speicherfeld in Teutschenthal.
Dow zählt in Mitteldeutschland rund 1600 Beschäftigte. Mehr als 500 Arbeitsplätze werden mit der Schließung des Crackers in Böhlen und der Chlor-Alkali- und Vinyl-Anlagen in Schkopau wegfallen. Beobachter warnen vor weiteren Arbeitsplatzverlusten und strukturellen Folgen, wenn die beiden Großanlagen von Dow aus dem Stoffverbund im mitteldeutschen Chemiedreieck fallen. Drei Unternehmen – Ravago, Trinseo und Philippine – haben seit der Ankündigung von Dow im vergangenen Sommer schon mitgeteilt, eigene Anlagen in Schkopau zu schließen.
Schulze nahm von dem Treffen in Schkopau trotzdem eine positive Botschaft mit. „Jede Firma am Tisch hat gesagt, dass sie kein Interesse hat, den Kopf in den Sand zu stecken, aber sie brauchen Sicherheit“, sagte der Ministerpräsident. Sicherheit, die nicht zuletzt wegen der unklaren Rolle von Dow in Schkopau derzeit nicht gegeben ist. „Ohne Dow geht es nicht“, stellte Schulze in Schkopau klar. Dennoch müsse sich der Standort auf ein Szenario ohne Dow als Betreiber des Chemieparks vorbereiten.